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Im Wendekreis der Kunst: Johannes Tiepelmann malerisch in der Potemka-Galerie

Daniel Thalheim
Bilder hinter Membranhaut - Johannes Tiepelmann mit einer Rückschau in der Potemka-Galerie.
Bilder hinter Membranhaut - Johannes Tiepelmann mit einer Rückschau in der Potemka-Galerie.
Foto: Daniel Thalheim
Wenn dieser Tage in Kunst und Malerei gestöbert wird, dann auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei oder im Tapetenwerk. Doch im Herzen des Leipziger Westens befindet sich eine kleine Galerie, die weißfarbig und einladend ist. Potemka heißt sie, nach ihrer Galeristin benannt. Und hier hängen die neuen Arbeiten von Johannes Tiepelmann.

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24 Stunden vor der Vernissage am 16. September holpern Fahrräder über das buckelige Kopfsteinpflaster der Alten Baumwollspinnerei. Auf einem sitzt der Künstler, der hier sein Atelier hat und vom Drahtesel absteigt. In der einen Hand ein eingewickeltes Brot mit Gemüse - Wrap. In der anderen Hand einen Kaffee. Um seiner Schulter eine Umhängetasche. Zum Rundgang wird er hier nicht sein. Dieser Trouble ist nicht sein Ding. Groß gähnt das Atelier beim eintreten. In seinem Schlund liegen ausgedrückte Farbtuben, Pinsel stecken in Gläsern, Riesige Leinwände lehnen verkehrt herum an den Wänden. Davor mehrere kleinformatige Arbeiten - farbenfroh, narrativ.

"Wie soll ich das erklären?", sagt Johannes Tiepelmann zu seinem Abgang von der HGB. Der 31-jährige Künstler zögert und führt aus, dass Kunst für ihn mit Schule nichts zu tun hat. "Es ist die Theorie, Scheine machen und so weiter. Meinen ersten Schein habe ich gemacht, danach war ich fix und fertig. Ich möchte all diese Dinge, die man eingepaukt bekommt, selbst für mich entdecken. Ich habe tagein tagaus im Atelier gesessen und gemalt."

Johannes Tiepelmann in seinem Atelier.
Johannes Tiepelmann in seinem Atelier.
Foto: Daniel Thalheim

Zur Spinnerei-Clique gehört er auch nicht, auch wenn er seit über zehn Jahren sein Atelier hier hat. "Mir fehlt natürlich etwas durch das nicht vorhandene Diplom. Stipendien kann ich nicht wahrnehmen. Die wollen Zeugnisse sehen." Doch auch die braucht er nicht, er verkauft Gemälde. Neun Werke reihen sich im Atelier aneinander, sie gehen bald in die Galerie. "Sie werden noch gerahmt und bekommen eine Membrane", sagt Tiepelmann und lässt seinen Blick schweifen. "Ich bin selbst gespannt wie es wirkt,", fügt er fast schon still gesprochen hinzu. "Durch dieses Pergamentpapier wird die Farbigkeit entkräftet. Das ist so Absicht, weil es Bilder sind, die schon längst existieren - sie sind alle 1 : 1, bloß viereinhalb mal kleiner als die Originale." Die meisten Papierarbeiten sind 70 mal 100 Zentimeter groß. Man kann sich vorstellen, wie groß das vierfache davon ist.

"Die Originale sind alle in Acryl gemalt worden, die hier alle in Öl. Eine völlig andere Herangehensweise, Öl ist viel zäher. Viele Details habe ich einfach weggelassen. Miniaturmalerei ist einfach nicht mein Ding. Die Farbigkeit habe ich im Gegensatz zu den größeren Originalen verändert. Es ist fast so als würde man die Augen zusammenkneifen und vorm Original stehen und dadurch viele Details wegschwimmen", erklärt der Künstler. Doch wie der Mensch so ist, Details nimmt er auch im echten Leben nicht oder nur verhuscht war. "Ich bin künstlerisch auch an einen Punkt gelangt, dass wenn ich jetzt was malen würde, komplett anders aussehen würde. Die Bilder wären auch nicht mehr so narrativ und mit Eindrücken voll gepackt. Obwohl ich extrem viele Sachen weg gelassen habe, sind die aktuellen Arbeiten noch ziemlich dicht erzählt. "

