Taschkenter Hefte oder Die Liebe in Zeiten unaussprechlicher Erwartungen
Ralf Julke
30.12.2011
Taschkenter Hefte.
Foto: Ralf Julke
Eigentlich ist er Übersetzer. Das Portugiesische ist die Welt von Markus Sahr. Im Leipziger Literaturverlag betreut er sei 2004 eine ganze "Portugiesische Bibliothek". Doch in seinem ersten Roman verschlägt es den 49jährigen nach Usbekistan - in die Hauptstadt Taschkent. Die Liebe ist dran schuld. Oder das, was man so dafür hält.
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Er hat "Roman" draufgeschrieben. Der Leser darf also zweifeln: Ist das nun selbst erlebt oder gut erfunden? Oder eine Mischung aus beidem? - Es liest sich wie eines jener Dramen, mit denen sich Bewohner der modernen Welt, wenn sie denn ein wenig sensibler sind als das Durchschnittsfernsehprogramm, immer öfter herumschlagen müssen. Man verliebt sich, weiß sich nah, es könnte ja klappen, ein gemeinsames Leben ist vorstellbar - in gnädigeren Zeiten wäre man da zum Traualtar gerannt und hätte ein Leben und zehn Kinder lang miteinander ausgehalten.
Doch die Helden der Geschichte sind ein 43jähriger Deutscher, der durchaus der Übersetzer, Dozent und Autor Markus Sahr selbst sein könnte, und die 33jährige Gastdozentin Regina aus Usbekistan. Man lebt in verschiedenen Städten, irgendwo dort, wo auch Markus Sahr lange gelebt hat - Mainz, Tübingen, Berlin als Stichwort. Das Zueinanderfinden ist eine Liebe zwischen Bahnhöfen. Und irgendwann will es der Autor ausprobieren, wie das ist - weit weg von Deutschland in dem einst märchenhaften Taschkent. Das seit 1965 nicht mehr märchenhaft ist. Damals verwüstete ein Erdbeben die Stadt und danach wurde die 2-Millionen-Metropole nie wieder so aufgebaut, wie sie früher mal war. Heute ähnelt sie den vielen sozialistischen Klon-Städten des Ostens, ist von breiten, schnurgeraden Magistralen durchzogen, die meisten Menschen leben in gesichtslosen Wohnblocks.
Die Liebe suchen in Usbekistan: Taschkenter Hefte.
Foto: Ralf Julke
Nur da und dort haben sich Teile des alten, orientalischen Taschkent erhalten. Aber nicht nur die Architektur macht es dem Neuankömmling schwer, sich einzufinden in die fremde Stadt. Auch die Sprache beherrscht er nicht. Um wenigstens eine Brücke in die fremde Welt zu finden, beginnt er Russisch zu lernen, die alte Amtssprache. Sie hilft noch immer beim Einkaufen auf dem großen Markt, beim Nutzen der Buslinien, beim Erkunden der Stadt. Doch es dauert, bis sich der Ankömmling die ersten Brocken aneignet. Wer die Sprache nicht beherrscht, hat es doppelt schwer, in die fremde Welt einzutauchen. Deswegen sind die "Taschkenter Hefte" auch kein Reisebuch geworden. Obwohl sie es natürlich auch ein wenig sind. Nur sind es eben keine touristischen Erkundungen. Sondern die eines Menschen, der Stadt und Bewohner kennen lernen möchte.
Beim Vokabellernen beginnt der Erzähler, über sich und die fremde Stadt nachzudenken. Er schreibt erste Gedanken hin, Reflexionen, Beschreibungen, Szenen. Zuweilen wirkt das Erzählte wie vom Ende her betrachtet. Hinter dem Grübeln spürt man die Zweifel. Denn was wie der Versuch zweier Liebender begann, sich in der Heimat der Geliebten miteinander auszuprobieren, mutet schon nach den ersten Szenen wie die Schilderung einer Flucht an. Während der Erzähler lernt und erkundet und versucht, die fremde Stadt zu begreifen, widmet sich die Geliebte ihrer Arbeit an der Universität, verabredet Treffen, verlässt immer öfter die Wohnung. Die Botschaften sind verwirrend, die Gründe bleiben unausgesprochen. Und als der Verwirrte nach Erklärungen fragt, weicht seine Gastgeberin aus.
Immer mehr gewinnt ein gewisser Jerome Kontur, der in Taschkent längst heimisch ist. Mit seinem Jeep fahren sie eines Tages in die Wüste. Es wird kein Abenteuer. Es ist nur eine der vielen Begegnungen, die ahnen lassen, dass sich da längst eine andere Geschichte entsponnen hat, an der der Verwirrte keinen Anteil mehr hat. Zum Gefühl der Fremdheit in der gesichtslosen Stadt kommt die zunehmende Entfremdung von der Frau, der er noch in Deutschland gesagt hatte, er könne sich ein Leben mit ihr vorstellen.
Markus Sahr: Taschkenter Hefte.
Foto: Ralf Julke
Die Freunde, mit denen er sich noch per Mail austauscht, haben ihn längst gedrängt, wieder heim zu kommen. Sie sehen wohl klarer, was ihm da geschieht.
Am Ende macht er aus seinen Skizzen aus den kleinen grünen Vokabelheften diesen Roman, diese Geschichte einer doppelten Entfremdung. Die natürlich auch auf die doppelte Entfremdung daheim zurückspiegelt. Wie ernst meint es einer, der seiner Geliebten in diese Fernen folgt? Oder wie verzweifelt? Welche Sehnsucht nach Nähe, Verstandenwerden und Akzeptiertsein steckt dahinter? - Die beiden Helden der Geschichte sind ja nicht mehr die Jüngsten. Eigentlich erwartet man da ja doch mehr Rationalität, Erfahrung, Rücksicht. Oder ist das auch nach den ersten jugendlichen Lieben längst nicht so? Bleibt im Gegenteil nicht noch viel mehr Verunsicherung?
Wahrscheinlich ist das so. Die Reise in die scheinbar exotische Ferne macht es nur noch deutlicher. Dieselbe Geschichte hätte auch in Berlin oder Leipzig handeln können, wo Markus Sahr seit 2002 lebt. Dieselbe Sprach- und Ratlosigkeit. Vielleicht sogar beiderseits. Man hat ja nur die Schilderung des männlichen Erzählers, der sich mit seinen Zweifeln herumschlägt und auf seine Fragen keine entschlüsselbaren Antworten bekommt. Vielleicht hätte Gina ihren Part völlig anders erzählt. Und dann hätte man zwei Sichten auf das Geschehene bekommen, die nirgendwo zusammenpassen.
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Taschkenter Hefte
Markus Sahr, Leipziger Literaturverlag 2011, 16,95 Euro
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