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Die Leipziger Villa Auguste und ihre Schwestern: Zur Geschichte der deutschen Hospizbewegung

Gernot Borriss
Villa Auguste - Innenhof.
Villa Auguste - Innenhof.
Foto: Ulrike Nieß
„Es war eine Zeit, in der die Themen Tod, Sterben und Trauer unerwünschte, verdrängte Tabu-Themen waren“, erzählt Helga Schwenke-Speck über den Beginn der Hospizarbeit in Leipzig vor gut zwei Jahrzehnten. Die Leipziger Medizinerin ist eine der 76 Pionierinnen, die für das Buch „Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland“ interviewt wurden.


Kommen Bewegungen und Institutionen in die Jahre, entwickeln sie ein Bedürfnis zusammenzutragen, wie alles begonnen hat. Zur Erinnerung an jene, die den Anfang wagten, wie zur kollektiven Selbstvergewisserung.

So geht es auch der Hospizbewegung. „Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland“ heißt das Buch, das die Sozialwissenschaftler und Mediziner Andreas Heller, Sabine Pleschberger, Michaela Fink und Reimer Gronemeyer kürzlich vorlegten.

Der Vorteil dieses Buches: Hier kommen wissenschaftliche Forschung und die Selbstzeugnisse der Pionierinnen und Pioniere der deutschen Hospizbewegung gleich am Beginn der Geschichtsschreibung zu diesem Thema zusammen. Möglich macht das zum einen das Projekt Hospiz.geschichte-zukunft, das der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zwischen 2006 und 2008 gefördert hat. Und möglich macht es die Methode der „oral history“, die die Betroffenen selbst zu Wort kommen lässt.

So verbindet das Buch die wissenschaftliche Einordnung mit der passagenweisen Wiedergabe von 73 Interviews mit 76 Personen, „die an der Wiege dieser großen sozialen Bewegung gestanden haben“.

Denn daran kann kein Zweifel bestehen: Mit aktuell möglicherweise mehr als 100.000 ehrenamtlich Engagierten rund um die gut 1.000 Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Deutschland, so die Autoren, ist eine große soziale Bewegung entstanden. Eine, die nach einer nun auch schon wieder in die Jahre gekommenen Lesart der Politikwissenschaftler eine „neue soziale Bewegung“ ist. Neu, weil sie Entwicklungen und Themen aufgreift, die in der klassischen Moderne mit „Fortschrittseuphorie und Machbarkeitsglauben“ nicht hinterfragt wurden.

„Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland ist die Geschichte eines kulturellen Wandels, die Geschichte einer neuen gesellschaftlichen Aufmerksamkeit und einer zunehmenden Bereitschaft, individuell und kollektiv mit Menschen, die sterben, die Hilfe, Respekt und Unterstützung brauchen, menschlich und würdig umzugehen“, schreiben Heller, Pleschberger, Fink und Gronemeyer einleitend. „Diese Geschichte, die wir erzählen, ist eine Geschichte, die bewegte Menschen gemacht haben“, lesen wir weiter, „die große Erzählung dieser Geschichte kristallisiert sich in vielen kleinen Erzählungen der Frauen und Männer des Anfangs der Hospizarbeit in Deutschland.“

Villa Auguste - Innenhof.
Villa Auguste - Innenhof.
Foto; Ulrike Nieß

Leipzig ist einer der Orte dieser Geschichte. Die Ärztin Helga Schwenke-Speck, Jahrgang 1933, eine der Pionierinnen dieser großen Erzählung. Über dreißig Jahre war sie an der hiesigen Universitätsklinik als Fachärztin für Hämatologie und Onkologie tätig. „Wirklich sehr unschön“ sei das Sterben im Krankenhaus nach ihrer Einschätzung über Jahrzehnte gewesen. „Ich habe ja als junge Ärztin noch erlebt, dass Sterbende grundsätzlich in den Abstellraum geschoben wurden, weil man dachte, die sind sowieso halb tot. Und das war’s dann. Das ist unvorstellbar, was Menschen da so in Einsamkeit gelitten haben, das muss ganz schlimm sein“, so Schwenke-Speck.