Bis Ende Oktober in der Potemka-Galerie - "Klausur" von Johannes Tiepelmann.
Bis Ende Oktober in der Potemka-Galerie - "Klausur" von Johannes Tiepelmann.
Foto: Daniel Thalheim

Regiearbeit wäre der große Traum von Johannes Tiepelmann gewesen. Er sagt von sich, dass er in seinen Gemälden szenisch denkt und Geschichten erzählt. Hängen die neuen Werke thematisch zusammen? "Ohne den Termin bei der Galerie Potemka, wäre diese Serie gar nicht zu Stande gekommen", stellt Tiepelmann fest. Nachdem er ausführt, dass er sie wie abstrakte und ungegenständliche Bilder aufbaut, sagt er zum Ausstellungstitel "Klausur", dass man es nicht mit dem schulischen Prüfungsgeschehen in Einklang bringen sollte. Mit "Klausur" meint der Künstler die Zurückgezogenheit des Künstlers in seinem Atelier, die er offenbar auch sehr genießt. Der Grund für die neuen kleinformatigen Werke ist der, dass die Originale überall hin verstreut sind, weil sie Käufer fanden. In Erinnerung an sie, entstanden sie wie es Tiepelmann ausdrückt: Wie dem Blick eines Riesen auf seine Kinder.

Ein wenig ist es, als sei David Lynch auf den Pinsel gekommen. "Einzelne Bilder würde ich gerne mal verfilmen. Die meisten würden wahrscheinlich High-Noon-mäßig daher kommen. Da kann schon mal wie in dem da drüben auch ein Mikro auftauchen, weil ich das einmal in einem Film gesehen hatte, weil die dort schlecht geschnitten hatten und das komplette Kamerateam im Spiegelglas eines Wolkenkratzers zu sehen gewesen war." Auch wenn so der Film entlarvt wurde, findet Tiepelmann diesen Fehler richtig sexy und sagt: "Zu fragen was hinter dem Kameraauge ist!" - Im Grunde gibt es zwei Gemälde, die er parallel gemalt hat. Auf dem einen ein Clown mit Mikrofon, auf dem anderen ein Mensch, der sich auf Planken krümmt. Im Grunde schaut der Clown auf ein Geschehen vor ihm. Sogar die Beleuchtung auf beiden Bildern ist aufeinander abgestimmt.

"Die Originale sind in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, die hier in wenigen Wochen und Monaten", sagt der Maler und schaut auf ein Bild wo eine Schlägerei von zwei Windhunden bezeugt wird. "Ich sehe in den Reproduktionen eher Brüderschaften untereinander, die, als ich die Originale gemalt hatte, nicht absehbar waren. ich habe mir die Bilder der letzten zehn Jahre herausgesucht, die eine gewisse Geltung für mich haben." Das Medium Malerei will er mit "Klausur" in Frage stellen.

Tiepelmann lehnt sich zurück, rollt sich eine Zigarette. "Ich bin gespannt wie sie aussehen, wenn die psychedelische Farbigkeit durch die Membran zurück genommen wird." Nun hängen sie seit Freitag den 16. September. Wer die Originale kennt, stellt rasch fest, dass die "Klausur"-Arbeiten komplett anders aussehen und durch die Membranhaut einen trüben Blick in die Erinnerung schweifen lassen. "Sie sind etwas aufgeräumter", meint Tiepelmann zum Schluss.

Ein Gast sagt während der Ausstellung, man hätte Lust, die Originalfarbigkeit zu entdecken, müsse seine ganze Vorstellungskraft aufwenden, um diese im Kopf entstehen zu lassen." Für den Künstler, dessen Vater auch an der HGB studiert hat und durchs ungegenständlicher werden laut Tiepelmann immer besser wird, sind die Arbeiten ein Wendepunkt, ein Abschluss und ein Anfang. Man darf gespannt sein, was als nächstes von diesem Künstler aus Leipzig kommt.


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