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Weiße Flecken von Afrika: Eine Spurensuche in verschwundenen Kolonien und einer verpufften Diktatur

Ralf Julke
Weiße Flecken von Afrika.
Weiße Flecken von Afrika.
Foto: Ralf Julke
Es ist der Versuch, die portugiesische Literatur auf dem deutschen Buchmarkt ein wenig präsenter zu machen. Mit einem neuen Autor. Der freilich kein junger mehr ist: Helder Macedo ist schon 75 - bis 2004 war er Inhaber des Lehrstuhls Camoes am King's College in London. So etwas färbt ab.

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Auch wenn er schon seit Jahren Romane, Essays und Gedichte veröffentlicht. Und so ganz neu ist der von Markus Sahr übersetzte Roman auch nicht: Er erschien schon 1991 unter dem Titel "Partes de Africa" in Lissabon. Da wirkte Macedo noch als Professor für portugiesische Literatur in London. Und das schimmert nicht nur durch in seinem Roman - er spielt auch damit. Denn das Buch ist ein großes Spiegelkabinett, "ein Mosaik aus Spiegeln", wie Markus Sahr selbst in seinem Nachwort erklärt, in dem er versucht, den Sinn und die Hintergründe des Romans zu deuten.

Das Meiste erschließt sich dem Leser. Auch wenn dieser eine Menge Geduld braucht. Ungefähr so viel wie beim Lesen eines Romans von Eca de Queiroz. Man spricht zwar viel vom Meer in Portugal und die große alte Geschichte der Entdecker scheint noch immer präsent zu sein in diesem winzigen Land, in dem man augenscheinlich sogar Minderwertigkeitsgefühle gegenüber dem großen Nachbarn Spanien pflegt. Aber das Rauschen der Wellen scheint auch den Takt des Lebens zu bestimmen - und den der Erzählweise. Und auch Macedo erzählt, als wäre man auf einer zweijährigen Weltreise mit dem Segelschiff unterwegs und hätte alle Zeit der Welt, die Geschichte ausschweifen und immer neue Wendungen nehmen zu lassen, ohne dass die Zuhörer ungeduldig werden.

Dabei hat Macedo durchaus etwas zu erzählen, denn es ist seine eigene Familiengeschichte, die er hier aufbereitet und beiläufig durchdiskutiert, als sei sie schon als Roman verfasst und es gelte jetzt nur noch, die Kunst des Autors zu besprechen, mit der es ihm gelingt, die Erzählmuster des Romans zu konterkarieren. Ist nicht neu. Das 20. Jahrhundert ist vollgepackt mit Anti-Romanen, die versuchen, die klassischen Erzählweisen der Romane vor allem des 19. Jahrhunderts zu konterkarieren. Die auch nicht ganz ohne Wurzeln sind, sondern natürlich auch auf die epischen und dramatischen Vor-Formen der vergangenen Jahrhunderte zurückgreifen.

Und so begegnet der Leser auch beidem – zum ersten einem immer wieder aufgenommenen Diskurs des Autors mit den portugiesischen Autoren der jüngeren Gegenwart - von denen in Deutschland nur ein winziger Bruchteil bekannt ist. Unübersehbar die Notwendigkeit also, so ein Buch mit einem Glossar zu versehen, das Markus Sahr auch dankenswerterweise zusammengetragen hat, auch wenn er selbst zugibt, dass es wohl zu knapp bemessen ist. Denn was fängt ein deutscher Leser an mit diesem Den-kenn-ich-auch-Spiel, wenn er die meisten dieser Kenn-Ichs gar nicht kennen kann? - Mit Fernando Pessoa und José Cardoso Pires kann er (vielleicht) noch was anfangen. Aber der ganze Rest?