Mit dieser Einschätzung ist sie nicht allein. Auch westlich der Elbe sehen Universitätsmediziner keine Möglichkeit, jenseits von Behandlung und Heilung von Patienten tätig zu sein. Doch auch sie finden lange niemanden, der diese Lücke im modernen Medizinbetrieb füllen kann.

Wie im Zeitraffer läuft 1990 während des Systembruchs in Ostdeutschland der Funktionswandel des Krankenhauses ab. „Und zwar war es so, dass die Not der schwersterkrankten Menschen groß war in diesem Zeitraum der Wende“, berichtet Ruth Sommermeyer, Jahrgang 1931, damals Oberin am Luise-Henrietten-Stift im brandenburgischen Lehnin, „das heißt sie durften nicht mehr, wie zu DDR-Zeiten, lange im Krankenhaus liegen – das war früher möglich – und wurden immer wieder nach Hause entlassen, aber zu Haue hatten sie keine Rundumversorgung.“

Leipzig: Beginn in einer Zeit des Aufbruchs


Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland.
Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland.
Foto: Gernot Borriss
Der Bedarf nach Hospizen war spätestens 1990 auch in Ostdeutschland offenkundig. Und die Zeit für zahlreiche Ostdeutsche eine des Aufbruchs. Helga Schwenke-Speck dazu: „Das war für uns eine so sagenhafte Zeit, eine so unwahrscheinliche Stimulation, dass man jetzt aktiv werden konnte, dass man was unternehmen konnte, dass man eigene Wege gehen konnte, das gab’s doch vorher alles nicht.“

Zur Vereinsgründung in Leipzig kam es 1993. „Der Hospiz Verein ist buchstäblich aus dem Nichts entstanden, aus dem gedanklichen, finanziellen und räumlichen Nichts. Es gab keinen Auftrag, keine Institution und kein Geld. Es gab nur Menschen mit einer großen Idee, geboren aus dem Erlebnis, wie sehr sterbende Menschen ein Gegenüber, ein Gespräch und eine Wahrnehmung ihrer Bedürfnisse brauchen“, schreibt Helga Schwenke-Speck im diesjährigen Sommer-Rundbrief des Vereins.

Seit nunmehr zehn Jahren verfügt der Verein in der Kommandant-Prendel-Allee über das Hospiz „Villa Auguste“. Das Dach des Hospizes sei zum "Schutz" für viele Betroffene geworden, fügt Beatrix Lewe an. „Unser Hospizteam begleitete ca. 1.730 Patienten im stationären Bereich auf ihrem letzten Lebensweg. Angehörige fanden einen Ort des Gespräches und der Unterstützung, und viele Bürger der Stadt Leipzig nahmen in diesen Jahren die Angebote der Information und Bildung mit großem Interesse wahr“, bilanzierte die Geschäftsführerin des Hospizes Villa Auguste zum diesjährigen Jubiläum.

Mehr als ein gelungenes Geschichtsbuch



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Die Geschichte der Hospizbewegung
in Deutschland
hospizverlag 2012, 34,90 Euro
Die Hospizbewegung ist in Deutschland nun in die Jahre gekommen. Mit der Palliativmedizin steht ihr eine fachmedizinische Schwester zur Seite. Vor welchen Herausforderungen beide Seiten stehen, und was sie gemeinsam leisten können, auch davon schreiben Andreas Heller, Sabine Pleschberger, Michaela Fink und Reimer Gronemeyer in ihrem Buch.

Und sie schreiben so, dass es für viele verständlich wird, worum es heute und künftig geht. Deshalb legen sie mehr vor als ein ohnehin gelungenes Geschichtsbuch.

www.hospiz-leipzig.de

www.hospiz-verlag.de



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