Fred Schiller hat die Nase voll: Katrin Heinaus "Hochstaplerroman"
Ralf Julke
31.12.2010
Hochstaplerroman.
Foto: Ralf Julke
Es gibt mittlerweile eine ganze Menge solcher Geschichten, in denen die Helden ganz nach unten abrutschen in das, was ein paar Narren im Land "soziale Hängematte" nennen. Nur hat die Matte mittlerweile gewaltige Löcher und ein paar Sachbearbeiter entscheiden, ob ein Typ wie Fred Schiller weiterleben darf oder auf die Straße fliegt.
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Womit der Leser natürlich gleich mal in eine Grundpanik versetzt wird: Das kann doch nur noch in die absolute Verwahrlosung führen, wenn einer, der augenscheinlich sogar klug und lebenstüchtig ist, einfach aus einer "Maßnahme" gekegelt wird, die Wohnung gekündigt wird, weil das Amt die Miete falsch überweist und eigentlich nur noch ein Ausweg bleibt: der auf die Straße. Hinter die nächste Kaufhalle, zu den Alkoholikern und Obdachlosen.
Erstaunlich schon, wie leicht die Berliner Autorin, Dramaturgin, Schauspielerin einfach in die Rolle eines männlichen Protagonisten schlüpft. Gerade hat das ja auch Horst Sarek in umgekehrter Weise getan - ist selbstbewusst in die Rolle einer couragierten Heldin geschlüpft. Überzeugend. Und auch Katrin Heinau gelingt ein durchaus überzeugender Sprung in die Denk- und Handlungsweisen eines jungen Mannes, der irgendwann einfach die Nase voll hat, sich von anderen sagen zu lassen, was er zu tun hat, damit er wieder gnädig aufgenommen wird in eine Gesellschaft, in der augenscheinlich eine Menge Leute nur noch damit beschäftigt sind, sich anzupassen, Rollen zu spielen und dem Schimmer des Erfolges hinterherzulaufen.
Katrin Heinau: Hochstaplerroman.
Foto: Ralf Julke
Fred Schiller steigt tatsächlich aus. Anfangs sieht es noch ein wenig aus wie der Aufbruch zu einem großen Vagabundieren. Irgendwo ostwärts von Berlin hofft er, einfach so ins große Unbekannte und Ungeregelte marschieren zu können. Doch über die Grenze nach Polen kommt er nie. In einem kleinen, zumeist von flüchtigen Großstädtern bewohnten Dorf, schlüpft er zum ersten Mal in eine neue Rolle und merkt, dass das Leben durchaus auch Fülle und Reichtum zu bieten hat, wenn man mit ein bisschen Hilfsbereitschaft rechnen kann und die neuen Bekanntschaften nicht erst die Polizei rufen. Ob das in den neuen Fluchtdörfern hinter Berlin tatsächlich so möglich wäre, wer weiß. Man braucht schon ein Weilchen, um in Fred Schiller nicht nur den Frustrierten und Ziellosen zu sehen, sondern auch den, der die Gelegenheiten zu nutzen weiß, sich aus der Bredouille zu schwatzen.
Was ihn nicht davon abhält, sich selbst gleich wieder in die nächste Peinlichkeit hineinzumanövrieren. Er ist ein Hochstapler mit einer Menge Chuzpe. Auch wenn nicht immer ganz verständlich ist, warum er selbst die glücklichen Momente riskiert. Aber das gehört wohl dazu. Es gibt kein "Verweile doch", kein faustisches Nachdenken über das Erreichte oder das Gewicht des Moments. Die Momente weiß er wohl zu genießen - und hinterfragt die Lebenskonzepte der Menschen, denen er begegnet, mit einer recht bissigen Distanz. Ein wenig vom Leben der Autorin spiegelt sich ja in den Künstlerbiografien von Jack und Sabine.
Und Künstlerbiografien in Deutschland sind in der Regel - egal, wie genial mancher auch sein mag - durchaus prekäre Lebensschicksale. Wer sich dem Betrieb der Preise, Jurys und "Markterwartungen" nicht anpasst, wer nicht das Zeug zum Hochstapler hat, verdient mit Kunst und Literatur in Deutschland selten das Geld zum Leben.
Fred Schiller streitet zwar gern ab, dass er selbst ein Künstler sei. Aber er hat keine Hemmungen, im Lauf der Geschichte, die ihn über Dresden nach New York führt, auch in die Rolle eines Künstlers zu schlüpfen. Oder dem, was ein New Yorker Galerist eben von einem angesagten deutschen Künstler erwartet. Was nicht die letzte Rolle sein wird, derer Fred Schiller schon bald wieder überdrüssig wird.
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Hochstaplerroman
Katrin Heinau, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2010, 19,95 Euro
Am Ende des Buches erwartet man als gut erzogener Bewohner der Anstandsrepublik Deutschland beinah eine ganze Liste mit Entschuldigungsschreiben von Fred Schiller an all die Menschen, die er im Lauf der Geschichte betrogen und ausgenutzt und einfach wortlos verlassen hat. Die Liste gibt's aber nicht. Mit einem Flug Richtung China verabschiedet sich der Bursche aus dem Roman. Und man hat so die Gewissheit dabei, dass er sich auch in China durchschwindeln wird.
Katrin Heinau "Hochstaplerroman", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2010, 19,95 Euro.
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