Springen Sie direkt: Zum Textanfang (Navigation überspringen) Zur Hauptnavigation Zur Suche


Springen Sie direkt: Zum Textanfang (Navigation überspringen) Zur Hauptnavigation Zur Suche




Tagesübersicht Leipziger Internet Zeitung
Alle Nachrichten von: heute | gestern | vorgestern

Taschkenter Hefte oder Die Liebe in Zeiten unaussprechlicher Erwartungen

Ralf Julke
Taschkenter Hefte.
Taschkenter Hefte.
Foto: Ralf Julke
Eigentlich ist er Übersetzer. Das Portugiesische ist die Welt von Markus Sahr. Im Leipziger Literaturverlag betreut er sei 2004 eine ganze "Portugiesische Bibliothek". Doch in seinem ersten Roman verschlägt es den 49jährigen nach Usbekistan - in die Hauptstadt Taschkent. Die Liebe ist dran schuld. Oder das, was man so dafür hält.

Anzeige

Er hat "Roman" draufgeschrieben. Der Leser darf also zweifeln: Ist das nun selbst erlebt oder gut erfunden? Oder eine Mischung aus beidem? - Es liest sich wie eines jener Dramen, mit denen sich Bewohner der modernen Welt, wenn sie denn ein wenig sensibler sind als das Durchschnittsfernsehprogramm, immer öfter herumschlagen müssen. Man verliebt sich, weiß sich nah, es könnte ja klappen, ein gemeinsames Leben ist vorstellbar - in gnädigeren Zeiten wäre man da zum Traualtar gerannt und hätte ein Leben und zehn Kinder lang miteinander ausgehalten.

Doch die Helden der Geschichte sind ein 43jähriger Deutscher, der durchaus der Übersetzer, Dozent und Autor Markus Sahr selbst sein könnte, und die 33jährige Gastdozentin Regina aus Usbekistan. Man lebt in verschiedenen Städten, irgendwo dort, wo auch Markus Sahr lange gelebt hat - Mainz, Tübingen, Berlin als Stichwort. Das Zueinanderfinden ist eine Liebe zwischen Bahnhöfen. Und irgendwann will es der Autor ausprobieren, wie das ist - weit weg von Deutschland in dem einst märchenhaften Taschkent. Das seit 1965 nicht mehr märchenhaft ist. Damals verwüstete ein Erdbeben die Stadt und danach wurde die 2-Millionen-Metropole nie wieder so aufgebaut, wie sie früher mal war. Heute ähnelt sie den vielen sozialistischen Klon-Städten des Ostens, ist von breiten, schnurgeraden Magistralen durchzogen, die meisten Menschen leben in gesichtslosen Wohnblocks.

Die Liebe suchen in Usbekistan: Taschkenter Hefte.
Die Liebe suchen in Usbekistan: Taschkenter Hefte.
Foto: Ralf Julke

Nur da und dort haben sich Teile des alten, orientalischen Taschkent erhalten. Aber nicht nur die Architektur macht es dem Neuankömmling schwer, sich einzufinden in die fremde Stadt. Auch die Sprache beherrscht er nicht. Um wenigstens eine Brücke in die fremde Welt zu finden, beginnt er Russisch zu lernen, die alte Amtssprache. Sie hilft noch immer beim Einkaufen auf dem großen Markt, beim Nutzen der Buslinien, beim Erkunden der Stadt. Doch es dauert, bis sich der Ankömmling die ersten Brocken aneignet. Wer die Sprache nicht beherrscht, hat es doppelt schwer, in die fremde Welt einzutauchen. Deswegen sind die "Taschkenter Hefte" auch kein Reisebuch geworden. Obwohl sie es natürlich auch ein wenig sind. Nur sind es eben keine touristischen Erkundungen. Sondern die eines Menschen, der Stadt und Bewohner kennen lernen möchte.

Beim Vokabellernen beginnt der Erzähler, über sich und die fremde Stadt nachzudenken. Er schreibt erste Gedanken hin, Reflexionen, Beschreibungen, Szenen. Zuweilen wirkt das Erzählte wie vom Ende her betrachtet. Hinter dem Grübeln spürt man die Zweifel. Denn was wie der Versuch zweier Liebender begann, sich in der Heimat der Geliebten miteinander auszuprobieren, mutet schon nach den ersten Szenen wie die Schilderung einer Flucht an. Während der Erzähler lernt und erkundet und versucht, die fremde Stadt zu begreifen, widmet sich die Geliebte ihrer Arbeit an der Universität, verabredet Treffen, verlässt immer öfter die Wohnung. Die Botschaften sind verwirrend, die Gründe bleiben unausgesprochen. Und als der Verwirrte nach Erklärungen fragt, weicht seine Gastgeberin aus.

