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Das Mobilitätsverhalten der Leipziger: Radfahrer und Fußgänger legen zu, Autoverkehr rückläufig

Ralf Julke
Die Leipziger fahren etwas seltener mit dem Auto.
Die Leipziger fahren etwas seltener mit dem Auto.
Es könnte passieren und Leipzig schafft tatsächlich, was es sich mit den verkehrspolitischen Leitlinien vorgenomen hat: Den motorosierten Verkehr bis 2015 deutlich zu senken. Und eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe ist Schuld daran: die jungen Leute aus der Innenstadt.

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Gestern stellte Planungsbürgermeister Martin zur Nedden gemeinsam mit Edeltraut Höfer, Leiterin des Verkehrs- und Tiefbauamtes, die Ergebnisse der jüngsten Studie zum Mobilitätsverhalten der Leipziger vor, betitelt "System repräsentativer Verkehrsbefragungen" (SrV). Dazu werden aller fünf Jahre repräsentativ ausgewählte Haushalte befragt – stets nach dem Grundmuster: Wie oft sind Sie am Tag unterwegs? Welches Verkehrsmittel nutzen Sie dazu? Welche Wege erledigen Sie dabei? Welche Vehikel besitzen Sie selbst?

1.118 Haushalte in Leipzig haben 2008 den Fragebogen ausgefüllt, insgesamt 1.934 Personen. Ausgewertet hat die Zahlen die TU Dresden. Und zwar nicht nur Leipziger Zahlen. Die Befragung erfolge zeitgleich in 74 Städten Deutschlands, zehn davon aus Sachsen. Aus etlichen liegen die Ergebnisse noch nicht vor. Aber auf die freut sich auch Martin zur Nedden, denn damit wird nicht nur vergleichbar, wie Leipzig steht im Vergleich mit den anderen – man kann auch ein paar Pendlerverflechtungen besser verfolgen.

Denn was jetzt vorliegt, betrifft nur die Leipziger selbst. Ein Großteil der Blechkolonnen auf Leipzigs Straßen aber, so Edeltraut Höfer, wird von Fahrern aus dem Umland verursacht, die zum Einkauf, zur Arbeit oder zum Freizeitvergnügen nach Leipzig kommen. Diese Pendlerströme sind seit Jahren gewachsen. Ein gutes Zeichen für den Wirtschaftsstandort Leipzig.

Auch die Zahl der immobilen Leipziger sank.
Auch die Zahl der immobilen Leipziger sank.

Doch diese Entwicklung scheint eine andere Entwicklung bislang verdeckt zu haben: Die Leipziger fahren etwas seltener mit dem Auto.

Der Anteil des Motorisierten Individualverkehrs (MIV) sank zum ersten Mal seit 1998. Und zwar auffällig: Von 34,1 auf 28,6 Prozent aller Wege. Die letzte Erhebung stammt aus dem Jahr 2003, die vorletzte aus dem Jahr 1998. Da betrug der MIV-Anteil sogar nur 27,3 Prozent.

Doch eine Cäsur liegt dazwischen: die Eingemeindungswelle von 1999/2000, die zahlreiche Ortschaften am Standrand ins Stadtgebiet integrierte – und damit natürlich auch Orte mit traditionell höherem Kfz-Aufkommen. Deswegen ist es schwierig, die Jahre 1998 und 2003 zu vergleichen. Doch es fällt auf: Die Zahlen des Jahres 2008 ähneln auffallend denen des Jahres 1998. Der Hauptgrund sind jene etwa 40.000 Leipziger, die in den letzten neun Jahren gezielt in die innerstädtischen Stadtquartiere gezogen sind. Re-Urbanisierer genannt von den Wissenschaftlern, die diesen Trend schon seit Jahren bestaunen.

„Es gibt keine andere Stadt, in der das so ausgeprägt ist", sagt Martin zur Nedden. Und wer in der Südvorstadt, in Schleußig, in Neustadt oder dem Waldstraßenviertel wohnt, arbeitet, Familien gründet – der braucht natürlich seltener ein Auto. Hier ist das ÖPNV-Netz dichter, hier sind Radwege meist die schnellsten. Und die Ausstattung mit Praxen, Läden, Service-Einrichtungen ist dichter. Man wählt also eher Mobilitätsarten aus dem so genannten "Umweltverbund".

