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Der Flachware erster Band: Leipziger Buchwissenschaftler haben jetzt ihr eigenes Almanach

Ralf Julke
Flachware.
Flachware.
Foto: Ralf Julke
Buchwissenschaftler haben einen eigenen Humor. Während der von Chemikern und Veterinären bekanntlich sehr karnevalesk ist, lieben Buchwissenschaftler die indirekten Anspielungen. Wer eine eigene Buchreihe "Flachware" nennt, der spielt mit dem Verdruss von Ausstellungs-Gestaltern.

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Denn Bücher sind ja bekanntlich handlich, gut in Taschen zu schieben und prima im Regal aufzureihen - wenn man genug davon hat. Aber zum Präsentieren in Vitrinen und ähnlichen Mobilien eignen sie sich eher nicht. Man braucht Stehkrücken, um sie in den Blick zu rücken. Und dann sieht der Betrachter doch nur wieder eine Seite. Das Flache macht Bücher zur schwierigen Flachware.

Die Nr. 1 steht schon einmal vorsichtig auf den Buchrücken gemalt. Man kann also damit rechnen, dass Leipzigs Buchwissenschaftler künftig weitere Sammelbände herausbringen mit Texten rund um ihr Fachgebiet, das ein aufregendes und spannendes ist, wenn man erst einmal mit dem Buchfieber infiziert ist. Das führt dann auch mal zu heftigen medialen Grabgesängen, wenn wieder ein Verlag in einer traditionsreichen Verlagsstadt wie Leipzig schließt. Von den singenden Zeitungsautoren nicht immer kenntnisreich. Aber wer erwartet das von Moritatensängern?

Buntes aus der Leipziger Buchwissenschaft: Flachware.
Buntes aus der Leipziger Buchwissenschaft: Flachware.
Foto: Ralf Julke

Das Lamento kommt in dem Band nicht vor. Hier schreiben Wissenschaftler und solche, die es werden wollen. Wissenschaftler wühlen sich durch Archive. Archive sind Primärquellen. Da können selbst die Protagonisten aufreibender Buchgeschichten Jahrzehnte lang Dasselbe erzählen. Wenn es in Protokollen, Verträgen, Konferenznotizen, Gutachten, Ministerbriefen anders steht, ist das Erzählte eine schöne Erfindung. Ansonsten Quatsch.

Archive spielen in mehreren der Beiträge von Buchwissenschaftlern und Studenten eine Rolle. Mehrfach ein Archivbestand, der noch auf Jahre unter Verschluss sein wird: der der Treuhandanstalt, die für die Abwicklung der meisten DDR-Verlage zuständig war. Und die - Mildred Wagner erzählt das am Beispiel des Kinderbuchverlags Berlin einmal exemplarisch - auch oft genug Unternehmen demolierte, die aus eigener Kraft den Weg in die Selbständigkeit gefunden hätten. Wenn man ihnen - wie hier - nicht den Zugang zu den eigenen Konten verbaut hätte und nicht auch noch aussichtsreiche Kauf- oder Buy-out-Angebote ausgeschlagen hätte, als es sie gab.

Vielleicht ist diese Ansicht parteiisch. Sie kann nur auf Erinnerungen und gerettete Belege der einstigen Mitarbeiter bauen. Der andere Teil der Treuhand-Geschichte kann erst erzählt werden, wenn die 30 Jahre herum sind, die die Akten unter Verschluss bleiben.
Man kann fast erwarten, dass dann die Flut der "Enthüllungs"-Bücher einsetzen wird. Denn die ganze Wirtschaft eines Landes in nicht einmal fünf, eigentlich nicht einmal zwei Jahren abzuwickeln, das hat noch niemand in der Weltgeschichte versucht. Und das kann nur mit bewusst in Kauf genommenen Flurschäden passieren. Die Frage ist nur: Wie groß sind diese Flurschäden? 10 Prozent, 50 Prozent, 80 Prozent?

