Geschichte der Universität Leipzig, Band 3: Das widerspenstige 20. Jahrhundert
Ralf Julke
10.12.2010
Band 3 der Leipziger Uni-Geschichte: Das zwanzigste Jahrhundert.
Foto: Ralf Julke
Von der für das große Jubiläum 2009 geplanten fünfbändigen Universitätsgeschichte liegen jetzt vier Bände vor. Das schwerste Stück Arbeit sind natürlich die drei Bände, die sich direkt mit den historischen Entwicklungen beschäftigen. Dabei hat das 20. Jahrhundert sogar noch das 19. überholt.
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Schon das hätte selbst drei Einzelbände verdient. Was man so Verdienen nennen kann. Denn in den fünf Jahrhunderten vor 1909 hat Politik nie so tief in den Universitätsalltag eingegriffen wie in den Jahren 1909 bis 1989 - und eigentlich auch die nächsten 20 Jahre nicht ausgeklammert. Die werden in diesem Band in einem Kapitel lediglich reportiert. Sie sind dem aktuellen Moment noch viel zu nah, um sie historisch wichten und einordnen zu können.
Wie einschneidend war der Eliten-Wechsel ab 1990? Wie hat sächsische Finanzpolitik die Gewichte in der sächsischen Hochschullandschaft verschoben? Welche Gräben hat der Streit um den Neubau des Campus und der Paulinerkirche gerissen? Welche Folgen wird der Bologna-Prozess für die Qualität des Studiums haben?
Das muss offen bleiben. Selbst das frühe 20. Jahrhundert ist keineswegs schon so weit entfernt und jenseits der aktuellen politischen Interpretationsmuster, dass die Darstellung in diesem Band der Universitätsgeschichte eine endgültige sein wird. Denn die mehrfachen Eliten-Umbrüche des 20. Jahrhunderts haben auch mit der ganz speziellen deutschen Elite zu tun, die 1909 das Sagen hatte und 1914 das Loblied auf den Krieg sang. Und zu dieser Elite gehörten auch die Professoren der Universität Leipzig, von denen einige forschen Schrittes selbst in den Krieg zogen - und etliche der anderen mit eigenen martialischen Reden dazu beitrugen, die Kriegsbegeisterung zu schüren - und den Druck auch auf all jene Studenten zu erhöhen, die nicht ganz so begeistert davon waren, sich für ein paar irre Generäle auf den Schlachtfeldern Europas niedermähen zu lassen.
Band 3 der Leipziger Uni-Geschichte: Das zwanzigste Jahrhundert.
Foto: Ralf Julke
1.396 Universitätsangehörige wurden auf dem 1924 im Augusteum aufgestellten Kriegerdenkmal aufgelistet, die im Weltkrieg ihr Leben ließen - 1.370 davon waren Studenten. Spannend auch jener Moment in der Endphase des Krieges, in dem der deutsche Generalstab noch immer das ganze Land in dem Trug belässt, es könne einen "Siegfrieden" geben, obwohl das Land ausgehungert und der Zusammenbruch der Front nur noch eine Frage der Zeit ist. Und auch so kurz vor dem desaströsen Ende des Wilhelminischen Kaiserreiches tummeln sich Leipziger Professoren weiter in nationalistischen und annexionistischen Reden.
Es klingt an: Es waren auch diese Rauschebärte, die zu geistigen Vätern des in den 1920er Jahren virulenten Nationalismus wurden. Um so frappierender, dass dann gerade die Ereignisse des Jahres 1919 zwar aus der Innensicht der Universität geschildert werden, aber ganz so, als sei nun - kaum ein Jahr nach den letzten Kriegsreden - auf einmal wieder professorale Politikferne eingeführt. Und nur die nunmehr rebellierenden Arbeiter und Soldaten draußen vor den Toren der alten Alma mater wären von einem politischen Furor gepackt.
Dass sogar Unfug in diesem Kapitel steht, hätte bei der Korrektur zumindest auffallen müssen. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden nicht im Verlauf von "heftigen Straßenkämpfen in Berlin" ermordet. Und die Rolle des Arbeiter- und Soldatenrates wird auch recht undifferenziert als linksgerichtet positioniert, ganz so, als sei das Entstehen dieses Rates in Leipzig nicht die Hauptmelodie der Zeit gewesen. Auch wenn sie am Ende mit dem Einmarsch der Truppen des Generals Maercker abrupt endete. Und wenn die Interpretation der Zeitzeugnisse von Werner Bramke und Silvio Reisinger in ihrem Buch "Leipzig in der Revolution von 1918/1919" stimmt, dann war die "unmittelbare Gefahr weiterer Straßenunruhen" schon vor Einmarsch des Expeditionskorps nicht mehr gegeben.
Und eine Wortwahl wie "revolutionärer Straßenpöbel", als es um die Lynchung des sächsischen Kriegsministers Gustav Neuring geht, zeugt nicht wirklich von objektiver Historikerdistanz. Manchmal hat man das Gefühl, die Autoren dieses Kapitels versuchen, die Rolle der Universität, der Professoren und eines Großteils der Studentenschaft in der frühen Weimarer Republik ein kräftiges Stück unpolitischer und vergeistigter darzustellen, als sie tatsächlich war. Und man ist verblüfft, wie oft das Wort Staatstreue fällt, wenn es doch eigentlich um Obrigkeitshörigkeit geht. Und da fühlt man sich erstaunlicherweise an aktuelle Vorgänge im Freistaat Sachsen erinnert.
