Geld verdienen mit Briefen und Paketen: Geschichte der Leipziger Post
Ralf Julke
09.10.2007
Reihenweise stehen sie in Leipzig: verlassene Post- und Fernmeldeämter, eine leergeräumte Hauptpost, eine nicht mehr genutzte Bahnpost. Fast hat man das Gefühl, eines der größten Monopole des Landes rausche unbarmherzig den Berg hinunter. Ist aber nicht so. Die Post lebt. In Gelb und Blau flitzen emsige Boten durch die Stadt. Und mit Wolfram Sturms Fleißarbeit bringt Pro Leipzig endlich das große Faktenwerk zur Leipziger Postgeschichte heraus.
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Die es in sich hat. Denn Leipzig war bis 1866, bis zur Eingliederung Sachsens in den Norddeutschen Bund, die Postzentrale des Königreichs. Hier entwickelte sich schon früh aus den Botendiensten des Hochmittellalters ein professioneller Kurierdienst nach dem Vorbild des österreichischen Postmonopols der Thurn und Taxis. Die damals noch nicht so hießen. Aber sich den Adelstitel und ihre Besitzungen fleißig verdienten mit der Briefbeförderung auf immer mehr Routen durch die habsburgischen Erblande und darüber hinaus. Denn nicht nur Zeit war im 16. Jahrhundert schon Geld, sondern auch Information.
Wolfram Sturm.
Wer über die Informationsrouten verfügte, hatte die Macht - was in der Regel natürlich die Habsburger und ein paar wenige eigenbrödlerische Fürsten im Reich waren. Die sächsischen Kurfürsten etwa. Die die Entwicklung des Oberpostamts in Leipzig stets unterstützten. Nicht weil ihnen Leipzig irgendwie am Herzen lag. Das war in der sächsischen Geschichte nie der Fall. Sondern weil ihnen die Goldtaler der Leipziger Händler am Herzen lagen. Wenn in Leipzig der Laden brummte, klingelte es in der sächsischen Staatskasse.
Und der Laden brummte natürlich, wenn die Geschäftspost im Maximaltempo der Zeit unterwegs war. Was anfangs noch das Tempo flinkfüßiger Boten war, aber schon bald durch berittene Post und Kutschpost erweitert und abgelöst wurde. Die komplette Geschichte der Post in Leipzig ist durch ein Schneller! und ein Weiter! gekennzeichnet. Und kam die Initialzündung zur Einrichtung der Leipziger Poststation Anfangs tatsächlich von den Thurn und Taxis, so entwickelte sich das ganze ab 1615 mit Postmeister Johann Georg Sieber peu à peu zur Leipziger und damit sächsischen Angelegenheit, kamen immer neue Routen dazu, rangelten die eingesetzten Oberpostmeister mit den Nachbarfürstentümern um Stationen und Verbindungen. Auf eigene Rechnung in der Regel, denn der Kurfürst verkaufte das Postamt gegen blanke Taler.
Es war ein einträgliches Geschäft. Post war nicht billig. Der gewöhnliche Handwerker konnte sich eine Briefsendung nicht leisten. Eine Zeitung übrigens auch nicht, wie sie im 17. Jahrhundert quasi als "Beiwerk" des Postgeschäftes entstand: Die Postmeister besaßen die aktuellsten Informationen. Sie brauchten nur zu sammeln und die gesammelten Nachrichten gedruckt als Zeitung herauszugeben. Schon war sie da, die "Leipziger Einkommende Ordinar- und Post-Zeitung", wie sie Oberpostmeister Christoph von Mühlbach 1659 estmals herausbrachte.
Als offizielles Geburtsjahr der Tageszeitung gilt dann freilich der 1. Januar 1660, als Timotheo Ritzsch in Leipzig die erste Tageszeitung mit dem scheußlichen Titel "Erster Jahr Gang der Täglich neu umlaufenden Kriegs- und Welthändel" herausgab. Mit kurfürstlichem Privileg. Was eigentlich nur heißt: Auch hier ließ sich der Kurfürst fürstlich bezahlen, damit Timotheo seine Zeitung machen durfte.
Am Ende machte doch Mühlbachs Zeitung das Rennen und wurde zur Keimzelle der ältesten Leipziger Tageszeitung, die - unter wechselnden Namen - bis 1919 existierte, als sie dann "Leipziger Zeitung" hieß und später mit der "Leipziger Allgemeinen Zeitung" und dem "Leipziger Tageblatt" zur "Neuen Leipziger Zeitung" verschmolzen wurde. Immer fein transportiert auch mit der Post, die im 19. Jahrhundert, als aus den Buckelpisten des Landes nach und nach Chausseen nach französischem Vorbild wurden, immer neue Geschwindigkeiten entfaltete. Und natürlich 1839, als die Ferneisenbahn in Betrieb ging, auch auf den nun fahrenden Zug aufsprang. Obwohl sie verlor: Bis dahin war auch Personentransport eine Post-Angelegenheit gewesen.
Dass die Post sich freilich über Kurz oder Lang auch noch um Telegraphie und Telefonie kümmern solte, war noch nicht abzusehen. Gehörte aber ab 1871, als das Ganze zur Reichspost wurde, zum gewohnten Bild: Informationswege waren Staatssache. Der Staat hatte ein Monopol darauf und verdiente damit niemals schlecht. Bis dann im 20. Jahrhundert die bundesdeutschen Beamten- und Pensionskassen auch die Leistungsfähigkeit der Post sprengten. Das Ergebnis war ja dann die Teilung der verschiedenen Postmonopole und ihre Privatisierung. Und das Leerräumen der alten Ämter und Filialen.
Wolfram Sturm hat in fünfjähriger Fleißarbeit alles gesammelt, was es an Fakten, Namen, Zahlen und Routen zur Leipziger Post zu finden gab. Es ist ein faktenreiches Buch geworden. Auch die beiden Oberpostmeister Kees kommen drin vor, die von 1691 bis 1712 die Geschicke der Leipziger Post bestimmten, sie mit besonders kaufmännischem Geschick voranbrachten und dabei trotzdem noch richtig Geld verdienten. Beide in der Paulinerkirche beerdigt und damit Opfer jener Verwüstungsaktion im Jahr 1968, als die Kirche gesprengt und zuvor die Grüfte beräumt wurden.
Sturm schreibt sich bis in die DHL-Gegenwart vor, zeichnet damit auch ein Bild der neuen Post-Wege. Es ist sein zweites großes Buch zu Leipziger Infrastrukturen. Sein erstes zum "Eisenbahnzentrum Leipzig" eschien vor vier Jahren. Es könnte eine ganze Serie werden, die beschreibt, wie sich der Logistik-Standort Leipzig über die Jahrhunderte entwickelte. Irgendwie eignet sich die Stadt ganz gut, hier anzukommen und wieder wegzufliegen. Und dabei auch noch Geld zu verdienen.
Wolfram Sturm "Geschichte der Leipziger Post. Von den Anfängen bis zur Gegenwart", Herausgegeben von PRO LEIPZIG in Zusammenarbeit mit dem stadtgeschichtlichen Museum, Leipzig 2007, 20 Euro
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