Polyphon statt Monoton: Leipziger Toleranz-CD mit 18 bunten Bands
Ralf Julke
10.03.2009
Polyphon statt Monoton: Monika Lazar, Ivo Zibulla und Daniela Kolbe.
Foto: Ralf Julke
Die Idee ist eigentlich ganz simpel: Was die Herren mit den polierten Glatzen können, können auch bekennende Demokraten tun – nämlich Musik-CDs verteilen. Und zwar keine dumme Schrammelmusik für Niemalskluge. Sondern kluge Musik mit starken, lebendigen Musikern. Motto: Polyphon statt Monoton. – Die Scheibe ist da.
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Am Montag wurde sie vorgestellt. Ohne viel Pomp, fast in gemütlicher Runde beim Verein "Leipzig. Courage zeigen e. V.“. Der organisiert seit zehn Jahren das große Courage-Festival am Vorabend des 1. Mai am Völkerschlachtdenkmal. Samt Vorausscheid mit jungen Leipziger Bands. Die Verbindung liegt nahe. Denn das Courage-Festival wurde aus der Taufe gehoben, nachdem ein Aufmarsch von Nationalsozialisten am Völkerschlachtdenkmal die Stadt der Friedlichen Demonstration drohte, dauerhaft zum Tummelplatz für Rückwärtsgewandte zu machen.
Die neue CD setzt in einer ähnlichen Problemsituation an. Nicht nur sitzt seit 2004 die NPD in Fraktionsstärke im Sächsischen Landtag. Die Kommunalwahlen in Sachsen 2008 haben gezeigt, dass die rechtsextreme Partei auch in Stadtparlamenten und Kreistagen zunehmend vertreten ist. Landesweit. Zur Kommunalwahl im Juni kann es passieren, dass die rechte Partei auch in Leipzig Stadtratsmandate erobert und für die nächsten Jahre zum Störfaktor in der politischen Arbeit wird.
Seit Monaten arbeitet sie darauf hin und versucht ihre Präsenz in der Messestadt zu erhöhen. Wichtigster Ankerstein dabei war die Eröffnung eines Wahlkreisbüros in der Odermannstraße in Lindenau. Diverse Demonstrationen der mit der NPD liierten Freien Kräfte in verschiedenen Stadtteilen des Leipziger Westens und des Leipziger Ostens haben für Aufmerksamkeit gesorgt. Die Stadt hat sich aus gutem Grund mit einem Lokalen Aktionsplan am Projekt "Vielfalt tut gut" des Bundesfamilienministeriums beteiligt.
18 Leipziger Bands auf eine CD für Leipziger Toleranz: Polyphon statt Monoton.
Foto: Ralf Julke
Auch das Projekt einer Toleranz-CD hätte in dieses Programm gepasst. „Aber dafür reichten dann die Gelder nicht", resümiert Jürgen Kasek, Vorsitzender des Kreisverbands von Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied in der AG Gesellschaft & Zivilcourage und Initiator der CD. Eine Idee, für die er nicht nur bei den Grünen Unterstützung fand, sondern auch anderen in Leipzig Aktiven aus dem Herzen sprach, die sich für eine weltoffene, couragierte Bürgerstadt engagieren.
Die Leipziger Jusos fanden die Idee genauso einleuchtend wie die Mitglieder der Grünen Jugend, des Linxxnet und des Stadtschülerrats, der DGB Jugend und des Bunte Platte e. V. aus Grünau. Man kannte sich ja schon aus einer anderen gemeinsamen Aktion aus dem Vorjahr, als man sich im Ladenschluss-Bündnis zusammentat, um parteiübergreifend Stellung zu beziehen gegen den Tönsberg-Laden am Hauptbahnhof. Für Daniela Kolbe, Vorsitzende der Leipziger Jusos, nicht nur ein Zweckbündnis: „Wir als Demokraten müssen gemeinsam auftreten gegen Anti-Demokraten."
Auch Junge Union und Junge Liberale hätte man gern mit im Boot gehabt. Doch da scheut der CDU- und der FDP-Nachwuchs noch. Auch wenn es mit der CD nicht um Wahlkampf und auch nicht um Parteien geht. Sondern um das Bekenntnis zu Vielfalt und Toleranz. Weswegen denn auch das von den Bundesministerien des Innern und der Justiz gegründete “Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT)" die Finanzierung der CD übernahm.
In diesem Bündnis haben auch Vertreter der im Bundestag vertretenen Parteien eine gewichtige Stimme. Monika Lazar, Leipziger Bundestagsabgeordnete der Grünen, ist Mitglied und übernahm auch die Schirmherrschaft – oder besser: Schirmfrauschaft – für die CD, zu der jede der teilnehmenden Bands nicht nur einen Song beisteuerte, sondern auch ein kurzes Statement. In der Regel kurz und prägnant zu einer Stadt, die Toleranz, Vielfalt und Demokratie lebt.
„Eigentlich kam die Anregung vor einem Jahr aus Sachsen-Anhalt", so Jürgen Kasek. „Die hatten schon so eine CD." Der Unterschied: Das Nachbarland hatte überregionale Bands zum Mitmachen bewegt. „Da haben wir uns trotzdem gefragt: Warum gibt es so etwas in Sachsen noch nicht", so Kasek. „Oder für Leipzig."
„Für uns eigentlich keine Frage, da mitzumachen", sagt Ivo Zibulla, Schlagzeuger bei der Leipziger Band Dante's Dream. Mit ihrem Repertoire im Grunde stellvertetend für die Vielfalt von Musikstilen und internationalen Einflüssen, die von Leipziger Musikern gepflegt wird.
"Und mit Musik kann man junge Leute erreichen", sagt Monika Lazar, "das wissen wir doch." Und warum sollte es mit einer derart reichhaltigen und bunten Mischung nicht klappen, Leipziger Heranwachsende neugierig zu machen auf die Vielfalt der Welt? – Und weil "die anderen" nun einmal schon ausprobiert haben, wie es geht, wird "Polyphon statt Monoton" natürlich auch auf Leipziger Schulhöfen verteilt. Und zwar zuallererst in jenen Stadtteilen, in denen rechtsextreme Umtriebe in den letzten Monaten für Aufsehen sorgten – in Grünau und Lausen, Lindenau und Plagwitz, Großzschocher, Reudnitz, Stötteritz und Sellershausen. Die Verteilung soll dabei in enger Kooperation mit den mittlerweile vier Bürgerinitativen erfolgen, die sich in Reaktion auf die rechtsextremen Auftritte gegründet haben.
Insgesamt 4.000 CD wurden hergestellt. Sie werden auch zu den diversen Courage-Konzerten verteilt. Konzerte mit den beteiligten Bands auf dem Lindenauer Markt sind in Vorbereitung. Die Herausgeberschaft für die CD hat der “Leipzig. Courage zeigen e. V.“ übernommen.
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