Konsum & Kommerz: Neues Poesiealbum beschäftigt sich mit dem Kaufen und Verkauftwerden
Ralf Julke
22.12.2011
Konsum & Kommerz.
Foto: Ralf Julke
Es ist ein guter Moment, um inne zu halten. Die Einzelhändler haben sich ja schon vorgefreut. Die Bürger kaufen so viel, wie selten in den letzten Jahren. Die großen Schlagzeilenmacher kriegen sich nicht mehr ein vor lauter wundern darüber, dass die Deutschen die Euro-Krise einfach ignorieren. Man ahnt nur, wie sehr man in diesen Redaktionen die Weihnachtszeit mit hemmungslosem Einkaufen gleichsetzt.
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Nicht die besinnliche Erwartung des Festes ist nunmehr der Maßstab, nach dem menschliches Verhalten in den Wochen vor Heiligabend bewertet wird, sondern das korrekte Verhalten als Konsument. Und das hat nichts mit diesen obskuren Werten wie Besinnung, Erwartung, Dankbarkeit zu tun, mit denen ein paar selten gewordene Zeitgenossen sich in Kirchen und Stuben versammeln. Die Moral im Land wird von den Wächtern der Kredite und Börsenkurse bestimmt. Es ist schäbig. Und der Mensch wird nur noch zum Funktionsteilchen Konsument.
Auch im "Spiegel". "Deutsche ignorieren die Krise", schrieb der am 20. Dezember. Die Meldung klang selbst in der Meldung der Gesellschaft für Konsumklimaforschung (GfK) noch anders - differenzierter. Da weiß man zumindest, dass der Konsument nicht erst auf den Börsenindex guckt, bevor er die Weihnachtsgeschenke kauft. Er guckt in sein Portemonnaie oder auf sein Konto. Denn er hat auch gelernt, dass man den Wahrsagereien der "Experten" nicht die Bohne mehr glauben darf. Sie haben sich in den letzten Jahren nicht nur allesamt regelmäßig geirrt. Die Hälfte hat auch noch bewusst geschwindelt. Waren ja die eigenen Aktionen, die man den Leuten da gern als besonders toll unterjubeln wollte.
Aber auch das ist nicht neu. Genauso wenig wie die Sorgen und Kümmernisse des Menschen, der sich beim Betreten des Kaufhauses in das verwandelt, was die Forscher dann Konsument nennen. Mit allen Konnotationen.
Ist der Mensch da noch Mensch? - Darüber haben Dichter schon vor 100 Jahren nachgedacht. Tucholsky zum Beispiel, dessen Gedicht "Die freie Marktwirtschaft" sich so aktuell liest, dass man staunt. So viel hat sich da augenscheinlich nicht geändert in der Landschaft - trotz zweier vorübergegangener Diktaturen, trotz mehrerer Öl-, Stahl-, Kakao- und Kaffeekrisen. Nur manche Vehikel, mit denen der Untertan an die neuen Demütigungen gewöhnt werden soll, heißen heute anders. Liegen ja auch 90 Jahre Forschung dazwischen, in denen Leute wie Milton Friedman und seine Jungs ihrer Theorie vom freien Walten der Märkte und dem Verschlanken der Staaten und Sozialsysteme ein paar hübsche Namen geben konnten - Liberalisierung zum Beispiel oder Globalisierung. Alles hübsch nachlesbar im unten verlinkten Wikipedia-Artikel.
Neues Poesiealbum neu: Konsum & Kommerz.
Foto: Ralf Julke
So gehen natürlich Dichter nicht an das Thema heran. Sie beschäftigen sich mit den Dingen, die ihnen in die Haut brennen, die sie beunruhigen, sehen sich im Spiegel eines Schuhladens und werden natürlich selbst zur Getriebenen - wie Mirela Ivanova in ihrem Gastbeitrag. Frauen geht es mit Schuhen augenscheinlich so. Bei Männern sind es andere Fetische, die sie auf einmal zum Getriebenen machen. Ganz freiwillig ist Vieles, was da in Kaufhäusern und Supermärkten passiert, nicht. Und nicht nur dort. Man schenkt sich ja in einem von vielerlei Konkurrenzwahn beherrschten Zeitalter auch noch andere seltsame Dinge - Brustimplantate zum Beispiel (vor denen heuer in Frankreich gewarnt wird) oder "niedliche Drogen für Kinder", wie Peter Bornhöft schreibt.
