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Acht Millionen für ein Stück Kleinstaaterei: Sachsen braucht ein Nationalmuseum

Ralf Julke
Sächsischer Nationalstolz?
Sächsischer Nationalstolz?
Es gibt Ideen, die kleben so zäh wie Leim. Gerade weil sie so schräg sind. Das Sächsische Nationalmuseum etwa, mit dem der Vorsitzende der Sachsen-FDP, Holger Zastrow, im Landtagswahlkampf die grün-weiße Karte gezogen hat. Am Donnerstag griff Sachsens Wissenschaftsministerin die Idee wieder auf.

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Da besuchte sie die aktuelle Baustelle für das "Haus der Archäologie" im ehemaligen Kaufhaus Schocken in Chemnitz. Der Freistaat will sich da ein ähnliches Kleinod schaffen, wie es das benachbarte Sachsen-Anhalt in Halle seit Langem besitzt. Wissenschaftlich betrachtet natürlich hochgradiger Blödsinn, denn die Zeitepoche, die das sachsen-anhaltinische Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle abbildet und das Chemnitzer Museum einmal abbilden soll, ist die gleiche. Nur moderne Verwaltungsgrenzen verstellen den Blick darauf, dass es keine allein stehende sächsische oder sachsen-anhaltinische Vorgeschichte gibt. Viele Sachsen haben noch nicht einmal registriert, dass die große Geschichte rund um die Himmelsscheibe von Nebra auch ihre eigene ist.

Aus der historischen Perspektive betrachtet, wäre eine Zusammenführung der archäologischen Befunde aus dem ganzen mitteldeutschen Raum in einem einzigen Museum sogar ratsam – und würde selbst den Wissenschaftlern das Arbeiten erleichtern.

Aber was sich in den jeweils einzeln aufmunitionierten Landesmuseen für Vorgeschichte zeigt, hat Sachsens Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) beim Baustellenbesuch am Donnerstag noch auf die Spitze getrieben. Sie hat vorgeschlagen, da ja genug Platz in dem gewaltigen Kaufhaus sei, auch gleich noch die von Holger Zastrow vorgeschlagene Idee eines sächsischen Nationalmuseums mit zu verwirklichen, sozusagen ein „Landesmuseum für sächsische Geschichte und Archäologie“ draus zu machen.

Zastrow hatte noch einen eigenen Standort für das "Nationalmuseum" im Japanischen Palais in Dresden vorgesehen, wo der Freistaat bislang seine archäologischen Funde präsentierte. Man sieht: Zastrow betrachtete das noch ganz praktisch – ein leeres Haus müsste gefüllt werden. Im Koalitionsvertrag aber wurde dann festgehalten, dass aus dem Japanischen Palais ein Porzellanmuseum werden soll. Das "Nationalmuseum" wurde als unverbindliche Idee mit rein geschrieben: "Wir beauftragen ein inhaltliches und räumliches Konzept zur Errichtung eines sächsischen Nationalmuseums zur umfassenden Vermittlung der sächsischen Geschichte und Kultur. Das Nationalmuseum soll sich neben der Identität stiftenden Wirkung als Haus der Geschichte vor allem auch an Kinder und Jugendliche wenden und gesellschaftspolitische Bildung vermitteln.“

Ein Nationalmuseum als Identifikationsstifter?
Ein Nationalmuseum als Identifikationsstifter?
Foto: Ralf Julke
Da steckt er, der anheimelnde Gedanke: "Identität stiftende Wirkung". Der Sachse soll sich wieder als Sachse fühlen – und stolz darauf sein. Nicht nur Sabine von Schorlemer war davon angetan. Schützenhilfe bekam sie sofort von zwei weiteren Sächsinnen: ihrer Amtsvorgängerin Eva-Maria Stange (SPD) und der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (ebenfalls SPD).

Beifall gab es auch vom CDU-Landtagsabgeordneten Prof. Günther Schneider. "Staatsministerin Prof. Sabine von Schorlemer hat eine wichtige und richtige Debatte angestoßen. Auf dieser Grundlage muss die Diskussion weiter geführt werden. Der Vorschlag, ein Nationalmuseum in Chemnitz zu integrieren, hat Charme. In einem zentralen Museum könnte die großartige Geschichte und Kultur Sachsens angemessen ausgestellt werden. Mit dem ehemaligen Kaufhaus Schocken will Sabine von Schorlemer einen interessanten Standort näher prüfen. Eine Erweiterung des dort vorgesehenen Archäologiemuseums ist eine reizvolle Vision“, sagte der Vorsitzende des zuständigen Arbeitskreises der CDU-Fraktion.