Verläuft Geschichte tatsächlich in Kreisen? Tauchen die Narreteien eines von Autoritäten deformierten Jahrhunderts alle wieder auf? - Eine nicht ganz unwesentliche Frage auch für Historiker. Denn jedes Geschichtsbuch stellt zwar die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 als einen irritierenden Bruch in der deutschen Geschichte dar. Doch fast alles, was in den zwölf Jahren der NS-Diktatur als geistige Substanz einer "nationalen Revolution" verkauft wurde, hat seine Wurzeln im nationalistischen Verständnis einer deutschen Elite, die die Universitäten des Kaiserreiches und der Republik besucht hatte. Linksorientierte Studentengruppierungen bleiben an der Uni Leipzig bis 1933 marginal, während der NS-Studentenbund schon frühzeitig massiven Zulauf unter den Studenten der Universität fand.
Dass der Machtantritt der Nationalsozialisten erstmals gründlich eingreift in das Selbstverständnis der Universität, ist dann der Auftakt einer ersten Demontage des Ausbildungsniveaus an der alten Universität. Missliebige Professoren und Dozenten - aber auch Studenten - müssen die Universität verlassen. Und selbst das Kriegsende 1945 bedeutet noch einmal einen Aderlass, als die Besatzungsmächte sich vor allem das naturwissenschaftliche Forschungspotential der ostdeutschen Universitäten sichern.
Das Kapitel zum "Dritten Reich" ist ganze 100 Seiten stark und hat - wie es scheint - ein großes Quellenproblem. Viele Zeitzeugnisse sind gegen Kriegsende verloren gegangen. Und so erscheinen auch die gewalttätigen Eingriffe der braunen Machthaber in die Universität nicht ganz so martialisch wie das, was dann in den Kapiteln zur DDR-Zeit immer wieder thematisiert wird.
Geschichte der Universität Leipzig. Band 3: Das zwanzigste Jahrhundert. 1909 - 2009.
Foto: Ralf Julke
Da war es dann der von der sowjetischen Besatzung und der SED vorangetriebene Umbau der bürgerlichen Universität zur sozialistischen Kaderschmiede, der zuweilen mit brachialen Polizeimethoden durchgesetzt wurde und für kritische Studenten und Dozenten oft nicht nur mit der Exmatrikulation, sondern auch mit Zuchthaus und Erschießung endete. Bedrückend zu lesen dabei, wie der Lehrbetrieb immer mehr zugunsten der Parteiarbeit und der ideologischen Schulung eingeengt wurde, wie frühzeitig auch an der Universität die paramilitärische Ausbildung platziert wurde und auf allen Ebenen die SED die Entscheidungskompetenzen an sich zog.
Dass trotzdem immer wieder Studenten gegen die Indoktrination und die quälende Überflüssigkeit der politischen Lehrveranstaltungen aufbegehrten, ist selbst aus den Dokumenten von Partei, FDJ und Staatssicherheit herauszulesen. Dokumente, die auch darüber erzählen, dass die Studenten mit den ihnen zugewiesenen Studienfächern haderten, mit den Wohnbedingungen und mit den Belastungen durch die erwartete "gesellschaftliche Aktivität". Und es waren eben nicht nur Theologiestudenten, die spätestens in den 1980er Jahren versuchten, aus dem erstarrten Korsett und der geistigen Lähmung, die Land und Universität erfasst hatten, auszubrechen. Spätestens mit Gorbatschows Perestroika wurden auch an der Karl-Marx-Universität, wie sie seit 1953 hieß, die kritischen Diskussionen wieder öffentlich.
Im Grunde ist das ganze DDR-Kapitel ein eigenes 400-Seiten-Geschichtsbuch darüber, wie ein politischer Zugriff auf eine Universität das geistige Leben abwürgt und selbst die alles kontrollierende Macht am Ende in einen Zustand der Erstarrung versetzt. Selbst das Beispiel der Uni Leipzig zeigt, wie der zentralgesteuerte Funktionärsstaat das Allerwichtigste, was der DDR hätte Leben einhauchen können, von Anfang an bevormundete, ausschaltete, vertrieb: die klugen Köpfe, die manchmal - wie Bloch und Mayer etwa - sogar bis in die Knochen überzeugte Kommunisten waren und an der schon erstarrenden Universität Leipzig in den 1950er Jahren die Lehrsäle füllten, weil sich die Studenten von ihnen zum Denken animiert fühlten.
Tatsächlich hat sich die Universität im 20. Jahrhundert nie aus den politischen Kämpfen der Zeit heraushalten können. Manche Professoren haben dabei Haltung bewahrt und auch höchstes wissenschaftliches Niveau, andere haben sich den jeweiligen Machthabern so plump angedient, wie weniger studierte Leute auch.
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Mit den tiefgreifenden Änderungen ab 1990 hat die Universität wahrscheinlich nicht einmal an die "guten alten Zeiten" angeknüpft, als auch die starke Unterstützung durch das sächsische Königshaus dazu geführt hatte, dass in Leipzig eine Universität mit Weltruf stand. Sie hat einen neuen Weg eingeschlagen mit schon jetzt in Teilen sichtbaren exzellenten Spitzenleistungen, auch wenn sie - durch 40 Jahre Aus-Zeit bedingt - mit den reichen süddeutschen Universitäten noch nicht wieder konkurrieren kann.
Vielleicht beschäftigt sich doch noch einmal der ein oder andere Forscher mit der Geistesgeschichte der Leipziger Professorenschaft im frühen 20. Jahrhundert. Einfach stets zu beteuern, die Herren seien um eine allzeit unpolitische Haltung bemüht gewesen, verstellt den Blick auch auf einen nicht unwesentlichen Teil der deutschen Geistesgeschichte, die in zwei sinnlose Kriege und eine gewissenlose Diktatur geführt hat. Die zweite Diktatur, auch wenn sie immer wie ein zweiter Schuh zur ersten behandelt wird, hat andere Wurzeln.
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