Kaufland am Lindenauer Markt: Das Stadtforum richtet Fragen an die Stadträte
Daniel Thalheim
05.03.2010
Tram am geplanten Kaufland-Center.
Fünf Jahre lang herrschte Stillschweigen über ein Projekt, das viele Lindenauer als gestorben betrachteten. Ein Stadtteilzentrum soll im Laufe von 2010 bis Ostern 2011 entstehen. Für das Stadtforum stellen sich aber Fragen rund um die Konzeption für Verkehr, Handel vor Ort und Nutzen des Centers mitten im Herz von Alt-Lindenau.
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Ein Fragenkatalog soll die Stadträte auf die Bürgerversammlung am 11. März im Theater der Jungen Welt vorbereiten.
In der Pressemeldung des Stadtforums vom 3. März heißt es: Neben dem Lindenauer Markt soll anstelle bisher bestehender Wohnhäuser und Brachen ein Einkaufszentrum mit 3.800 Quadratmetern Verkaufsfläche entstehen. Die gängigen Märkte – ebenfalls bereits mit einem breiten, über den Lebensmittelbedarf hinaus gehenden Angebot – haben eine Verkaufsfläche von rund 800 m². Erfahrungen mit vergleichbaren Einkaufszentren in und außerhalb von Leipzig, wie in Reudnitz, Gohlis oder Wahren, zeigen, dass anstelle einer von den Planern versprochenen Kunden- Magnetwirkung für das gesamte Umfeld des EKZ, durchaus auch eine Verlagerung bestehender Unternehmen in das Einkaufszentrum sowie deren Geschäftsaufgabe zu befürchten sein kann.“
Das Stadtforum kritisiert weiter, warum von den Stadtplanern zum Entwickeln von Stadtteilzentren nicht bereits vorhandene Gebäudesubstanz wie die Kaufhäuser um die Lützner Straße herum, genutzt werden. „In unmittelbarer Nachbarschaft zum Lindenauer Markt liegt im Bereich Lützner Straße / Merseburger Straße das traditionelle Einkaufs-Zentrum des Stadtteils Lindenau, das noch bis Anfang der 1990er Jahre Kunden aus dem gesamten Stadtgebiet angezogen hat. Hier befinden sich die alten Kaufhäuser Held und Karstadt mit einem unausgelasteten Parkhaus in der Gemeindeamtsstraße.“
Stadtforum hat 28 offene Fragen zum geplanten Center in Lindenau.
Foto: Daniel Thalheim
In acht großen und kleinen Komplexen stellt das ortsansässige Netzwerk um die Sprecher Alexander Khorrami und Wolfram Günther sachlich formulierte und kritische Fragen an die Planer. „Existieren Marktuntersuchungen für den Bedarf eines EKZ mit einer Größe von 3.800 qm Fläche an diesem Standort?“, scheint eine wichtige Frage zu sein. Denn offenbar beziehen sich alle bisherigen Erfahrungen auf Stadtteilzentren wie die Leutzsch-Arkaden und das viel zitierte Reudnitz-Center. Auch der Verkehrsfluss wird hinterfragt, ob die Abzweigung von der Zschocherschen in die Kuhturmstraße wegen der zusammenlaufenden Straßenbahnlinien als problematisch eingestuft werden kann. Jetzt ist der Verkehrsfluss gering, weil der PKW-Verkehr derzeit in ein reines Wohngebiet führt. Das Stadtforum befürchtet auch den so genannten Schleichverkehr durch das sanierte Wohngebiet. Nicht immer halten sich Autofahrer an die Vorgaben der Planer.
Auch im Komplex zur bestehenden Baulücke greift das Stadtforum eine gewichtige Frage auf: „Inwieweit wurde diese Fläche als zusätzliche Bau- und wohl zumindest im Erdgeschoss Verkaufsfläche bereits in die Überlegungen zur Gestaltung des Lindenauer Marktes einbezogen?“ Im Komplex zur Wiederbelebung der Georg-Schwarz-Straße sieht das Stadtforum die Fragestellung, inwieweit sich ein Einkaufszentrum am Lindenauer Markt künftig negativ auf die Einkaufsstraße in Leutzsch auswirken würde.
Die Architekturlösung vom Architektenbüro Volkmann & Weis wird im weiteren als zu unzureichend kritisiert. Der 2005 prämierte Wettbewerbsbeitrag sieht nach jetzigem Stand begrünte Fassaden an der Flanke Henricistraße und an beiden Seiten der Kuhturmstraße vor. Auch das auf dem Marktgebäude aufgesattelte Parkdeck soll samt Auffahrrampe einen begrünten Sichtschutz erhalten.
Man sucht Begründungen seitens der Unteren Denkmalschutzbehörde in Leipzig für den Abriss der Blockrandbebauung für den Abschnitt am Lindenauer Markt und Henricistraße.
Straßenbahn an der Ecke Lindenauer Markt /Kuhturmstraße.
Foto: Daniel Thalheim
Doch die wichtigsten Fragen stellt das Stadtforum nicht. Denn auch der ruhende Verkehr ist ein Grundproblem bei einer Centerlösung. Es heißt, dass alle Parkplätze kostenlos für die Kunden da sind. Das schafft eine Konkurrenz und ungleichen Wettbewerbsvorteil gegenüber den vor Ort ansässigen Kleinhändlern, die zwar mit einem Mehr an Laufkundschaft rechnen können, aber bei einem Warensortiment von über 50.000 Billigprodukten könnte dieser Aspekt gering ausfallen.
Rund 30 Prozent der Lindenauer leben von staatlichen Leistungen. Wenn aber wie in diesem Fall Parkplätze vorgesehen sind, dann scheint es ein fortgesetzter Fehler am falschem Platz zu sein. Es gibt genügend ÖPNV vor Ort. Also warum die Parkplätze? Kaufland bestimmt hier die Richtung mit gelernten Vorgaben.
Mit Fairness in der kleinräumigen Nahversorgung scheint das nichts zu tun zu haben, bleibt zumindest wieder eine halbe Sache. Denn Kaufland kann nur zu Recht befürchten, keine PKW-Kundschaft anzuziehen. Denn ein Center diese Größe funktioniert nur mit neuen Auto-Kunden.
Jeder andere Ansatz mündet in eine Alternative: Ergebnis würde dann sein, dass das Stadtteilcenter tatsächlich ein Einkaufszentrum für die Nahversorgung in Alt-Lindenau wird oder für die Kunden, die den ÖPNV nutzen. Eine Fortbewegungsart, welche die Stadt eigentlich favorisieren will. Wie hoch ist also der Nutzen von Parkplätzen gegen die Kundschaft vor Ort zu gewichten? Diese Frage wurde bisher von Niemandem beantwortet, geschweige denn überhaupt gestellt.
Aber das Stadtforum will jetzt zumindest erst einmal Antworten auf seine 28 übrigen, durchaus wesentlichen Fragen haben.
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