Luxus-Fassade versteckt unterm Marktplatz: Leipzigs Citytunnel macht in „edel“ und soll dennoch im finanziellen Rahmen bleiben
Matthias Weidemann
18.12.2011
Blick aus dem Stationseingang auf die Häuser am Markt.
Foto: Matthias Weidemann
Er hat es mit Bestimmtheit und fester Stimme gesagt in den Katakomben des Citytunnels und in Anwesenheit zahlreicher Journalisten, und man wird ihn fortan beim Wort nehmen, den sächsischen Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP): „Die Kosten für den Citytunnel werden im Rahmen dessen bleiben, was von uns veröffentlicht wurde. Also bei der schon bekannten Summe von 960 Millionen Euro.“
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Das sagte der Politiker anlässlich einer Tunnelbegehung unter dem Leipziger Weihnachtsmarkt am Freitagnachmittag. Allerdings stimmte die weihnachtliche Atmosphäre den Minister nicht gerade milde. Was seine Vorgänger betrifft, sparte er doch nicht mit Kritik an der Herangehensweise bezüglich der Tunnelarbeiten vor seiner Amtszeit (wohlgemerkt): „Es sind definitiv Fehler gemacht worden, die aber abgestellt wurden. Deshalb ist mit keiner weiteren Kostenerhöhung zu rechnen. Ich rechne definitiv nicht mit weiteren bösen Überraschungen. Seit ich in der Verantwortung bin, gibt es keine Probleme mehr.“
Besuch der neuen Tunnel-Station mit Verkehrsminister Sven Morlok.
Foto: Matthias Weidemann
Auf die Frage, ob denn der Tunnel nicht eher ein reines Prestigeprojekt sei, antwortete Morlok etwas angefressen: „Leipzig holt einfach nach, was viele europäische Metropolen schon längst gemacht haben, die einen oder mehrere Kopfbahnhöfe haben. Mittels einer U-Bahn sind sie verkehrstechnisch mit der Region wesentlich besser vernetzt. So wird das in Zukunft auch in Leipzig sein. Dann werden Sie zum Beispiel von Hoyerswerda direkt mit der S-Bahn nach Leipzig zum Shoppen fahren können.“
Und dann gab's noch einen nicht zu überhörenden Seitenhieb in Richtung der vom Citytunnel „gesegneten“ Stadt Leipzig, die nach Meinung des sächsischen Wirtschaftsministeriums einen viel zu geringen Anteil am großen Kuchen bezahlt, dafür aber ungerechterweise den ganzen Kuchen aufessen darf: „Der Tunnel wird aus Mitteln der EU, des Bundes und des Landes Sachsens bezahlt.“ Richtig. Und ein ganz klein wenig, nämlich 1,35 Prozent des Gesamtvolumens von rund 960 Millionen Euro, trägt Leipzig dazu bei. Das sind rund 13 Millionen Euro. Nicht genug, ist die bekannte Meinung aus Dresden, die Summe soll bekanntlich verdoppelt werden, was den Stadtvätern und künftigen Citytunnel-Eigentümern natürlich nicht in den Budgetkram passt, Sorgenfalten auf die Stirn treibt und das ohnehin schon als wenig herzlich zu nennende Verhältnis zwischen Leipzig und Dresden nicht gerade in glühende Zuneigung verwandeln wird.
Die Tunnel-Verkleidung wird ein unterirdischer Luxus in Terrakotta.
Foto: Matthias Weidemann
So stapfte denn Sven Morlok angesichts der Baufortschritte im Tunnel und der wohl als sicher geltenden Obergrenze hinsichtlich der Ausgaben zwar zufrieden aber dennoch mit mehr als nachdenklicher Miene durch den Leipziger Untergrund. Der war im Gegensatz zur eher düsteren Miene des Wirtschaftsministers hell erleuchtet und lies deutliche Fortschritte erkennen. Fortschritte allerdings, die auch eine gewisse Ahnung davon vermittelten, warum solch ein Projekt so teuer werden kann. Die Innenverkleidung samt Decke der Haltestelle unter dem Leipziger Weihnachtsmarkt alleine weist eine Fläche von 25.000 Quadratmetern auf.
Damit nicht genug, besteht sie aus einer aufwändigen Edelstahlaufhängung an die etwa 1,20 mal 0,30 Meter große Platten aus sandfarbenem Terracotta angebracht werden. Sieht sehr edel aus, zugegeben. Hat aber lediglich dekorativ architektonische Zwecke. Denn praktischen Nutzen hat solch luxuriöse Innenarchitektur leider keinen, wie Andreas Irngartinger, Bereichsleiter der DEGES, erklärte: „Das hat weder schalldämpfenden noch einen wärmedämmenden Charakter, ist reine Architektur.“ Schick wird das sicher, fragt sich allerdings, ob es nicht eine billigere und weniger umständliche Variante gegeben hätte. Jedenfalls ist die beauftrage Firma NBK Ceramic Architectural Terracotta mit Sitz in Emmerich, Nordrhein-Westfalen am Niederrhein, ein internationaler Player mit erstklassigen Referenzen und weltweiten Vorzeigeobjekten wie dem Potsdamer Platz, dem Museum of Arts and Design in New York, dem Museumsneubau Sammlung Brandhorst in München oder der Synagoge des Jüdischen Gemeindezentrums in Mainz. Und man rühmt sich immerhin damit, weltweit neue Maßstäbe in anspruchsvoller Architektur zu setzen.
Laut firmeneigener Website beschäftigt man sich bereits seit den siebziger Jahren mit der Umsetzung der vorgehängten und hinterlüfteten Fassade und werde mit dieser neuartigen Fassadenarchitektur aus Terracotta höchsten Ansprüchen gerecht. Höchste Ansprüche hatte man also auch bei den Tunnelbauern, die es sich nicht nehmen ließen, diese aufwändige Fassadentechnik unter der Erde von Leipzig zu verstecken.
Zurück zu den Fortschritten unter dem Weihnachtsmarkt. Bis November 2012 will man dort fertig sein und auch den alten Messeeingang vor dem Messehaus am Markt wieder denkmalgerecht gestaltet haben. Die Rolltreppen sind zwar noch abgedeckt aber schon fertig montiert. Gleich rechts vom südlichen Eingang am Markt soll die Schalterhalle mit Sanitäranlagen und einer Kanzel mit prächtiger Aussicht auf den Gleiskörper unten entstehen. Sieht alles schon jetzt sehr eindrucksvoll und anspruchsvoll aus und ist alles im Plan wie Andreas Irngartinger noch einmal betont: „Ja, es läuft alles reibungslos und wir sind zuversichtlich, alles termingerecht abschließen zu können.“ Klingt ja ganz gut, Hauptsache, es ist nicht alles Fassade. Was übrigens die genauen Kosten der Terracotta-Innengestaltung betrifft, konnte angesichts des heranrückenden Wochenendes noch keine Recherche seitens der L-IZ angestellt werden.
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