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Kameradschaftsabend im Mehrfamilienhaus? Neonazis schaffen im Leipziger Osten neue Anlaufstellen, Ladenschluss-Bündnis kündigt Protest an

Patrick Limbach
Drei Wochen lang hing die Fahne in der Langen Straße.
Drei Wochen lang hing die Fahne in der Langen Straße.
Foto: Aktionsbündnis Ladenschluss
Die Aktivitäten Leipziger Neonazis scheinen sich seit einigen Monaten wieder gen Osten zu verlagern. Seit November nutzen Kameraden aus dem NPD-Umfeld zwei Wohnungen in der Langen Straße 15 (Zentrum-Ost) als Party- und Veranstaltungsraum und halten regelmäßige Treffen ab. Kaum hatten die Rechten ihre neuen Behausungen bezogen, hissten sie eine schwarz-weiß-rote Fahne mit der Parole „My blood is my honour, my race is my pride“ aus dem Fenster.

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Das anrüchige Stofftuch wurde nach drei Wochen wieder entfernt. Ob das auf Verlangen des Vermieters geschah, konnte bisher nicht geklärt werden.

Dem Aktionsbündnis Ladenschluss zufolge legt dieser im Umgang mit dem Problem ohnehin ein merkwürdiges Gebaren an den Tag. Die SGK Liegenschaftsverwaltung GmbH, die zur Leipziger "Kling Group" gehört, in deren Besitz sich das Mehrfamilienhaus befinden soll, blieb demnach trotz mehrfacher Beschwerden der übrigen Mieter untätig. Die Neonazis nicht.

Sie weihten ihr neues Domizil am 9. Dezember mit einer ausufernden Party ein. Mehrfach mussten die Ordnungshüter nach dem Rechten sehen. Am nächsten Morgen waren Briefkästen und Klingelschilder demoliert. Anwohner beschwerten sich über laut skandierte Hassparolen. Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Jetzt reagierte die Eigentümerin: Sie tauschte die Hausverwaltung aus, beauftragte eine externe Oschatzer Firma. Geändert hat diese Maßnahme freilich nichts. Die Hintergründe für diesen merkwürdigen Schritt liegen im Dunkeln. "Vielleicht war sie mit unserer Arbeit nicht zufrieden", mutmaßt eine SGK-Mitarbeiterin gegenüber L-IZ.de. Das mutet angesichts der Eigentumsverhältnisse höchst seltsam an.

Zum Jahreswechsel feierten die Kameraden erneut in ihrer Bleibe, in der offenkundig keiner von ihnen wohnt. Auch diesmal artete die Feier aus, rund 30 Gäste wurden laut "Ladenschluss" beim Randalieren beobachtet. Nachbarn sahen, wie sie auf der Straße vor dem Haus mit ungewöhnlich kräftigen Böllern zwei Autos angriffen und diese beschädigten. Außerdem griffen die feiernden Neonazis mit ihren Silvesterknallern Unbeteiligte an. Laut dem Ladenschluss-Bündnis soll die alarmierte Polizei mit Verweis auf silvesterbedingte Überlastung diesmal untätig geblieben sein. Pressesprecher Uwe Voigt widerspricht: "Wir hatten einen Anruf im Revier Innenstadt. Die Person war alkoholisiert und nicht zu verstehen. Auf Nachfragen hin hatte sie aufgelegt." Weitere in Frage kommende Anrufe habe es nicht gegeben.

Abermals untätig blieb die "Kling Group". Bei der OZ-Immobilien GmbH, seit Mitte Dezember für die Verwaltung zuständig, regte sich trotz erneuter Beschwerden durch die Mieter nichts. "Ich werde dazu keine Auskunft geben", teilte eine Mitarbeiterin auf Nachfrage mit. "Das müsste ich mit dem Eigentümer absprechen." Die übrigen Bewohner des Hauses fühlen sich durch die stetige Neonazi-Präsenz bedroht und in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Sie befürchten, dass die Kameraden hier einen neuen Anlaufpunkt etablieren möchten. "Die ständige Angst vor Beleidigungen und Angriffen macht ein unbeschwertes Leben und Wohnen unmöglich", heißt es seitens des Ladenschluss-Bündnisses. "Wir fordern die Eigentümerin des Hauses Lange Straße 15 – vertreten durch die Geschäftsführerin Frau Nicole Kling – auf, die Bedenken und Ängste der Hausbewohner und Anwohner ernst zu nehmen und das Mietverhältnis mit den Nazis zu beenden." Frau Kling war am Freitag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Drei Wochen lang hing die Fahne in der Langen Straße.
Drei Wochen lang hing die Fahne in der Langen Straße.
Foto: Aktionsbündnis Ladenschluss

Die Lange Straße 15 ist nicht der einzige „braune“ Brennpunkt im Leipziger Osten. Ebenfalls im November eröffnete im Täubchenweg (Reudnitz) das Bekleidungsgeschäft "Fighting Catwalk". Neben Sportbekleidung und Boxerbedarf wandert hier das Modelabel "Thor Steinar" über den Tresen. Die Marke erfreut sich unter Neonazis wegen ihrer häufig doppeldeutigen, nordischen Symbolik großer Beliebtheit. Szenekenner vermuten, dass das Geschäft ein neuer Anlaufpunkt der rechten Szene werden könnte. "Unser Angebot ist nicht geprägt von politischen Interessen und unterstützt in keiner Form Gruppierungen", betont Betreiber Christian P. auf der Startseite seines Webshops. Die politische Problematik der Marke scheint dem Boxer keine Kopfschmerzen zu machen. Ganz im Gegenteil. In einer Webcommunity erklärt er das Label zu seiner "Lieblingsmarke".

Schon im August und September griffen Unbekannte mehrfach das alternative Ladenprojekt "Atari" sowie benachbarte Wohnhäuser an. Die Betreiber vermuten einen rechtsmotivierten Hintergrund. Nach Angaben von Innenminister Markus Ulbig (CDU) nutzten "Freie Kräfte" im vergangenen Jahr Räumlichkeiten in der Wurzner Straße als Treffpunkt. Nach L-IZ-Informationen soll es sich hierbei um eine Gaststätte gehandelt haben, die Ende September geschlossen hat. Bereits in den Jahren 2007 und 2008 waren Neonazis im Leipziger Osten verstärkt aktiv. Die "Freien Kräfte Leipzig" organisierten hier Aufmärsche. Ein Mehrfamilienhaus in der Holsteinstraße war wiederholt Ziel rechtsmotivierter Angriffe. "Solche Zustände dürfen sich nicht wiederholen, menschenverachtende Ideologien dürfen nicht geduldet werden", fordert das Ladenschluss-Bündnis. "Wir appellieren, die aktuellen Entwicklungen ernst zu nehmen, sich zu vernetzen und sich an geplanten Protestaktivitäten zu beteiligen."


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