Die Entwicklung des Leipziger Neuseenlandes als lokalpolitische Groteske
Denis Barthel
08.08.2009
Zöbigker Hafen.
„Wenn das die Lösung ist, möchte ich mein Problem wieder“. Dieser Ausspruch ging mir durch den Kopf, als ich den Artikel zum Possenspiel am Cospudener See las. Im Grunde will man es schon gar nicht mehr wissen. Doch wegsehen kann man auch nicht.
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Das ist nun die neue Qualität dessen, was vor knapp 10 Jahren als Expo-Projekt so verheißungsvoll begann. Der hier vorgeführte Dilettantismus ist Spiegelbild der Entwicklung im gesamten Leipziger Neuseenland. Zeugnis der Verantwortungslosigkeit aller Beteiligten. Von der Landesdirektion zur IHK über die Kommunen bis hin zum mitentscheidenden Bürger.
Es geht nicht um das Scheitern einer Vision, sondern um die Ignoranz eines enormen wirtschaftlichen Potenzials und die Konzeptlosigkeit, es zu nutzen.
Welch ein Hohn, angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit im Südraum Leipzig, wovon vor allem auch junge Menschen betroffen sind. Welch ein Hohn, wie die Verantwortlichen und Entscheidungsträger aller Couleur, bis hin zu den Ortschaftsräten, in denen Vertreter aller Parteien Stimmrecht haben, die einmaligen Chancen dieser Region zweifelhaft nutzen und letztlich vertun. Mögen sie alle aufschreien, vorher jedoch sollten sie in ihre in den letzten 10 Jahren verfassten Pressemitteilungen, gegebenen Interviews, gehaltenen Reden und verströmten Präsentationen blicken – wenn der Tagebausand, den sie sich gegenseitig in die Augen streuen, es noch möglich macht – und sie werden verstummen.
Dabei hat alles mit echtem Enthusiasmus begonnen. Ja, man war auch stolz. Es war ein großer, schöner Traum. Propagiert als “Europas größte Landschaftsbaustelle“ wurden mit dem Ende der industriellen Umweltverschmutzung und der Sanierung der Tagebaue große Hoffnungen geweckt, hohe Erwartungen geschürt und sonnige Chancen ausgemalt. Von den großen Plänen und kreativen, internationalen Entwürfen zur EXPO 2000, die noch heute in den Archiven der HTWK zu bestaunen sind, ist zum damaligem Zeitpunkt leider nur das Projekt “Cospudener See“ verwirklicht worden. Grund zur Freunde allemal. Mit dem nun zehnjährigen Abstand betrachtet, kann die Entwicklung des heutigen Leipziger Neuseenlandes nicht nur verwundern, sondern auch erschrecken. Von der einstigen großen Vision, die Zukunftsregion mit vielfältigen Möglichkeiten, ist nichts geblieben.
Egoismus, Kleingeist und Starrsinn haben die Chancen des Machbaren an den Rand der Beliebigkeit getrieben. Zwar feiert man sich gegenseitig bei Grundsteinlegungen und Workshops, doch unterm Traummantel lugt das schäbige Mittelmaß hervor. Eine eigens von der Behörde in Auftrag gegebene und im Frühjahr 2008 vorgelegte “Machbarkeitsprüfung zur Vermarktung der Tagebaufolgelandschaften Mitteldeutschlands“, in der Schwächen, Stärken und Notwendigkeiten aufgezeigt werden, wird offen sichtlich ignoriert. Ganz abgesehen von Leitlinien der sächsischen Staatsregierung zur Entwicklung des Tourismus in Sachsen oder touristischer Trendstudien namhafter Institute.
Im Leipziger Neuseenland wird das Amtsstubensüppchen gekocht. Die eine Gemeinde will die anderen übertrumpfen, koste es was es wolle, auch wenn es die Zukunft der Region inklusive der Schaffung von Arbeitsplätzen, Ausbildungsplätzen und dem Stopp der Abwanderung junger Menschen aus der Region ist. Man hat sich auf eine Zielgruppe und eine Nutzungsart eingeschossen. Ein erlauchter Kreis von Besserverdienern nebst einem elitären Wassersport, der ein teures Equipment und spezielle Fähigkeiten voraussetzt. Schönwetterkonzepte.
Somit entsteht an allen Seen dasselbe. Von einer jeweils eigenen Identität keine Rede mehr. Austauschbarkeit allerorten. Den getreuen Bürgern wird Bausand in die Augen gestreut, um den Blick auf das Schändliche zu mindern. Mit einer deutschlandweiten, vermarktungsfähigen touristischen Entwicklung hat das Tun und Lassen der kommunalen Akteure nichts mehr zu tun. Gepriesen werden die entstehenden Häfen. Mit Ihnen entsteht lediglich ein sehr spezieller und letztlich statischer Tourismus. Die Gebühr für einen Liegeplatz beläuft sich auf ca. 700 bis 800 Euro und das nötige Kleingeld für ein Segelboot ist auch nicht in Jedermanns Geldbörse.
