Kulturetat 2010 – Auch beim Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig schrillen die Alarmglocken
Robert Weigel
26.01.2010
Alexander Dreyhaupt.
Foto: Robert Weigel
Noch ist der Haushaltsplan fürs laufende Kalenderjahr in Leipzig nicht beschlossen. Nichtsdestotrotz erregt gerade der Kulturetat die Gemüter – die Angst vor Absagen schleicht unsichtbar umher. Auch beim Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig (FZML), das trotz guter und professioneller Arbeit wohl erneut nicht auf der Liste zu fördernder Institutionen landen wird.
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Der finale Rettungsversuch erfolgt auch in diesem Fall per Offenem Brief. Darin fordert der künstlerische Leiter und 1. Vorsitzende des FZML, Thomas Christoph Heyde, das Kulturamt auf, den Absagen in den vergangenen fünf Jahren keine weitere folgen zu lassen. Oder vielmehr: Er bittet darum. Unter Verweis auf die immer dünner werdende Bezuschussung aus dem Rathaus in der Vergangenheit.
Thomas Christoph Heyde.
Foto: Steffi Loos / fotokombinat.net
Denn so engagiert und professionell, das erklärte auch Heydes Stellvertreter in der Vereinsführung, Alexander Dreyhaupt, im Gespräch mit L-IZ.de, könne das Team des FZML in Zukunft nicht weiter arbeiten. Was fehlt ist Planungssicherheit, die sich über Projekt bezogene Förderung eben nicht herstellen lasse. Diese Mittel aus dem Stadtsäckel machten zuletzt nur noch neun Prozent des Budgets des Vereins aus – obwohl dieser auch über die Stadtgrenzen hinaus medial wahrnehmbar und erfolgreich arbeitet.
Schon seit 20 Jahren übrigens und mit stetig wachsendem Angebot. Weil aber bei allem Engagement nichts ohne das berühmte Kleingeld zwischen Daumen und Zeigefinger funktioniert, hat das FZML jetzt erstmal alle Planungen eingefroren. Auf etwa 40.000 Euro beziffert Alexander Dreyhaupt den Bedarf, der den Erhalt der institutionellen Strukturen sichern würde – in den letzten fünf Jahren wurden diese Gelder trotz Empfehlung des Kulturbeirats stets nicht bewilligt.
„Wir gehörten von Anfang an zu den empfohlenen Einrichtungen, wenn es um die Neuaufnahme in die institutionelle Förderung ging“, erklärt Dreyhaupt, vermutet allerdings dass die derzeitige Haushaltslage das Kulturamt zwingt, die institutionelle Förderung nicht weiter auszubauen. Weil eben das im Gegensatz zur Projektförderung Mittel längerfristig bindet.
Alexander Dreyhaupt.
Foto: Robert Weigel
Den Brief an das Kulturamt und Kulturbürgermeister Michael Faber will Dreyhaupt deshalb auch gar nicht als Ultima ratio verstanden wissen, sondern eher als Anregung, eine klare Aussage zu machen, ein deutliches Bekenntnis abzugeben. „Wir müssen auch jetzt schon an 2011 denken“, meint Dreyhaupt mit Blick auf die Planungen, „wenn nach so vielen Jahren der Beantragung keine nachhaltige Unterstützung der Stadt kommt, dann ist es fahrlässig, sich auf langfristige Projekte einzulassen.“ Das habe man in der Vergangenheit zwar schon getan, erklärt er weiter, aber mit Blick auf die eigenen Mitarbeiter und Kooperationspartner sei dieser Zustand nicht mehr tragbar.
Bisher habe sich die Stadt bei ihren Absagen meist hinter Paragraphen und Förderrichtlinien versteckt, der Brief soll jetzt Anstoß zum gemeinsamen und offenen Dialog sein. Dreyhaupt geht es dabei gar nicht vordergründig darum, mehr Geld zu erbitten, sondern die Fördermittel tatsächlich auch für den Erhalt der Einrichtung einplanbar ausgezahlt zu bekommen. Denn mit Projektmitteln sei das schlicht nicht machbar. „Das ist das, was uns derzeit hindert, irgendetwas voranzutreiben“, bekennt er beinahe hilflos. Besonders präkär sei die Lage bei den auf Langfristigkeit angelegten pädagogischen Angeboten in Zusammenarbeit mit Schulen und anderen Einrichtungen, die jetzt erstmal auf Eis lägen.