Immer mehr gewinnt ein gewisser Jerome Kontur, der in Taschkent längst heimisch ist. Mit seinem Jeep fahren sie eines Tages in die Wüste. Es wird kein Abenteuer. Es ist nur eine der vielen Begegnungen, die ahnen lassen, dass sich da längst eine andere Geschichte entsponnen hat, an der der Verwirrte keinen Anteil mehr hat. Zum Gefühl der Fremdheit in der gesichtslosen Stadt kommt die zunehmende Entfremdung von der Frau, der er noch in Deutschland gesagt hatte, er könne sich ein Leben mit ihr vorstellen.

Markus Sahr: Taschkenter Hefte.
Markus Sahr: Taschkenter Hefte.
Foto: Ralf Julke
Die Freunde, mit denen er sich noch per Mail austauscht, haben ihn längst gedrängt, wieder heim zu kommen. Sie sehen wohl klarer, was ihm da geschieht.

Am Ende macht er aus seinen Skizzen aus den kleinen grünen Vokabelheften diesen Roman, diese Geschichte einer doppelten Entfremdung. Die natürlich auch auf die doppelte Entfremdung daheim zurückspiegelt. Wie ernst meint es einer, der seiner Geliebten in diese Fernen folgt? Oder wie verzweifelt? Welche Sehnsucht nach Nähe, Verstandenwerden und Akzeptiertsein steckt dahinter? - Die beiden Helden der Geschichte sind ja nicht mehr die Jüngsten. Eigentlich erwartet man da ja doch mehr Rationalität, Erfahrung, Rücksicht. Oder ist das auch nach den ersten jugendlichen Lieben längst nicht so? Bleibt im Gegenteil nicht noch viel mehr Verunsicherung?

Wahrscheinlich ist das so. Die Reise in die scheinbar exotische Ferne macht es nur noch deutlicher. Dieselbe Geschichte hätte auch in Berlin oder Leipzig handeln können, wo Markus Sahr seit 2002 lebt. Dieselbe Sprach- und Ratlosigkeit. Vielleicht sogar beiderseits. Man hat ja nur die Schilderung des männlichen Erzählers, der sich mit seinen Zweifeln herumschlägt und auf seine Fragen keine entschlüsselbaren Antworten bekommt. Vielleicht hätte Gina ihren Part völlig anders erzählt. Und dann hätte man zwei Sichten auf das Geschehene bekommen, die nirgendwo zusammenpassen.



Bestellen Sie dieses Buch versandkostenfrei im Online-Shop – gern auch als Geschenk verpackt.

Taschkenter Hefte
Markus Sahr, Leipziger Literaturverlag 2011, 16,95 Euro
Zwei Erwartungshaltungen, die sich nicht mehr in Deckung bringen lassen. Und dann schauen sich die beiden an, die Gefühle sagen "Ja!" und trotzdem werden sie sich, je näher sie sich kommen, immer fremder. Und wem das jüngst passierte, der wundert sich nur. Und packt seine Sachen, fliegt wieder nach Hause, so verunsichert wie an dem Tag, an dem er aufbrach in die größtmögliche Ferne.


Funktionen

del.icio.us Mister Wong Technorati Blogmarks Yahoo! My Web Google Bookmarks




Weitere aktuelle Nachrichten der L-IZ.

Schnell wieder schön: Ein paar nützliche Tipps und ein kleines Plädoyer gegen den Schönheitswahn

René Koch: Schnell wieder schön.
Schönheit ist ein Problem in einer Gesellschaft, in der ein winziger Klüngelkreis aus sehr pekuniärem Interesse dekretiert, was als schön zu gelten hat. Jeder Blick an die nächste Leuchtsäule zeigt: Hier wird ein unerfüllbares Ideal verkauft. Doch diese Allgegenwart eines Ewige-Jugend-Ideals hat auch Folgen. Sie setzt die ganz gewöhnlichen Menschen beiderlei Geschlechts unter Legitimationsdruck. Das hat auch René Koch in seinem Berufsleben gelernt. mehr…