Eher ein Anti-Roman als ein Roman: Weiße Flecken von Afrika.
Eher ein Anti-Roman als ein Roman: Weiße Flecken von Afrika.
Foto: Ralf Julke

Natürlich kann er sich sagen: Es ist ein Vexierspiel. Denn Macedo spielt auch mit den Identitäten. Viele Namen von Personen und Orten hat er bewusst verändert. Schreibt er selbst. Denn seine Familiengeschichte spielt in den einstigen portugiesischen Kolonien. Sein Vater war Kolonialbeamter, ein pflichtbewusster Mann augenscheinlich, der jedesmal versetzt wurde, wenn sein Pflichtbewusstsein den neuen Gouverneuren in die Quere kam. Im Grunde ein Stoff für ganze Roman-Serien, denn das, was Macedo andeutet und nur in wenigen Geschichten tatsächlich anekdotisch erzählt, ist der Wahnwitz eines kolonialen Riesenreiches, in dem die seltsamsten Gestalten Karriere machten und mit Eifer dafür sorgten, die Grundlagen für die Konflikte und Bürgerkriege der Zukunft zu legen. Durch Ignoranz, Überheblichkeit oder schlicht - wie das in unübersichtlichen Apparaten so oft geschieht - durch ausgemachte Dummheit.

Wer die Wurzeln für einige der schlimmsten Kriege und Massaker im heutigen Afrika sucht, findet sie auch hier angesprochen. Für den Erzähler ist es auch eine Suche nach der Wahrheit hinter seiner eigenen Kindheitserfahrung, die teils überblendet war von kolonialem Selbstbetrug und einer gewissen romantischen Verklärung, die aber auch darunter litt, dass der stets aufs Neue versetze Vater praktisch nie anwesend war. Er macht sich also - nach dem Tod des Vaters - auf die Suche nach seinem wirklichen Leben, das teilweise in dicken Akten überlebt hat.

Helder Macedo: Weiße Flecken von Afrika.
Helder Macedo: Weiße Flecken von Afrika.
Foto: Ralf Julke
Gleichzeitig versucht Macedo sich selbst als heranwachsenden Jugendlichen in der Geschichte der Länder zu verorten, die nach dem Tod des portugiesischen Diktators António de Oliveira Salazar 1970 und der Nelkenrevolution von 1974 alle den schwierigen Weg in die Selbständigkeit gegangen sind - und leider auch in blutige Kriege und Bürgerkriege. Das Regime Salazars bekommt eine eigene Würdigung in diesem Roman: durch ein eingebautes Drama eines Freundes des Erzählers, den er Luis Garcia de Medeiros nennt und irgendwo da in den Weiten Afrikas verschwinden lässt, so dass auch der Leser nicht so recht weiß: Gab es den nun wirklich oder ist es ein alter ego des Autors? - Das Drama selbst ist eine Variante der Mozart/da Ponte-Oper "Don Giovanni", die in den letzten Tagen der Salazar-Diktatur handelt.

Es ist nicht die letzte Wendung, die der Leser mitmachen darf. Danach findet er sich mit dem Autor auf neuen Ausflügen in das ehemalige Kolonialreich, in dem er wieder Gestalten begegnet, die er aus seiner Kindheit kennt. Fast am Ende kommt dann der Literaturprofessor ganz zu seinem Recht und hält noch einen Vortrag über das Thema "Das Unbekannte wiedererkennen", der im Grunde von der Überheblichkeit der Entdecker und Konquistadoren handelt, in den von ihnen gefundenen Ländern die mitgebrachten Interpretationsmuster anzuwenden, was - eigentlich bis heute - alle Missverständnisse begründet, die zwischen den einstigen Kolonialmächten und ihren einstigen Kolonien bestehen.



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Weiße Flecken von Afrika
Helder Macedo, Leipziger Literaturverlag 2010, 19,95 Euro
Und so ist es denn auch ein Buch, das von der Schwierigkeit erzählt, die Dinge als das zu erkennen, was sie sind. Was natürlich ein schlüssiges Erzählen permanent konterkariert. Und da vieles in diesem Vexierspiel mit Zitaten arbeitet und geschichtlichen Ereignissen, die in Portugal garantiert besser bekannt sind als hierzulande, wäre es wohl keine dumme Idee, das Glossar kräftig zu erweitern, auch wenn Markus Sahr meint, das Spiel mit den Andeutungen wäre auch ohne das schon ein Lesegenuss.

Vielleicht ist das für manchen Leser der Fall. Unsereiner hat wahrscheinlich im Leben zu viele Kriminalromane gelesen und will eigentlich immer wissen, mit wem er es zu tun hat. Vielleicht ist es ja nicht der Mörder. Aber es könnte ja - zumindest im Reich der Gedanken - helfen, den Fall durchschaubarer zu machen. Und der Fallkomplex Portugal und seine einstigen Kolonien gehört eindeutig zu den Kriminalfällen, die bis heute größtenteils ungelöst sind.


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