Welchen Wert die Arbeit des FZML für die Kultur der Stadt hat, das lässt sich zwar anhand nackter Zahlen nur schwer nachweisen. Allein im letzten Jahr aber seien bei den Angeboten des FZML 100.000 bis 150.000 Euro in die Hand genommen worden. Der überwiegende Teil davon sei aus Bundes- und Landesmitteln gekommen. Aus Kulturstiftungen, die jetzt nicht ganz zu Unrecht fragten, warum denn da von Seiten der Kommune so wenig beigesteuert werde.
Dabei hat die Arbeit des FZML auch eine über Leipzig hinausgehende wahrnehmbare Wirkung. Im vergangenen Jahr wurde der Verein mit dem Förderpreis des Sächsischen Initiativpreises für Kunst und Kultur 2009 des Freistaates Sachsen ausgezeichnet und erhielt im Rahmen des Deutschen Präventionstages den Titel “Schule der Toleranz” für eine Workshopreihe im Rahmen der “Internationalen Woche gegen Rassismus”.
Straßenbahnkonzert
Foto: FZML
Pfunde also, mit denen das FZML neben seiner erfolgreichen Konzertserie „FreiZeitArbeit“, bei der stets an ungewöhnlichen Orten musiziert wird, und der Festivalreihe „MachtMusik“ wuchern kann – aber im Kulturamt offenbar nur ungenügend wahrgenommen wird. Bösen Willen will Dreyhaupt dennoch niemandem unterstellen und hebt hervor, dass die Pro-Kopf-Ausgaben für die Leipziger Kultur in Deutschland einen Top-Ten-Platz einnehmen.
„Von unserer Seite ist es aber klar, dass wir uns vor allem nach den letzten beiden erfolgreichen Jahren getraut haben, mal mit breiterer Brust an die Öffentlichkeit zu gehen“, begründet er das Ansinnen seines Vereins. Weil man eben auch von vielen Seiten ein positives Feedback darüber erfahren habe, wie einzigartig dieses Projekt in der deutschen Kulturlandschaft sei. Gerade neuere zeitgenössische Musik sei besonders in den Neuen Bundesländern noch stark unterrepräsentiert. Dass dieses kulturelle Kleinod in der Messestadt nicht gleichermaßen Wert geschätzt würde, wie anderswo, sei daher schon komisch, meint Dreyhaupt abschließend.
Den Mutmaßungen einiger Schnellschreiber allerdings, die nach Erscheinen der Pressemitteilung am vergangenen Montag schon das mögliche Aus des FZML herbeigeredet hatten, widerspricht Alexander Dreyhaupt entschieden. „Es wird auf jeden Fall weiter gehen, der Verein ist ja nicht pleite“, erklärt er dazu. Festival und Konzertreihe werden auf jeden Fall fortbestehen, „aber wir können uns nicht auf Freizeitarbeit beschränken.“ Und gerade die Förderung derer, die die Kunst schaffen, nämlich Musiker und Komponisten, sei unter den gegebenen Bedingungen nicht ausbaufähig.
Das FZML hat, so scheint es, das Ende der Fahnenstange erreicht. Und nur wenn die öffentliche Hand für ein stabiles Fundament sorgt, kann ein Umknicken verhindert werden. Auch, weil andere Förderer, wie vor allem die Kulturstiftung Sachsen, den Geldhahn nicht endlos aufdrehen können und werden. „Es muss einen professionellen Unterbau geben“, sagt Dreyhaupt. Leipzig hat die Chance, sich ein Stück kulturelle Einzigartigkeit zu erhalten – es liegt, wie so oft, einzig am Geld.
Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig im Netz: www.fzml.de
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