Über ein anderes Privatisierungsmodell erzählt Stefanie Wölke in ihrem Beitrag zum Buchverlag Volk und Wissen. Den gibt es als selbstständigen Verlag zwar auch nicht mehr, doch die Autorin schätzt die Fusion mit Cornelsen als gelungen ein. Verschwunden ist der renommierte Belletristikverlag "Der Morgen", dessen Archiv mittlerweile in der Obhut des Institutes für Buchwissenschaft gelandet ist. Welche Recherche-Themen da zur Verlagspolitik in der DDR schlummern, kann Siegfried Lokatis nur anreißen, wenn er auf die hochpolitischen Vorgänge um die Bücher von Stefan Heym, Gabriele Eckart oder Günter de Bruyn eingeht. Und wie wäre es mal mit einer ordentlichen Arbeit zu Heinz Knobloch, dessen Bücher ebenfalls beim "Morgen" erschienen?

Eyk Henze / Patricia F. Zeckert (Hrsg.): Flachware.
Eyk Henze / Patricia F. Zeckert (Hrsg.): Flachware.
Foto: Ralf Julke
Hinter jeder Buchgeschichte steckt eine Geistes- und Gesellschaftsgeschichte, die erst über die starren Rahmensetzungen lesefauler Politiker auch zu Wirtschaftsgeschichten werden. Etwa wenn Bücher aus DDR-Verlagen 1990 millionenfach auf den Deponien landen. Dass heute wieder Retter dieser alten Buchbestände unterwegs sind, war im Dezember 2009 Thema einer Diskussion im Haus des Buches. Auch darüber wird in einem eigenen Beitrag berichtet. Genauso wie über die spannende Geschichte des Suhrkamp Verlages und ein Symposium des Institutes, das 2009 für Aufsehen sorgte: In Wolfen würdigte man den 50. Jahrestages des "Bitterfelder Weges". Fünf Beiträge widmen sich diesem seltsamen Auswuchs der DDR-Kulturpolitik, der sich selbst in den Brigadetagebüchern des Landes widerspiegelte. Aber so recht fruchtbare Kunst ist aus den Arbeiterkunstkollektiven nicht gekommen. Der Funktionärstraum vom schreibenden Kumpel hat sich als genauso weltfremd erwiesen wie die Erwartung, gestandene Autoren könnten beim Schnuppern in der "sozialistischen Produktion" den Menschen und die Geschichten der Zukunft finden.

Das ging schon 1951 schief, als Dieter Noll eine Reportage über Carl Zeiss Jena schreiben wollte und am Ende erleben musste, dass der sozialistische Großbetrieb sein bei Reclam gedrucktes Buch nicht einmal zum Verschenken kaufen wollte. Andere DDR-Autoren erlebten ja später, wie schnell man mit der ungnädigen Partei in Konflikt kommt, wenn man aus den Betrieben keine stromlinienförmigen Heldengeschichten mitbrachte.

Es gibt auch sachkundige Beiträge über den Buchschmuck des Spätmittelalters, über kleptomanische Bibliothekare und über die Rolle des Internets für die Büchermacher. Da wird dann am Beispiel Brockhaus exemplarisch durchdekliniert, warum der große alte Verlag den Sprung ins Internetzeitalter nicht gemeistert hat.



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Flachware
Eyk Henze / Patricia F. Zeckert (Hrsg.), Plöttner Verlag, Leipzig 2010, 14,90 Euro
Schon der erste Band "Flachware" zeigt also, was für ein umfangreiches Feld die Buchwissenschaft eigentlich ist. Problemlos lässt sie sich verkuppeln mit Politik- und Betriebswissenschaften, mit Informations- und Kulturwissenschaften. Nicht nur in Büchern steckt die ganze Welt. Schon im Büchermachen selbst steckt sie.


Am Dienstag, 30. November, um 20 Uhr feiert "Flachware" im Café der Galerie für Zeitgenössische Kunst (Karl-Tauchnitz-Straße 9 - 11) Buchpremiere. Der Eintritt ist frei.


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