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Grünau wird zum Puzzle: Völkerfreundschaft zeigt neuen Trend

Ralf Julke
Foto: ubicon
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Grünau verändert sich. Die einen lesen es an den Einwohnerzahlen ab (von fast 90.000 Einwohnern im Jahr 1990 fiel die Einwohnerzahl bis 2006 auf etwa die Hälfte), die nächsten sehen eine Plattensiedlung, die sich permantent wandelt. Und sehen es - wie Stadträtin Annemarie Opitz (CDU) - sehr kritisch, wenn eine Zeitung den zwischen 1976 und 1989 erbauten Stadtteil "zu Tode" schreibt.

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Mit Recht fordert sie auch beim Thema "Plattensiedlung" Feingefühl. "Bevor in Grünau ein Stabilisierungskonzept umgesetzt werden kann, müssen langfristige Entwicklungen für die gesamte Stadt Leipzig in Verbindung mit dem Stadtumbau bis 2030 an die Öffentlichkeit und diskutiert werden", schreibt sie in einem offenen Leserbrief. "Keinem nützt in 20 Jahren ein breiter Grüngürtel um Leipzig, weil nach der Devise 'Stadtumbau von außen nach innen', alles abgerissen wurde."

Übrigens ist dieser Umbau "von außen nach innen" die Idealvorstellung, nach der die Finanzierungsmodelle des "Stadtumbau Ost" entwickelt wurden. Dahinter stehen nicht unbedingt Aversionen gegen "die Platte" (auch wenn soziologische Studien in ganz Europa belegen, dass die industrielle Bauweise gesellschaftliche Differenzierungen und Gettoisierungen verstärkt), sondern reine Wirtschaftlichkeitsrechnungen: Städte sind um so effizienter (und damit preiswerter), je kompakter Wohn- und Infrastruktur sind.

Das Modell der amerikanischen Stadt mit ihren ausufernden Vorstädten ist quasi der "Gegenentwurf" - durch ÖPNV kaum erschließbar und höchst energieaufwändig. Ähnliche Tendenzen zeigen auch die "suburbias" deutscher Großstädte. Das ist noch kompensierbar, so lange die Kernstadt selbst voll bewohnt und deren Infrastruktur voll ausgelastet ist. In den meisten ostdeutschen Städten aber ist das nicht mehr der Fall. Die "Vorstädte" treten in direkte Konkurrenz zur Kernstadt und binden überproportional hohe Kapazitäten im gesamten Spektrum der Infrastruktur - vom Straßenausbau über die Müllentsorgung bis hin zur Wasserver- und -entsorgung.

Foto: Urbicon
Foto: Urbicon
Weil aber die Großsiedlungen eben nicht nur einer einzigen städtischen Gesellschaft gehören, ist ein koordinierter Umbau zu lebensfähigen Quartieren mit weniger Einwohnern ein mehr als komplizierter Prozess. Selbst als die stadteigene LWB in Grünau schon mit dem Abriss erster Punkthochhäuser begann, sträubten sich die meisten Wohnungsgesellschaften, das Thema Rückbau überhaupt zu diskutieren. Selbst dann noch, als der Wegzug aus Grünau sichtbaren Leerstand erzeugte.

Seit 1995, als Grünau noch 75.000 Einwohner hatte, hat sich der Prozess merklich beschleunigt. Das hat weniger mit einem "schlechten Image" des Stadtteils zu tun, als mit dem Sanierungsprozess, der in innerstädtischen Quartieren deutlich Früchte trug. Die Grünauer zogen ja nicht ins Nirwana, sie siedelten über in Nachbarstadtteile wie Plagwitz, Lindenau und Schleußig.

"Wir können keinen Stadtteil Grünau in der jetzigen Größe überlebensfähig halten, wenn ein Großteil der Jugend dort nicht wohnen möchte," sagt Annemarie Opitz. "Ich sehe aber optimistisch in die Zukunft, Grünau wird in 10 Jahren ein sehr lebendiger Leipziger Stadtteil sein." Der Vorteil der alten Leipziger Stadtbezirke ist heute wieder ihr kompaktes Angebot an Allem, was zum täglichen Leben gehört - verbunden mit kurzen Wegen und besten Anbindungen an die Innenstadt. Vorteile, die sich Grünau nur teilweise erwerben kann. Nicht jedes Quartier hat dabei dieselben Entwicklungschancen.

