Kleines Geschenk zum Uni-Jubiläum: Der goldene Schnitt für Rechenfreunde und Bastelkünstler
Ralf Julke
10.12.2009
Der Goldene Schnitt.
Die Uni feiert ihr 600jähriges. Und ein kleiner Leipziger Verlag begleitet das Jubiläum mit einem kleinen Bücherkonzert. Ohne Festtagsrede. Ohne Schampus. Und für den unbedarften Dilettanten völlig ungenießbar: EAGLE feiert mathematisch.
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EAGLE – das ist die 2003 im Haus des Buches gegründete Edition am Gutenbergplatz Leipzig, die in Leipzig mit einfachen Mitteln die Tradition des 1811 gegründeten Verlags B. G. Teubner fortsetzt, nachdem Teubner in Leipzig seine Pforten schloss. Heute gehört das technische Programm des Teubner-Verlags zum 2008 gegründeten Verlag Vieweg + Teubner mit Sitz in Wiesbaden, einem Tochterverlag des in Luxemburg ansässigen Springer Science+Business Media.
Was in Leipzig zurückblieb, war – wie so oft – das Knowhow, ein wissenschaftliches Verlagsprogramm aufzusetzen. Was fortan fehlte, waren die notwendigen Vertriebsstrukturen – und das leidige Geld.
Was tun, fragte sich EAGLE-Gründer Jürgen Weiß – und stellte die Titelproduktion einfach um auf "books on demand". Großer Vorteil: Die Titel sind immer vorrätig, fressen keinen Lagerraum, können auch jederzeit aktualisiert werden – und gedruckt wird nur, was auch abgerufen wird. Das senkt die Vorhaltekosten enorm.
Das ganze einstige Teubner-Spektrum von Altertumswissenschaften über Bauwesen, Technik, Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik kann man in einem spezialisierten Kleinverlag natürlich nicht mehr abdecken. Schon gar nicht, wenn man es – wie Benedictus Gottholf Teubner und seine Nachfolger – auf anerkanntem wissenschaftlichem Niveau tun will. Also beschränkt sich EAGLE auf den mathematischen Teil, eigentlich die echte Teubnersche Spezialität. Schon im frühen 19. Jahrhundert mauserte sich Teubners Verlag zur 1. Adresse für die deutsche und internationale Mathematik. Was die besten Mathematiker der Zeit bewegte – hier erschien es gedruckt.
Einige Titel, die zuvor bei B. G. Teubner gut liefen und teilweise längst Klassiker der populären Vermittlung mathematischer Probleme sind, hat Jürgen Weiß ins EAGLE-Verlagsprofil übernommen. Dazu gehört auch Hans Walsers "Der Goldene Schnitt". Das Buch erschien noch 1993 unterm Dach von B. G. Teubner und eröffnete 2004 die Reihe EGALE-Einblicke. Was Jürgen Weiß jetzt zum Jubiläum der Universität Leipzig vorlegt, ist die mittlerweile 5. Auflage des Buches des Schweizer Mathematikers.
Walser, 1944, wäre in Deutschland ein echtes Unikum: Mehrere Jahrzehnte arbeitete er als Mathematikleher an einem Schweizer Gymnasium, war nebenbei Lehrbeauftragter an der Uni Basel und der PH Zürich und widmete sich der Mathematikausbildung angehender Natur- und Ingenieurwissenschaftler. Und er schrieb immer wieder Bücher wie dieses. So verständlich wie möglich, gedacht für jenes Publikum, das man dermaleinst die "interessierten Laien" nannte. Was nicht abwertend gemeint war, sondern einer beachtlichen Bevölkerungsgruppe die notwendige Neugier, den Fleiß und die Geduld zuschrieb, sich auch mit den nicht ganz so leichten Zusammenhängen in diversen Wissenschaften zu beschäftigen.
Für Lehrer war es damals, als eine umfassende Bildung noch als humanistisch galt, selbstverständlich, sich mit den aktuellen Problemen ihrer Wissenschaft zu beschäftigen, sich in Gesellschaften zu engagieren und sich auch ein Leben lang einzubringen in die wissenschaftlichen Diskussionen der Zeit. Es galt auch als standesgemäß, auf seinem Fachgebiet noch einen Doktortitel zu erwerben und bei der Themenwahl für die Doktorarbeit das universitäre Niveau anzupeilen.