Was Ralph Grüneberger im neuen Poesiealbum neu gesammelt hat, ist wieder Lese- und Gedankenlandschaft, stammt zu großen Teilen aus der Werkstatt heutiger Lyriker aus Deutschland, die sich erstaunlich kritisch auch mit ihrer eigenen Rolle in dieser Welt des Kaufens und Verkauftwerdens beschäftigen. Und es sind auch ein paar Klassiker drin. Wie der genannte Tucholsky zum Beispiel. Denn wenn man dem "Markt" überlässt, moralische und gesellschaftliche Standards zu entwickeln, kommt fast immer Dasselbe raus. Und die Grenzen, die Generationen mühsam reguliert haben, weichen wieder auf. Das versuchen einem ein paar Leute dann als Freiheit zu verkaufen.
Neues Poesiealbum neu: Konsum & Kommerz.
Foto: Ralf Julke
"Man handelt mit der Erde, / mit Wasser und Luft / und legt mit festen Zinsen / Himmelsbläue an", schreibt Elisabeth Handel. Die Dichterin ist 87. Sie darf das Alles sehr nüchtern beschauen. Und die Auswahl verblüfft, wenn man die Gedichte quer liest. Da bekommt man so eine Ahnung, was aus dem Menschen wird, wenn ihm alles, was er gestern noch gebührenlos atmen, trinken und betreten durfte, als teure Ware offeriert wird. Er löst sich als selbstbestimmtes Individuum auf und wird - naja - zum Konsumenten.
"mensch ging verloren / was schieren die sorgen / von morgen / sucht lust und genuß / jede stunde sekunde / heute ist jetzt / und jetzt ist heute", schreibt Doris Distelmaier-Haas. Aus dem Bedürftigen wird ein Getriebener. Er ist nur noch auf der Jagd. Nach all den Dingen, die ihm fehlen oder von denen er glaubt, dass sie ihm fehlen. Und so nebenbei gehen ihm auch noch das Gestern und das Morgen verloren. Der Konsum kennt keine Erinnerung. Alles muss raus. Jetzt. Am Ende auch der Kunde, der bezahlt hat für den Nepp.
Sind zwar nur lütte 30 Seiten Gedichte wieder im neuen Poesiealbum neu. Und man versteht den Ärger des Herausgebers, der bei den großen Center-Betreibern vergeblich um eine monetäre Unterstützung für das Heftprojekt angefragt hat. So etwas passt einfach nicht in die üblichen Werbestrategien. Die zielen nicht auf denkende oder nachdenkende Leser. Denn alles muss raus. Möglichst schnell. Gedichteleser sind keine guten Konsumenten. Sie sind zu wählerisch und brauchen zu lange, bis sie zugreifen. Manchmal leben sie auch noch in der uralten Hoffnung, die Betreiber der Maschine könnten ein Einsehen haben.
Wie Helmut Richter: "Indes, die Dogmen fangen an zu gleiten. / Den Reichen schwant, was sie nicht länger dürfen ..."
Nicht wirklich. Aber natürlich werden wir uns zu Weihnachten wieder Dickens' "Weihnachtsgeschichte" zu Gemüte führen. Sie tröstet so. Sie erzählt genau diesen Wunderglauben. Scrooge, dem just in der Heiligen Nacht das Gewissen schlägt. Die Wahrheit ist: Gewissen ist teuer. Stört die Geschäfte. Schmälert die Rendite.
Wird man gar noch grimmig beim Lesen dieser Gedichte? Ein bisschen schon. Dabei ist hier gar nichts rebellisch. Nur der Mensch rumort in all den Versen, der sich so unwohl fühlt als Teil einer Verwertungskette. Dichter rebellieren eher mit so einem stillen Fragen: Was mach ich hier? - Manchmal holt einen das ein an seltsamen Orten - wie Wilhelm Bartsch in "Gisela's Imbiss" in Thale. "Wer jetzt noch ein Herz hat, muß schweigen ..."
Poesiealbum neu "Konsum & Kommerz", Edition kunst & dichtung, Leipzig 2011, 4,80 Euro
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