Noch Anfang 2007 will Baubürgermeister Martin zur Nedden ein "Stabilisierungskonzept für Grünau" vorlegen, das in gewisser Weise die ersten Skizzen aus dem Sommer 2006 vervollständigt, als die Verwaltung erstmals öffentlich über "Abrissschwerpunkte" in Grünau nachdachte. Der Aufschrei war ja entsprechend laut, frei nach dem Motto: "Abreißen, ja! Aber nicht bei uns!"

Einen völlig anderen Blick auf das Dilema hat die interdisziplinäre Plattform von und für Architekten, Künstler, Planer, Juristen und Ökonomen Urbikon, die seit 2005 in Grünau aktiv ist und schon verschiedene Workshops zur Neugestaltung des Stadtteils durchgeführt hat. Die Stadtgestalter gehen davon aus, dass bei der gegenwärtigen Gemengelage an einen koordinierten Rückbau in Grünau nicht zu denken ist. Wer immer neue Ideen verwirklichen will, muss mit den vollendeten Tatsachen leben.

Das geht nur, wenn man so "zweigleisig" denkt, wie es Stadtplaner in der Regel müssen - Leitkonzepte für die großflächigen Quartiere entwickelt und gleichzeitig auf kleinteiligen Puzzle-Flächen Lösungen sucht, die ohne großen Aufwand zu verwirklichen sind. Ein Beispiel dafür ist die Hauptfassade der "Völkerfreundschaft" in der Stuttgarter Allee, die jetzt eine Strichcode-Gestaltung mit Lichtinstallation bekam. Bislang war auch dieser Treff nur eine simple "Kiste", die auf einmal durch ein Standardelement auffällig wird. In analoger Weise zur Kennzeichnung des Inhalts von anonymen Verpackungskisten durch einen Strichcode zur Wiedererkennung bzw. Identifizierung, benutzt Urbikon das Strichcodesystem in abgewandelter Form zur Fassadengestaltung.

Damit der Code nicht irgendwelche Bananen versprich, hat Urbikon im Vorfeld die Grünauer selbst einbezogen. Sie wurden eingeladen, einen persönlichen, bis zu achtstelligen Code (Name, Lieblingshund, Geburtstag etc.) einzusenden. Aus den Einsendungen wurden 15 Nummern ausgelost, über den EAN-Strichcode umgewandelt und damit die Fassade in vertikalen Streifen gestaltet. Die ausgelosten Personen finden sich mit ihrer codierten Einsendung auf der Hauptfassades des Gebäudes wieder.

Damit haben sie mitten in die ebenfalls aus Puzzle-Steinen zusammengesetzte Stuttgarter Allee einen weiteren Puzzle-Stein gesetzt. Sichtbar genug, um Stadtplanung für Grünau für jeden Passanten fassbar zu machen: "Das Patchwork von Besitzständen und den damit verbundenen Interessenlagen verhindert eine Planung für das gesamte Gebiet", sagen die Urbikon-Aktivisten. Wer Ergebnisse haben will, muss also puzzeln. "Entscheidend für die Wahl des Investitionsvolumen sind Puzzleteilgrößen, Lage und Finanzkraft der Eigentümer", erklären sie weiter. "Allen Investitionsarten gemein ist die Intension, dass die Eigentümer (privat / kommunal) selbst eine Veränderung herbeiführen wollen."

Nur wird sich die Veränderung nicht als Gesamtstadtteil Grünau abbilden, sondern in "Wohninseln" und "Freiraumqualität". Da muss auch die Stadt lernen, in Puzzleteil-Größe zu denken und eine Entwicklung voranzutreiben, die irgendwann eine neue Wohnlandschaft ergibt, die sich anders definiert als das alte Grünau.



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