Den Spott für die Idee gab es freilich auch sofort. "Staatsministerin von Schorlemer ist dafür zu danken, dass sie sich zumindest erst einmal vom Begriff Nationalmuseum verabschiedet hat. Das 'Sächsische Nationalmuseum' hätte alle Aussicht, mit dem Titel 'Unfug des Jahres 2009' ausgezeichnet zu werden", erklärt Dr. Karl-Heinz Gerstenberg, Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag. "Es ist traurig, dass ein solches FDP-Hirngespinst überhaupt den Weg in den Koalitionsvertrag gefunden hat. Während die nationalen Bewegungen sich einst für die Überwindung von Kleinstaaterei und abgrenzendem landsmannschaftlichen Denken eingesetzt haben, erfindet die Koalition in Umkehrung dieser Ziele quasi eine 'Heilige Sächsische Nation'. Dieser Irrweg muss endlich beendet werden."

Gute Frage: Was wird aus der Idee, wenn die mitteldeutschen Landesfürsten endlich die Rationalität dazu aufbringen, die drei Bundesländer zu einem schlagkräftigen Bundesland zu fusionieren, das es mit Bayern, Baden-Württemberg und Hessen aufnehmen kann? – Eine Idee, die die gut versorgten Politiker der drei Länder natürlich weit von sich weisen. Nicht weil sie gute Sachsen oder Thüringer oder ausgewanderte Wirtschaftsdezernenten sind, sondern weil ihre Pöstchen daran hängen, die Spielwiesen ihrer Partei-Nomenklatura und das bisschen an kleinköniglicher Macht, das auch drittrangige Amtswalter mit Millionen spielen lässt – nur den Bundesländern nicht hilft und ihnen das Atmen schwer macht.

Warum nicht zur Sachsenfahne auch noch ein Sachsenmuseum?
Warum nicht zur Sachsenfahne auch noch ein Sachsenmuseum?
Foto: Ralf Julke

In Wahlkämpfen wird die Karte gern gezückt. Besonders von Politikern, deren Visionen am nächsten Schlagbaum enden. Dass die FDP mit dem "Nationalstolz" der Sachsen spielte, war eher neu. Und überraschte in seiner Wirkung selbst den Vorsitzenden der Sachsen-FDP. Und weil's im Koalitionsvertrag steht, denkt die Wissenschaftsministerin auch fleißig nach darüber, wie sie dafür Geld besorgen kann. Das sie gar nicht hat.

Darauf weist der kulturpolitische Sprecher der Fraktion Die Linke im Sächsischen Landtag, Dr. Volker Külow, hin: "Das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst muss 23,9 Millionen Euro an Einsparungen erbringen. Darüber, wo das geschehen soll, schweigt sich die Staatsministerin bislang aus. Mit weiteren Kürzungen ist aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise in den kommenden Jahren zu rechnen. Da erstaunt es schon, dass Frau von Schorlemer mit einem Vorschlag aufwartet, der Mehrkosten in Höhe von 8 Millionen Euro mit sich brächte. Und das nur, um der Schnapsidee des FDP-Vorsitzenden von einem 'Nationalmuseum' zu entsprechen."

Spannend wäre auch zu erfahren, was die Ministerin in den zusätzlichen Räumen zeigen will, Die Geschichte des Hauses Wettin bis zu diesem allergnädigsten "Dann macht euern Dreck alleene!"? - Die sollte eigentlich in Dresden gezeigt werden. Die Geschichte vor dem Erwerb der sächsischen Kurwürde, als der ganze Laden noch Mark Meißen hieß? – Logisch: Die sollte man in Meißen zeigen.

Das Industriezeitalter, in dem das 1813 amputierte Rest-Sachsen zur großen Werkstatt Deutschlands wurde? – "Das kann die Staatsministerin auch weitaus kostengünstiger haben", meint Külow. "Der Freistaat brauchte nur den Zweckverband Sächsisches Industriemuseum finanziell ausreichend zu fördern. Die nötige Summe wäre im Vergleich zu einer Erweiterung des Hauses der Archäologie gering und kulturpolitisch vertretbar. Man kann nicht auf der einen Seite die vorhandene Industriekultur finanziell ausbluten lassen und auf der anderen Seite in unbezahlbaren Museumsplänen schwelgen."

Oder eben in jenem Klein-Nationalismus, der so wenig mit sächsischer Weltoffenheit zu tun hat. Wenn Dinge museal werden, ist es eigentlich schon um sie geschehen. Dann gehören sie wirklich ins Museum. Als Kuriosität. So gesehen gehört dieses Museum eigentlich nach Schilda.

Karl-Heinz Gerstenberg sieht in der Nationalmuseums-Idee auch eine Verwässerung. "Sachsen hätte die Chance gehabt, mit Hilfe von Leihgaben in Chemnitz ein großartiges Haus der Archäologie mit bundesweiter Ausstrahlung zu errichten", sagt er. "Je stärker die sächsische Landesgeschichte akzentuiert wird, umso eher wird das Interesse an der sächsischen Landesgrenze enden. Und das wäre schade."


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