OBM-Wahl 2013: SPD will Kandidaten im September wählen - Clobes schlägt Jung vor

Burkhard Jung.
Der Vorstand des SPD-Stadtverbandes hat in seiner Sitzung am Montag, 14. Mai, den Termin für die parteiinterne Wahl des SPD-Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl auf den 17. September 2012 festgelegt. Der Kandidat, der dann für die SPD ins Rennen geht, soll durch eine Mitgliedervollversammlung gewählt werden. mehr…

Gleisbauarbeiten in der Käthe-Kollwitz-Straße: Umleitungen ab 21. Mai

Baustelle.
Vom 21. Mai bis 23. Juni werden im Bereich Käthe-Kollwitz-Straße und Karl-Heine-Straße zwischen Westplatz und Felsenkeller sowie an der Kreuzung Käthe-Kollwitz-Straße/ Klingerweg Gleisbauarbeiten durchgeführt. mehr…

Wundermittel gegen Krebs? - Verbraucherzentrale stellte Nahrungsergänzungsmittel auf den Prüfstand

Wundermittel gegen Krebs?
Wer mit der Diagnose Krebs konfrontiert wird, will alles Menschenmögliche tun, um die Krankheit zu besiegen. Ergänzend zur schulmedizinischen Therapie geistern in den Medien immer wieder Heilsbotschaften, die Hoffnungen wecken sollen. Dabei stehen Nahrungsergänzungsmittel oftmals im Mittelpunkt. Doch ob diese Hoffnungen berechtigt sind, was wissenschaftlich geprüft oder gar sinnvoll ist, bleibt offen. mehr…

Leipziger Kulturdebatte: Kulturetat für freie Szene wird aufgestockt

Kulturdezernent Michael Faber.
Freudige Nachrichten verkündeten Kulturdezernent Michael Faber und Leipzigs Kulturamtsleiterin Susanne Kucharsky-Huniat am 16. Mai. Der Kulturetat der freien Szene wird bis 2015 aufgestockt. Doch woher das Geld kommen soll, ist nicht bekannt und umgehend folgen kritische Töne von der Freien Szene. Denn die neue Vorlage hebelt ihrer Meinung nach den alten Ratsbeschluss "5 Prozent für die Freie Szene" von 2008 aus. mehr…

Der Stadtrat tagt: CDU fragt nach Marketingaktionen für Citytunnel-Eröffnung

Die Causa Citytunnel ist mal wieder auf dem Plan der heutigen Ratsversammlung gelandet. Diesmal ging es rund um die Werbung bzw. Nicht-Werbung für die Röhre unter Leipzig. Denn nach Meinung der CDU-Fraktion „schaffen es Beteiligte und Unbeteiligte noch immer, dieses Projekt in denkbar schlechtestem Licht erscheinen zu lassen.“ mehr…

Der Stadtrat tagt: Linke will intensivere Bürgerbeteiligung bei Umbau der Georg-Schumann-Straße

Das Konzept zum Umbau der im Leipziger Norden gelegenen Georg-Schumann-Straße ist schon längst verabschiedet. Nun soll die Bevölkerung – wie bei den Planungen zur Karl-Liebknecht-Straße – intensiver einbezogen werden. Der Antrag der Linksfraktion ist heute vom Stadtrat mehrheitlich angenommen worden. mehr…

Der Stadtrat tagt: Beschlüsse bald vollständig im Amtsblatt zu lesen

Die Grüne-Fraktion im Leipziger Stadtrat setzt auch weiterhin auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Sie hat heute einen Antrag zur Veröffentlichung der gesamten Stadtratsbeschlüsse im Amtsblatt gestellt. Doch die Verwaltung sieht das als nicht zielführend an und geht einen Schritt weiter: Künftig sollen die Beschlüsse auf der Stadt-Homepage online verfügbar sein. mehr…

Ein Dialog zum Zivilisations-Thema Fettleibigkeit: Streben nach Glück heißt noch immer Jagd auf Kalorien

Gründungsfoto des IFB AdipositasErkrankungen.
Krankhaftes Übergewicht ist nicht allein das Resultat aus übermäßiger Lust am Essen und mangelnder Bewegung. Dass diese Schlussfolgerung zu einfach wäre, gilt in der Forschung seit einiger Zeit als gesichert. Wie kommt es also, dass inzwischen die Hälfte der Deutschen übergewichtig und etwa 20 Prozent bereits fettleibig (adipös) sind? Ist Übergewicht Schuld oder Schicksal? mehr…

