Zweiter Band zu Belter-Dialogen: Das Vorbild Wolfgang Natonek und die Studentenräte der Uni Leipzig
Ralf Julke
22.01.2011
Ohnmacht der Studentenräte?
Foto: Ralf Julke
Eigentlich ist es absehbar: Die Belter-Dialoge, die die Konrad Adenauer Stiftung seit zwei Jahren an der Uni Leipzig veranstaltet, werden sich künftig nicht nur auf den Widerstand Leipziger Studenten in der Zeit der SBZ und der DDR beschränken können. "Ohnmacht der Studentenräte?" heißt der Band mit den Dialog-Beiträgen von 2010.
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Das Cover ziert wieder das Foto des 1951 in Moskau erschossenen Studenten Herbert Belter, dessen Schicksal in Band 1 den Schwerpunkt bildete und dessen Namen die Veranstaltungsreihe trägt. Diesmal hätte man das Bild Wolfgang Natoneks erwartet, der im Zentrum der zweiten Veranstaltung Belter-Dialoge im Frühjahr 2010 stand. Er steht natürlich exemplarisch für den Mut, den ein Studentenratsvorsitzender zeigen kann, wenn es um demokratische Selbstverständlichkeiten geht, die 1948, als er verhaftet wurde, auch im Osten Deutschlands eigentlich noch als Wegbeschreibung galten in ein anderes, eben demokratisches Deutschland.
Doch das sahen damals die neuen Machthaber im Schatten der sowjetischen Besatzungsmacht längst anders. Und in den hier versammelten Beiträgen wird nicht zum ersten Mal geschildert, wie die Rädchen hinter den Kulissen ineinander griffen, als der Leipziger Studentenrat partout nicht auf die von SED und FDJ forcierte Gleichschaltung der Studentenvertretung umschwenken wollte und gerade das beherzte Auftreten von Wolfgang Natonek dafür sorgte, dass die SED-Betriebsgruppe der Universität bei den Studentenratswahlen marginalisiert wurde.
Versammelt die Vorträge der 2. Belter-Dialoge: Ohnmacht der Studentenräte?
Foto: Ralf Julke
Was damals passierte und wie heftig die staatlichen Eingriffe bis weit in die 1950er Jahre hinein waren, um die alte bürgerliche Universität in eine "sozialistische Kaderschmiede" umzuformen, das ist auch im Band 3 der fünfbändigen "Geschichte der Universität Leipzig" sehr ausführlich beschrieben worden. Dass dabei nicht nur die sowjetische Besatzungsmacht die Entscheidungen fällte, hat schon Steffi Böttger in ihrem Band zu den Briefen von Wolfgang und Hans Natonek sehr genau herausgearbeitet. Es kommt hier in diesem Band wieder zur Sprache: Als die russische Besatzungsmacht Natonek im Herbst 1948 verhaftete, wusste sie mit ihm gar nichts anzufangen und suchte wochenlang nach einem Delikt, das man ihm ankreiden konnte. Am Ende konstruierte man einen Fall von Nicht-Anzeige gegen einen seiner Kommilitonen und verurteilte ihn nach Stalins Gulag-Paragraph 58 des Strafgesetzbuches der UdSSR zu 25 Jahren Zuchthaus.
Es klingt in den Beiträgen des Heftes an: Es war der Auftakt zu einer ganzen Serie von Repressionsmaßnahmen, mit denen in den nächsten Jahren Professoren und Studierende der Universität eingeschüchtert wurden. Eine demokratisch legitimierte Studentenvertretung gab es nach der Verhaftung Natoneks und der Relegierung zahlreicher "bürgerlicher" Studenten an der Uni Leipzig bis 1989 nicht mehr. Die Rolle übernahm nur - sozusagen "stellvertretend" - die FDJ-Hochschulorganisation.
Bis zum Herbst 1989, als die Studierenden an der damaligen "Karl-Marx-Universität" - vom 9. Oktober 1989 ermutigt - binnen eines Monats eine neue Studierendenvertretung schufen, den noch heute existierenden StuRa, der zwar mit dem einst von Wolfgang Natonek geleiteten Studentenrat auch historisch nichts zu tun hat, aber beim demokratischen Umbau der Universität ab 1990 eine wichtige Rolle spielte und noch heute nicht wegzudenken ist aus dem inneren und äußeren Verständigungsprozess der Leipziger Universität.
Und auch nicht aus der sächsischen Diskussion zur Hochschulpolitik. Bei allen großen Demonstrationen gegen die seltsamen Verwerfungen der sächsischen Hochschulpolitik waren die Studierenden der Uni Leipzig mit dabei. Der StuRa schuf dazu die notwendigen Diskussions- und Organisationsformen. Er hat sich auch selbst schon mehrfach neu organisiert, hat mittlerweile 17 Referate, mit denen er sich immer wieder mehr oder weniger professionell in universitätsinterne - aber auch in öffentliche - Diskussionen einbringt.
Joachim Klose (Hrsg.): Ohnmacht der Studentenräte?
Foto: Ralf Julke
Der Bogen vom Schicksal Wolfgang Natoneks zum heutigen StuRa wirkt zwar etwas abrupt. Die 40 Jahre dazwischen wirken wie eine Kluft, die es sicher noch aufzuarbeiten und zu füllen gilt. Von verschiedensten Seiten. Denn ganz so, dass erst der Herbst 1989 wieder studentische Eigeninitiative zum Leben erweckte, war es ja nicht.
Und "Zivilcourage und Widerstand" war auch ein Thema für die Zeit vor der Wiedereröffnung der Universität 1945/1946. Und ein Blick in das, was in Band 3 der Universitätsgeschichte zur NS-Zeit zu lesen ist, ähnelt dem, was für die 1960er und 1970er Jahre galt: Der Zugriff der Staatsmacht auf die Universität war so gut wie komplett und mögliche kritische Köpfe bekamen erst gar keine Zulassung zum Studium. Etwas, was in den diversen Ausarbeitungen zum "studentischen Widerstand" an der Uni Leipzig fast immer ausgeblendet wird: Welche Auswirkungen die diversen restriktiven Studienzulassungen auf ein mögliches Protestpotenzial hatten. Wie groß die Spielräume für Protest ab den 1950er Jahren tatsächlich noch waren, wäre auch so eine Frage. Genauso wie die "Seite der Macht": Was steht zu den "Maßnahmen" der Apparate alles in den Akten?
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Das alles ist mit der Erforschung der neueren Universitätsgeschichte erst punktuell untersucht. Und wäre tatsächlich die wichtigere Seite der Forschung: Welche Effekte erzeugt eine repressive Staatsmacht, wenn sie ein komplettes Universitätsleben kontrolliert und observiert?
Der Themen für weitere Belter-Dialoge sind es genug. Und sie sollten, wenn sie denn Erkenntnisse bringen sollen, über das Kapitel SBZ und DDR hinausgehen.
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