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Windmühlenstraße im Fokus: "Dein Kiez - Meine Stadt" zeigt Einblicke und ihre Bewohner

Daniel Thalheim
"Dein Kiez - Meine Stadt" lockte am 9. Dezember viele Besucher an.
"Dein Kiez - Meine Stadt" lockte am 9. Dezember viele Besucher an.
Foto: Daniel Thalheim
Hier halfen viele Menschen mit. "Dein Kiez - Meine Stadt" heißt die Ausstellung, die seit dem 9. Dezember in der Galerie Emmanuel Post im Künstlerhaus "Frühauf" seine Zelte aufschlug. Bewohner des Windmühlenkiezes und Interessierte aus anderen Stadtteilen fanden sich in den Ausstellungsräumen ein. Gezeigt wurde ein Einblick über die Entwicklungen rund um das noch unsanierte Wohnobjekt an der Windmühlenstraße.

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Es ist eine Ausstellung der anderen Art, die Leipziger dieser Tage bestaunen dürfen. Poster, Transparente, Schilder, Fotos, Drucke und Objekte füllten am Abend des 9. Dezember den Ausstellunsgraum der Galerie Emmanuel Post. Um 18 Uhr fand hier die Eröffnung dessen statt, was Leipziger im Herbst dieses Jahres an den Häuserwänden des Karrees Windmühlen-, Grünewald- und Brüderstraße sehen konnten.

Spruchbandsprüche wie "Supernette Investoren haben Äxte" und "Niemand hat die Absicht ein Parkhaus zu errichten" zeigten eindrucksvoll, um was es den Anwohnern hier geht. Sie befürchten eine "Gentrifizierung" ihres Kiezes, seitdem das Objekt nahe am Bayrischen Platz aus den Händen der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft in den Besitz der Investoren und Projektplaner "Casa Concept" ging. Hier soll saniert und im ersten schritt ein Einkaufsmarkt angesiedelt werden.

Um was es in der Ausstellung geht, wurde schnell bei Gesprächen mit den Besuchern klar. Eine von ihnen heißt Ursula B. und wohnt schon 30 Jahre im Objekt der Windmühlenstraße, das 2012 und 2013 in mehreren Schritten saniert werden soll. Weil sich das Internet Namen merkt und die Anwohnerin auch wegen des Mietverhältnisses anonym bleiben will, verzichtete die L-IZ auf die volle Ausschreibung ihres Namens. Die Rentnerin erzählte, wie dringend notwendig eine Sanierung sein muss.

Bunte Transparente und flotte Sprüche - Gentrifizierung als künstlerisches Thema.
Bunte Transparente und flotte Sprüche - Gentrifizierung als künstlerisches Thema.
Foto: Daniel Thalheim

Seit 1982 bekommt sie den Verfall mit, bemängelt das leck geschlagene Dach, herabfallenden Putz und durch die Decke tropfendes Regenwasser. Ursula B. kam mit ihrem Mann 1982 durch einen Wohnungstausch ins Objekt. Mit ihrem Verbleiben sind ihren Schilderungen nach alle Höhen und Tiefen ihres Lebens verknüpft. Sie sagt: "Wir haben sogar noch die Erstmieter dieses Hauses kennengelernt. Hier wohnten Genossen und 'Aktivisten der ersten Stunde'. Wir haben auch die Wende gut überstanden. Seitdem hat die LWB außer Notreparaturen kaum etwas unternommen. Nichts Grundlegendes wurde gemacht. 1992 fragten wir an, ob hier etwas gemacht wird. Daraufhin sagte die LWB, sie wüssten nicht, wann und wie hier saniert werden soll. Dann haben wir selber Handwerker bestellt und haben sehr viel machen lassen."

Dieser Umstand ist für Ursula B. und ihrem Mann auch ein Grund, warum sie nicht ausziehen wollen und sich vom Investor grundlegende Instandsetzungsmaßnahmen wünschen, die das Notwendigste wie Dach, Fenster, Wasser- und Heizungsanlage und Fassade betreffen. "Einen Supermarkt brauchen wir aber nicht. Wir haben hier doch alles, was wir zum Einkaufen benötigen." Die ältere Dame zählt den wöchentlich stattfindenden Markt am Bayrischen Bahnhof auf, den SB-Markt in der Nürnberger Straße, eine Kaufhalle in der Riemannstraße, den SB-Markt "Aldi" in der Sternwartenstraße und die nahe gelegene City.