Der Stadtrat tagt: Grüne wollen mehr Transparenz in städtischen Beteiligungsunternehmen

Dass Manager und leitende Angestellte durchaus mehr verdienen als andere Menschen, ist hinlänglich bekannt. Dass die Bezüge manchmal allerdings in keinem Verhältnis stehen, hat beispielsweise der Fall Hanss gezeigt. Der Ex-LVB-Chef wollte sich mit einer über 200.000 Euro teuren Pension einen schönen Lebensabend machen. Damit so etwas nicht mehr vorkommt, wollte die Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen heute im Stadtrat mehr Transparenz und eine bessere Überprüfung fordern. mehr…

Blaulicht am Karl-Heine-Kanal: Neue Lichtinstallation an Fußgängerbrücke

Brücke über den Karl-Heine-Kanal.
Die Brücke zwischen Gießerstraße und Engertstraße erstrahlt nun nächtens in Blau. Damit wollen die Leipziger Wissenschaftlerinnen Professor Sylke Nissen und Karin Lange „die Aufenthaltsqualität am Karl-Heine-Kanal auch in den Abendstunden verbessern“. Die Installation ist Schlussstein des REURIS-Projektes der EU zur Revitalisierung urbaner Fließgewässer. mehr…

Leipziger Sommerakademie findet auch 2012 in Höfgen statt: Anmeldungen bis 30. Juni möglich

Sommerakademie 2011.
Allen Gerüchten um die Schließung der Denkmalschmiede Höfgen zum Trotz: Die Leipziger Sommerakademie findet auch in diesem Jahr wieder statt! Die Anmeldung ist noch bis zum 30. Juni 2012 möglich. Wer in den Sommermonaten seine Kreativität ausleben möchte und darüber hinaus neue Impulse tanken will ist in der Leipziger Sommerakademie genau richtig. mehr…

Messe "Orthopädie + Reha-Technik" in Leipzig: Exoskelette sorgen für Furore

Selbst der Rolli muss heutzutage nicht mehr dröge aussehen.
Wenn der Mensch älter wird, braucht er allerlei Hilfsmittel. Es ist sozusagen der technische Kongress zur demografischen Entwicklung Europas, der am Dienstag, 15. Mai, auf dem Leipziger Messegelände begann. Bis Freitag, 18. Mai, präsentiert die "Orthopädie + Reha-Technik" auf dem Leipziger Messegelände sowohl alle Weltmarktführer als auch kleine, innovative Unternehmen aus den Bereichen Prothetik, Orthetik, Orthopädieschuhtechnik, Kompressionstherapie und Technische Rehabilitation. mehr…

NSU-Skandal: Sachsen mauert bei Aufklärungs-Arbeit weiter

Am Dienstag, 15. Mai, stellte die Thüringer Untersuchungskommission unter Führung des ehemaligen Bundesrichters Gerhard Schäfer in Erfurt ihren Abschlussbericht zur Arbeit der thüringischen Ermittlungsbehörden im Zusammenhang mit dem Jenaer Terror-Trio vor, das dann im sächsischen Zwickau unbehelligt untertauchen konnte. Und der Bericht wirft kein gutes Licht auf den Aufklärungswillen der sächsischen Behörden. mehr…

Funk'N'Stein und Schwarzkaffee am 22. Mai im Werk 2 in Leipzig

Funk'N'Stein
Die Leipziger Monsters of Funk von Schwarzkaffee haben es geschafft, sie haben die Funkikonen aus Israel nach Leipzig geholt: Funk'n'Stein, nach langer Zeit endlich wieder auf Europatour, spielen am Dienstag, den 22. Mai ihren einzigen Deutschland-Gig im Werk 2. mehr…

Springen Sie direkt: Zum Textanfang (Navigation überspringen) Zur Hauptnavigation Zur Suche


Anzeigen.
Veranstaltungshinweise der IHK Leipzig

Veranstaltungshinweise:

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
Zur Website der IHK Leipzig
Grüne Fraktion Leipzig
Zur Website der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) GmbH

VERKEHRSMELDUNGEN:

NACHRICHTEN:

SCHNELLER SERVICE:

Aktuelle Dossiers.
Anzeigen.
Leipziger Leselust Leipziger Leselust ... seit 2004 bespricht die L-IZ regelmäßig die neuesten Bücher Leipziger Autoren und Verlage.
Link-Tipps.
Bildblog