Ein gutes Zeichen für den Wirtschaftsstandort Leipzig – die Pendlerströme sind seit Jahren gewachsen.
Ein gutes Zeichen für den Wirtschaftsstandort Leipzig – die Pendlerströme sind seit Jahren gewachsen.

Und so legte der ÖPNV seit 2003 von 17,1 auf 18,5 % aller Wege anteilsmäßig zu, noch stärker wuchs der Anteil des Radverkehrs – von 12,4 auf 14,4 Prozent. Auch der Anteil der zu Fuß zurückgelegten Wege stieg von 26.3 auf 27,3 Prozent. Und noch ein umweltfreundliches Moment gibt es: Der Anteil der als Mitfahrer im Pkw zurückgelegten Wege stieg von 9,9 auf 11 Prozent.

„Die Entwicklung stimmt uns hoffnungsvoll für die Zukunft", sagt zur Nedden. Die diversen Instrumente, die die Stadt bislang nutzt, um die Bürger zum Umstieg vom Auto auf umweltfreundlichere Verkehrsarten zu animieren, scheinen zu greifen. „Wir freuen uns darüber, dass wieder mehr zu Fuß gegangen sowie mehr Rad, Straßenbahn, Bus und S-Bahn gefahren wird. All dies sind für Menschen und Umwelt positive Entwicklungen, die es weiterhin zu unterstützen gilt. Dabei wird der Mobilitätsberatung und dem Mobilitätsmanagement steigende Bedeutung zukommen", sagt der Bürgermeister.

Und Edeltraut Höfer freut sich über neue Zahlenwerte, die jetzt wieder ins Integrierte Verkehrsmodell der Stadt eingespeist werden können. Damit können Verkehrsströme und Verkehrsbelastungen im Leipziger Straßennetz simuliert werden. Grundlage für Prognosen, mit denen Verkehrsplanungen in Leipzig begründet werden.

Ob sich durch die neuen Zahlen auch die Schwerpunkte bei Verkehrsbauprojekten verschieben, bezweifelt der Bürgermeister. Radwege gehören zwar oft genug zu Straßenumbau-Maßnahmen. Aber schon bei Bauprojekten der LVB fehlt oft genug das Geld, um sie auch umzusetzen.

Neu war an de Befragung auch, dass erstmals nicht nur im Frühjahr gefragt wurde, sondern der ganze Zeitraum von Januar bis Dezember erfasst wurde. „Sonst wären wir beim Radwegeanteil wohl sogar über 16 % gekommen", sagt Dr. Dieter Auspurg, Sachgebietsleiter Analyse und Prognose im Verkehrs- und Tiefbauamt.

Doch auch so wurde der Trend sichtbar: Deutlich fiel der Besitz an Pkw seit 2003 – von 424 auf 402 pro 1.000 Einwohner. Dafür stieg der Fahrradbesitz von 734 auf 757 Räder pro 1.000 Einwohner. Was dann auch die bislang geschätzte Zahl von Fahrrädern in Leipzig korrigiert, die bei 370.000 lag – es sind rund 390.000.

Besonders freut sich zur Nedden auch darüber, dass die Zahl der immobilen Leipzig endlich wieder sank – nur noch 11,3 Prozent gaben an, das Haus nicht verlassen zu haben. Vor fünf Jahren waren es noch 12,6 Prozent gewesen. Mobilität ist ein wesentlicher Teil gesellschaftlicher Teilhabe. Das im August eingeführte Sozialticket der LVB wird hier möglicherweise noch weitere Verschiebungen bewirken.

Für Zahlenfreunde gibt es jetzt auch ein paar kleine Oho!-Angaben: So war jeder Leipziger im Jahr 2008 durchschnittlich 72,9 Minuten auf Achse. Täglich, wohlgemerkt. Im Durchschnitt wurden dabei 6,4 Kilometer zurückgelegt. Was sich dann zu der hübschen Zahl von 1,2 Milliarden Kilometer summiert. Wer sich das nicht vorstellen kann: das ist 3.130 Mal die Entfernung von der Erde zum Mond. Man hätte nur eine hübsche Stafette bilden müssen.

Die nächste Befragung dieser Art gibt's 2013.


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