Politische Ausstellung: Gentrifizierung ein leipzigweites Problem.
Politische Ausstellung: Gentrifizierung ein leipzigweites Problem.
Foto: Daniel Thalheim

Markus Uhr ist Künstler und wohnt mit seiner Familie seit einigen Jahren hier. Im Künstlerhaus "Frühauf" bezog er sein Atelier. "Unsere Erfahrungen mit der LWB waren die, dass wir oft aus Objekten wie diesem rausmussten. Damals ging alles etwas offener vonstatten. Was mich hier stört, ist das Verschleierte und Verdeckte, wie das hier anfänglich ablief. Dagegen wollten wir uns im Kiez einfach wehren." Uhr half bei der Ausstellung mit, wo er nur konnte. "Wir wollen damit die Öffentlichkeit erreichen, aufmerksam machen, dass hier Rentner und Künstler wohnen, Familien mit Kindern leben und untereinander sehr gut vernetzt sind. Ich hoffe sehr, dass die Ausstellung die Öffentlichkeit auch erreicht."

Eine junge Frau, die ebenfalls unerkannt sein möchte, heißt Julia K. Sie ist Journalistin und schilderte ähnliche Vorgänge aus der Kantstraße. Die LWB verkaufte ihr zufolge die dortigen vier Doppelhauswohnblöcke aus den Dreißiger und Fünfziger Jahren nahe dem MDR-Gelände an die GRK Holding. In der Kantstraße soll dasselbe passieren, was überall mit GRK-Objekten passiert - hochwertige Sanierungen. Julia K. erzählte, dass die GRK nicht immer ein Händchen für die Mieter hat. "Wir haben uns mit der Windmühlenstraße vernetzt, weil wir leipzigweit Kieze wie unsere zusammenbringen wollen, um auf das Thema Gentrifizierung aufmerksam zu machen."

"Gentrifizierung" ist ein Wort, das Sozialsoziologen erfanden, um Verschiebungsvorgänge vor allem in Großstädten zu beschreiben. Günstige Wohnquartiere werden nach neuesten Standards saniert. Die darin lebenden Menschen, die sich die Wohnungen nicht mehr leisten können, wandern wieder ab, bis der Vorgang woanders von Neuem geschieht. Dabei sind soziale und wirtschaftliche Konflikte vorprogrammiert. Laut Julia K. finden in allen Stadtteilen solche Probleme statt und ärmere Menschen werden schlicht verdrängt. So passiert es soeben in der Kantstraße mit den Sanierungsabsichten der GRK Holding AG. In der Windmühlenstraße befürchtet man ganz offensichtlich ähnliche Muster.

Auf deren Homepage steht, für was die Firma ausgezeichnet wird: Hieronymus-Lotter-Preis 2006 der Kulturstiftung Sachsen für die denkmalgerechte Sanierung des Wohnhauses Hardenbergstraße. Dasselbe 2008 für die Sanierung der Objekte Waldstraße 50 und 56 sowie der Funkenburgstraße 25. 2010 erneut der Hieronymus-Lotter-Preis für die denkmalsgerechte Sanierung des Wohnhauses Pfaffendorfer Straße 48. "Die machen ganz tolle Golfturniere für gute Zwecke", sagt Julia K. Besser kann man den Widerspruch zwischen bezahlbarem Wohnraum, Leben in einer Stadt und Investoreninteressen wohl nicht formulieren.

Die junge Journalistin informierte die L-IZ über diverse Vorgänge, die auch gerichtlich ausgefochten werden. Sie kritisierte, dass die Immobilienfirma nicht richtig mit den Mietern kommuniziert und fragt: "Wir würden gerne von der GRK wissen, was in der Kantstraße geplant wird und welche Rolle die bisherigen Mieter spielen. Sind wir nur Beiwerk, das weg muss?"

Schnell wurde also klar, dass die Ausstellung "Mein Kiez" ein tiefgreifendes und über Kant- und Windmühlenstraße hinausreichendes Problem thematisiert - neben dem Zeigen von lustigen Sprüchen und bunten Plakaten. Weil diese Fragen nicht so schnell geklärt werden können, kündigen die Ausstellungsmacher der Interessengemeinschaft Windmühlenstraße für den 16. Dezember um 20 Uhr eine Diskussion zur Stadtentwicklung an. Dann werden bei der öffentlichen Diskussion zur Stadtentwicklung Prof. Dr. Dieter Rink (Stellvertretender Leiter des Departments Stadt- und Umweltsoziologie und Tim Elschner (Stadtbezirksbeirat Mitte / Grüne) mit reden.

Zuvor wollen Anwohner der Windmühlenstraße sowie IG-Sprecher Christian Kuegler mit Einwohneranfragen bei der kommenden Stadtratssitzung am 14. Dezember Baubürgermeister Martin zur Nedden löchern. Die Ausstellung selbst kann man noch am 15. und 16. Dezember anschauen.

Interessengemeinschaft Windmühlenstraße Online
windmuehle-unser-kiez.de


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