Davon ist im mehrfach verschlankten und demolierten deutschen Bildungssystem nicht mehr viel zu spüren. Der Effizienz-Gedanke einer Bildungs-Fließbandprodukten nach Einheitsschema hat mehr Flurschaden angerichtet, als die "Reformer" auch in den nächsten Jahren bereit sein werden zuzugeben.
Hans Walser: Der Goldene Schnitt.
Wer also Walsers "Der Goldene Schnitt" bestellt, der für die 5. Auflage noch einmal gründlich bearbeitet und erweitert wurde, bekommt keine Pausenlektüre, sondern echtes Futter für den Kopf. Was Walser nicht macht: Er begibt sich nicht auf die Spurensuche, wo überall in welchen Kunstwerken und Bauwerken der "Goldene Schnitt", den die antiken Mathematiker als "stetige Teilung" beschrieben, vorkommt. Er versucht auch nicht zu erklären, warum er vorkommt und was die Künstler damit vielleicht hineingeheimnist haben. Wenn sie es haben. Denn das Problem an diesem mathematischen Teilungsverhältnis, das Martin Ohm im Deutschen 1835 erstmals als "Goldener Schnitt" bezeichnete, ist dasselbe wie bei so vielen mathematischen Zahlenverhältnissen: Es korrespondiert mit menschlichen Wahrnehmungsmustern – aber es ist kein Bauplan, nach dem etwa die Natur vorgeht, wenn sie Menschen "baut", Bäume wachsen lässt oder Berggipfel in die Gegend stellt.
Und so stürzt sich Walser lieber gleich in all die mathematischen Formeln, mit denen Goldene Schnitte konstruiert werden können und braucht auch nicht lange, um vom Goldenen Schnitt zu den Fraktalen zu kommen, mit denen Mathematiker ihre Konstruier- und Bastelleidenschaft so richtig entfalten können. Und auch mathematisch-interessierte Laien natürlich. Man braucht eigentlich nur einen ordentlichen Kopierer, Schere und Kleber. Oder ein entsprechendes Computerprogramm. Der eigentliche Reiz dabei ist das Herleiten der Formeln. Dazu gibt Walser jede Menge Aufgaben auf, die am Ende des Buches natürlich auch aufgelöst werden.
Ein kleines Lernbuch also auch, mit dem man erfährt, dass es viel mehr gibt als nur ein nüchternes Goldenes Rechteck. Goldene Dreiecke, Fünfecke und Ellipsen sind ja wohl das Mindeste, womit sich ein kluger Kopf beschäftigen sollte, oder? – Zumindest sind es faszinierende geometrische Probleme, die garantiert helfen, nach Weihnachten das ganze Kaspertheater der TV-Weihnachts-Shows wieder aus dem Kopf zu pusten. Und die ein oder andere Aufgabe ist auch so, dass man dabei merkt, wie das Gehirn sich freut, endlich wieder herzhafte Nahrung zu bekommen.
Und weil man das alles natürlich auch gern einmal anfassen und dreidimensional sehen möchte, gibt Walser in einem Kapitel komplexe Anleitungen zum Falten und Schneiden, bevor er sich kühn in Kapitel wie "Zahlenfolgen" (schöner Gruß von Fibonacci) und "Reguläre und halbreguläre Körper" stürzt. Erst am Ende hängt er noch – für den Laien, der immer noch auf Geheimnisse und verborgene Schätze lauert, ein Kapitelchen an, in dem er auf das Vorkommen des Goldenen Schnitts in Architektur, Kunst und Natur eingeht. Da darf dann natürlich auch das Alte Rathaus in Leipzig nicht fehlen, an dem sich der Goldene Schnitt sehr hübsch konstruieren lässt – wenn man weiß, worauf es zu achten gilt. Ob Hieronymus Lotter das als Baumeister so gewollt hat, darf natürlich offen bleiben.
Denn wie gesagt: Das Faszinierende am Goldenen Schnitt ist nicht, dass er er sich überall in der Welt finden lässt, sondern dass er in der menschlichen Wahrnehmung das Gefühl erzeugt, dass ein Ding besonders harmonisch gestaltet ist. Es "stimmt" einfach. Man schaut immer wieder gern hin und ist nicht entsetzt oder gelangweilt, wie das in moderner Architektur so häufig der Fall ist. Möglich, dass Lotter da – mit der vorhandenen Baumasse und einfach "aus dem Bauch heraus" die richtigen Proportionen gewählt hat. Dafür darf das Alte Rathaus jetzt die Jubiläumsausgabe von Walsers Buch schmücken.
Hans Walser "Der Goldene Schnitt", EAGLE, Leipzig 2009, 18,50 Euro
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