Dionysos war hier: Nietzsche, Schulpforta und der Saaletal-Dichter Ernst Ortlepp
Ralf Julke
23.07.2010
Dionysos war hier.
Foto: Ralf Julke
Sie tauchen als eine reine Zahl auf, wenn Statistiker einmal daran gehen, auszurechnen, was es am Ort so an "Kreativwirtschaft" gibt. Das Wort ist zwar recht neu. Aber es hat sie immer gegeben, diese Maler, Dichter, Texter, Fotografen. Ihre Schicksale sind auch im Raum Leipzig Legion. Beispiel: Ortlepp, Ernst.
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Am 1. August würde er seinen 210. Geburtstag feiern. Und in Zeitz werden das die Mitglieder der 2001 gegründeten Ernst-Ortlepp-Gesellschaft auch tun. Die könnte sich zum Feiern auch nach Schkölen, Droyßig oder Schulpforta begeben - alles Lebensmittelpunkte des Pfarrersohnes, der 1819 bis 1824 in Leipzig erst Theologie studierte und dann auf Philosophie umsattelte, die Karriere seines Vaters also ausschlug - genauso wie ein halbes Jahrhundert später ein anderer Schüler aus Schulpforta, Friedrich Nietzsche.
Den Titel des Buches kennt man aus Nietzsches Werk: Dionysos ist für ihn das Gegenbild zum am Kreuz sterbenden Jesus der christlichen Religion. Auch Dionysos stirbt in der Legende: als Symbol für das immer wieder sich erneuernde Leben. Nietzsche und Ortlepp - das ist tatsächlich eine Begegnung, die stattgefunden hat. Im selben Jahr, in dem der 64-Jährige, völlig verarmte und obdachlose Ortlepp in einem Entwässerungsgraben bei Pforta ertrank, machte Nietzsche in Schulpforta sein Abitur. In einem Brief an seinen Freund Wilhelm Pinder berichtet er am 4. Juli 1864 über den Tod des Mannes, der in seinen besten Schaffensjahren mehrfach ein Verbot seiner Schriften erlebte. Er hatte die falschen Töne angeschlagen in einer Zeit, in der die deutschen Fürsten mit Zensur versuchten, das öffentliche Denken im Lande zu ersticken.
Zeitweilig gehörte Ortlepp zu den bekanntesten Dichtern des Vormärz und des so genannten "Jungen Deutschland". Ein Blick in die Buchversandkataloge zeigt: Er ist - anders als Heine - nicht mehr präsent auf dem deutschen Buchmarkt. Heinrich Laube, dem großen Heine-Freund, ist er in Leipzig begegnet - aber auch Robert Schumann, Christian Dietrich Grabbe (der 1836 starb) und Karl Boromäus Sebastian Herloßsohn, der 1849 in Armut starb. Alles Dinge, die Thomas Steinert in seinem Foto-Essay erzählt.
Auf der Spur des Dichters Ernst Ortlepp: Dionysos war hier.
Foto: Ralf Julke
Steinert ist selbst so ein unabhängiger Kopf. Wirklich bekannt wurde der 1949 geborene Fotograf auch erst 2006, als sein großer Fotoband im Lehmstedt Verlag erschien: "Connewitzer Welttheater". Über Ortlepp stolperte er, als er in den 1980er Jahren auf Nietzsches Spuren um Naumburg und Schulpforta unterwegs war, eben dort, wo Ortlepp selbst seine Lehrjahre verbrachte, bevor er in Leipzig versuchte, seine Dichter-Karriere zu starten. Was eine Zeit lang auch zu gelingen schien - bis Ortlepp in seiner Schrift "Fieschi" zu deutlich wurde 1834. Ein Jahr später wurde das "Junge Deutschland" mit all seinen Schriften verboten. Für Ortlepp war künftig der Wurm drin, er wurde von den Zensurbehörden beobachtet, versuchte sich mit Auftragsschriften und Übersetzungen von Byron und Shakespeare - zeitweilig in Württemberg. Doch als dort aller Fleiß und alle Anbiederung an die Fürsten der Zeit nichts mehr halfen, kehrte er ins Land an der Saale zurück.
Und obwohl er arm blieb bis zuletzt und augenscheinlich arge Probleme mit dem Alkohol hatte, wurden seine Gedichte - unter anderem im "Naumburger Kreisblatt" - weiter veröffentlicht, so dass Ortlepp mit der Zeit zu einem Sänger des Saaletales wurde. In seinen letzten Lebensjahren kreiste er praktisch um seine alte Schule in Pforta und die Schüler der Einrichtung trafen ihn regelmäßig bei Ausflügen in die Gaststätten der Umgebung. Manchmal tauchte er wohl auch auf dem Schulgelände auf. Und er muss den jungen Nietzsche beeindruckt haben.
Es gibt nicht viele Stellen, die das belegen, doch einige Ansätze in Nietzsches Werk deuten darauf hin, dass die dionysische Gestalt des altgewordenen Dichters ihn beeindruckt haben muss.
Steinert zeichnet Ortlepps Lebensstationen nicht nur im Text, sondern auch in stimmigen Schwarz-Weiß-Fotografien nach. Zusätzlich zur essayistischen Annährung an Ortlepp bringt er etliche seiner Lieder und Gedichte als Beleg und Zitat, dazu Stellen aus dem Werk Nietzsches. Man merkt schnell, dass hier zwar zwei Seelenverwandte sind, aber Ortlepp - bei allem Verständnis - tatsächlich nur ein lyrischer Dichter war. Eben das, was Goethe bei Ortlepps Besuch 1828 in Dornburg festgestellt hatte. "Ästhetisch-sentimentale Grillen", nennt es Goethe.
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Dionysos war hier
Thomas Steinert, Pro Leipzig, Leipzig 2010, 17,00 Euro
Doch Ortlepp lebte das bis zum Schluss, scheint von einem unermüdlichen Schaffenseifer getrieben worden zu sein. Und von eine Fessellosigkeit, die den jungen Nietzsche nachhaltig beeindruckte. Vielleicht steckt wirklich eine Menge Ortlepp in seinem Dionysos-Bild. Vielleicht ist es wirklich auf Ortlepp gemünzt, was Nietzsche in "Die fröhliche Wissenschaft" schreibt: "Es kommt seinem Ruhme zu Gute, nicht eigentlich an's Ziel gekommen zu sein."
Ein Foto-Essay, der zum Entdecken einlädt - im herrlichen Saaletal genauso wie in den alten Gassen von Zeitz und Naumburg. Ein bisschen Leipzig steckt drin, ein bisschen Württemberg und natürlich das klösterliche Schulpforta, in dem sich hier zwei Schicksale kreuzten, die durchaus erzählenswert sind.
Thomas Steinert "Dionysos war hier. Ein Fotoessay von Thomas Steinert über Leben und Werk des Dichters Ernst Ortlepp 1800 - 1864", Pro Leipzig, Leipzig 2010, 17 Euro
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