Lulea und ihre Vertrauten: Ein kleines Hexendrama im Wunschelwald
Ralf Julke
05.05.2010
Buchcover.
Lulea ist eine kleine Hexe, neun Jahre alt. Das Alter, in dem die Hexen im Wunschelwald ihren Besen bekommen. Man sieht: Ein bisschen märchenhaft geht es zu in der Geschichte der 26-jährigen Felizitas Montforts, die hauptberuflich als Bürokauffrau im elterlichen Dachdeckerbetrieb arbeitet. Was für eine Verschwendung.
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Aber so ist das im Literaturbetrieb: Eine Menge Leute, die nicht mal einen Plot zustande kriegen, können vom Verfassen dröger Nabelschauen leben. Und die, denen das Talent und die Lust am Fabulieren augenscheinlich in die Wiege gelegt wurde, melden sich im Paperback zu Wort. Was in diesem Fall wirklich schade ist. Denn das Büchlein gehört nicht nur in Papas Hände, der zum Vorlesen vielleicht einen Schutzumschlag drumwickelt. Es gehört in Kinderhände. Und Sie wissen ja: Die sind manchmal klebrig von süßen Sachen oder anderen Dingen, die man als Erwachsener gar nicht so richtig wissen will.
Das Angenehme an der Geschichte: Es geht eher nicht um Hexen-Magie oder störrische Besen. Es geht um etwas, was alle Mädchen mehrfach erleben in diesem komischen Leben um den neunten Geburtstag herum. Denn Kinder im Wunschelwald bekommen zwar üblicherweise an ihrem neunten Geburtstag den berühmten Besen, ohne den eine Hexe keine richtige Hexe ist. Aber es ist eine Bedingung daran geknüpft: Sie bekommen ihn nur, wenn sie bis zu diesem Tag einen Vertrauten haben, ein Tier, das bereit ist, den Rest seines Lebens mit dieser kleinen Hexe – oder dem kleinen Hexer zu verbringen. Was voraussetzt, dass das Kind selbst lernt, Vertrauen zu schaffen und bereit ist, den tierischen Freund als Mahner und Ratgeber fürs Leben zu akzeptieren.
Felizitas Montforts: Lulea und ihre Vertrauten.
Foto: Ralf Julke
Das ist einmal eine etwas andere Interpretation der üblichen Eule, Krähe, Katze oder Unke, die zum Repertoire der europäischen Hexe gehören. Aber es ist eine schöne Fabel für das, was einem so schwer fällt beim Erwachsenwerden. Erst recht, wenn diese ganzen Verwirrungen anfangen um Jungs und Mädchen, Verantwortung und Hab-keine-Lust, um Helfen und Ratsuchen und um dieses komische Wer-bin-ich-eigentlich.
Wer Töchter hat, weiß, welche Dramen sich da abspielen um die älteste, die beste und die tollste Freundin, welche Gefühlstheater um Geburtstagsfeier, Tratsch und Für-alle-Zeit-Beleidigtsein. Und alles ist ernst gemeint. Und wer aufmerksam zuhört als Erwachsener, der merkt, wie das tapfere Ich sich da herumschlägt mit der gewaltigen Kluft, die sich irgendwann auftut zwischen Schein und Sein, Bewunderung und Vertrauen lernen. Eine schwierige Kür, die bekanntlich selten ohne Tränen, Türenschlagen und drei Tage Regenwetter abgeht.
Und wer das weiß, ahnt, in welcher Klemme Lulea an ihrem neunten Geburtstag steckt, weil sie noch immer keinen Vertrauten hat. Da wird schon der Weg in die Waldschule zur Qual. Und dann ist auch noch der Kamm weg, den ihr ihre Mutter geschenkt hat, ein wertvolles Erinnerungsstück, das sie nun suchen geht ... Und damit ist der Leser dann drin in einer Geschichte, die Lulea durch den Wunschelwald irren lässt mit einigen recht dramatischen Begegnungen und Erfahrungen und natürlich einigen Gestalten, die sich doch alle so schön anböten als Vertraute. Aber sie sind's alle nicht. Und über all den dramatischen Abenteuern geht der Tag vorbei und die kleine Hexe kommt mit lauter blauen Flecken – aber ohne Vertrauten – nach Haus in die Baumwohnung.
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Und was dann kommt, hat der Buchtitel schon verraten. Aber das macht nichts. Denn man erlebt sehr einfühlsam mit, wie das ist, wenn Hoffnungen enttäuscht werden und so ein kleines Geschöpf am Verzweifeln ist. Das Mädchen auf dem Cover ist nicht ganz getroffen. Stefan Thomas hat seine Hexe ein bisschen zu ordentlich und ein paar Jährchen zu erwachsen gezeichnet. Trotzdem ist Autorin und Illustrator ein richtiges Buch gelungen, das man Kindern in dem Alter in die gewaschenen Hände geben kann. Wie gesagt: Für die ungewaschenen Hände (die leider bei eifrigen Leserinnen und Lesern in dem Alter wesentlich häufiger sind) wäre ein robuster Einband schöner gewesen. Aber vielleicht kommt's noch, wenn sich der Name der jungen Dame aus Viersen (nahe der holländischen Grenze!) herumspricht, die schon Kurzgeschichten veröffentlicht hat und sich mit der Veröffentlichung dieses Buches einen "großen Traum erfüllt" hat.
Und so wie das Buch endet, ist eine dramatische Fortsetzung zu erwarten, in der wohl der schreckliche Vater des Kindes eine Rolle spielen soll. Man darf gespannt sein.
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