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Der schiefe Blick des unbekannten Fotografen: Dresden. 1. Mai 1989

Ralf Julke
Dresden. 1. Mai 1989.
Dresden. 1. Mai 1989.
Es gibt Funde, die haben es in sich. Auch wenn der Witz eine Weile braucht, sich zu entfalten. So, wie die Bilder in einem Fotokarton, den Viktor Kalinke 1990 in einem Haus in der Dresdner Neustadt fand, erst 20 Jahre später ihre Wirkung entfalten. Nur den Fotografen kennt er nicht. Den sucht er noch.

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Der Karton, den der damalige Student der Psychologie und Mathematik, fand, enthielt Fotos und Negative von einem eher banalen Ereignis: den Feierlichkeiten zum 1. Mai in Dresden. Echte Amateurbilder, zumeist unscharf und aus ungünstiger Perspektive aufgenommen. Das, was ein neugieriger und zufälliger Besucher eines solchen Ereignisses eben zu sehen bekommt: die gelangweilt wartenden in ihren "Marschblöcken", die mit Blöcken schon längst nichts mehr zu tun haben, gähnende Leere an den Straßenrändern, lose vorbeispazierende Pulks mit selbstgemalten oder vorgefertigten Transparenten und Plakaten, mal Karl Marx lässig über die Schulter drapiert, mal Wilhelm Pieck.

Immerhin war das Dresden, drittgrößte Stadt der DDR, Bezirkshauptstadt. Und wenn man in den Archiven die entsprechenden Ausgaben des "Bezirksorgans der SED" sucht, wird man bestimmt stolze Marschierer, wehende Fahnen und staatsmännisch winkende Kader auf der Tribüne sehen, fette Schlagzeilen über den "fortschreitenden Sieg des Sozialismus" und andere Heldentaten.

Nur wer die Bilder fotografiert hat, würde der Herausgeber gern wissen.
Nur wer die Bilder fotografiert hat, würde der Herausgeber gern wissen.
Die Helden sind in dem kleinen Buch zu sehen, das Viktor Kalinke jetzt aus den Fotos vom 1. Mai 1989 zusammengestellt hat. "Der Umzug selber bot ein Bild der Lächerlichkeit und jeder wusste es", schreibt er im Kommentar zu den Schwarz-Weiß-Fotografien, die irgendjemand da im Sommer 1989 noch hatte entwickeln lassen und dann einfach stehen ließ, als er die armselige Wohnung in der Neustadt verließ. Das Ereignis war nicht nur Geschichte, es schien nur noch vergessenswert. Einer jener armseligen Höhepunkte im Leben eines ergrauten und erstarrten Landes, in dem niemand mehr an die offiziell herumgetragenen Parolen glaubte. Selbst das ist auf den Fotos sichtbar.

"Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass die Herrschaft der alten Männer bereits ein halbes Jahr später mit einem letzten Aufbäumen am Ende sein würde. ... So manches Plakat landete im Papierkorb, die Fahnen wurden hinter der Tribüne voller Arbeiterveteranen ins Gras geworfen ..."

Im Postkartenformat: Dresden. 1. Mai 1989.
Im Postkartenformat: Dresden. 1. Mai 1989.
Und trotzdem hat der unbekannte Fotograf diese ganze Tristesse fotografiert, die Arbeiter, die gelangweilt, die Hände in den Taschen, an der Tribüne vorbeitrotten, die kleinen Häuflein, die von manchem kämpferischen Kollektiv übrig blieben, die notdürftig verschönten Multikars mit den Werksparolen ... Es sind im Grunde dieselben Menschen, die ein halbes Jahr später mit denselben schlecht geschnittenen Klamotten und Einheitsfrisuren die Fotos beherrschen würden - die einen als Flüchtlinge, die anderen als Demonstranten, Mauerspechte, Westbesucher, Bananen- oder Pornoheftkäufer.

Kalinke hätte nur zu gern gewusst, wer de Fotograf war. Die Fotos hat er auch veröffentlicht, um den Unbekannten vielleicht doch noch zu finden. Zum Anderen ist der kleine Fotoband natürlich passend zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution: Er wirft einen exemplarischen Blick auf die Zeit dafür und lässt ahnen, wie überdrüssig selbst den Noch-Mitmarschierenden dieses Land und seine Rituale waren. Man latschte mit - und dann? Im nächsten Jahr wären die Parolen immer noch dieselben, egal, ob der Betrieb nun nur noch Ausschuss produzierte oder das Land längst zahlungsunfähig war, die Grenzen nach Polen und zur CSSR dicht und auch noch die Neustadt von Baggern plattgemacht. Es ging ja immer voran zu einem immer ungreifbareren Ziel.

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"Dresden. 1. Mai 1989. Bilder eines unbekannten Fotografen", Erata Literaturverlag, Leipzig 2009, 12,95 Euro


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