Strandcafé am Markkleeberger See.
Fotos: Bernd Reiher
Fürs Volk werden mit großem Traraa Strände eröffnet, obwohl es in und um Leipzig noch nie an Bademöglichkeiten gemangelt hat. Wenigstens mangelt es an den neuen Stränden an sanitären Einrichtungen. Und asphaltierte Radwege um jeden See. Allein am Cospudener See sind das ca. 10 ha versiegelter Fläche! Wo bleibt da das Umweltbewusstsein? Mit jedem See nimmt die Entfernung von Leipzig aus zu. Welche Familie mit Kindern kann mit dem Fahrrad diese noch überbrücken, um an den Zielort zugelangen? Und wenn angelangt, was gibt es zu erleben?
“Den Wandel zeigen!“ – ist mit der Zeit auch eher niederschmetternd, als erbaulich. Es scheint, als ob Bürgermeister und Gemeinderäte ein Südraum-Sylt schaffen wollen, in dem die Interessen des normalen, europäischen Bürgers und der Ansässigen nach Erleben, Spiel und Spaß sowie deren Recht auf Daseinsfürsorge, Erholungsfürsorge und Teilhabe über Bord gespült werden. Zu Zaungästen degradiert, dürfen sie die Romantik eines Yachthafens erleben – aber bitte nur gucken, nicht anfassen. Und die Arbeitsplätze, die entstehen: pro Hafen zwei Sicherheitsposten. Am Markkleeberger See entstand ein 5-Sterne-Feriendorf. Top-Freizeit-Special: Nordic Walking.
“So wie auf Mallorca“ – versprachen die Betreiber. Ich hoffte immer, sie hätten sich versprochen. Und ein Polo-Hotel soll nun auch noch hinzu kommen. Polo!! DER intergalaktische Familiensport. St. Moritz lässt grüßen. Salz in die Wunde der Wildwasseranlage will ich an dieser Stelle gar nicht erst streuen. Man fragt sich nur, ob jemals von den Entscheidern und Betreibern Zielgruppenstudien gefertigt wurden.
Am Zwenkauer See entsteht ein neues Wohngebiet. Wohnen am Wasser. Der Grundgedanke ist löblich, denn er erhöht die Standortqualität der Region. Mit einer touristischen Entwicklung hat dieses Unterfangen dann allerdings nichts am Hut. Freimütig erklären die Macher der Presse, dass die Grundstücke noch an den Mann gebracht werden müssen. Ergo – eine reine Immobiliennummer. Die Liegeplätze im Hafen werden natürlich für die Bauherren benötigt. Schöne neue Südraum-Welt. Am Nordufer sind zukünftig auch noch viele teure Anlegestellen und Eigentums-Ferienwohnungen zu erwarten.
Wundern kann man sich auch nur über die Gemeinde Großpösna mit deren Bürgermeisterin an der Spitze, die immerhin die Vorsitzende des Grünen Rings und des Tourismusvereins des Leipziger Neuseenlands ist. Die anfängliche Idee, den Störmthaler See als “grünen See“ zu entwickeln, ist augenscheinlich auf halber Strecke im Sande verdorrt. Hoffte man in ca. 30 Jahren die Wipfel des Silberwaldes am Nordufer rauschen zu hören, so ist daneben nun auch ein Hafen geplant mit Autozufahrt bis ans Wasser. Wie erst kürzlich der Presse zu entnehmen war, reicht das der Gemeinde noch lange nicht.
Ein zweiter Hafen plus Feriendorf mit riesigem Parkplatz ebenfalls direkt am Wasser muss auf die Magdeborner Halbinsel. Ein Vorhaben, wie man es selbst in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen abscheulich findet. Pro Ferienwohnung ein Bootsliegeplatz und ansonsten will man in solchen Eigentums-Wohn-Ferien-Siedlungen lieber unter sich bleiben. War an diesem See nicht mal interessanteres und neues angedacht? Was ist mit dem Projekt, das eine Art Arche Noah für die Pflanzen werden sollte? Schon untergegangen oder vertrieben?
Natürlich wurde viel gemacht, nur ob es das Richtige war und ist, wird beweisen, wie es von den Menschen angenommen wird und es sich am Markt behauptet. Eine Frage, die nicht ungestellt bleiben darf. Der Einsatz von Fördermitteln schützt nicht vor der Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Tragfähigkeit. Bestes Beispiel dafür ist Bitterfeld. Auch wenn die Bemühungen am Großen Goitzschesee nicht zu übersehen sind, so sieht man selbst an den sonnigsten Sommertagen nur sehr wenige Touristen. Was zu erleben ist, wenn es noch zu erleben ist, ist in einer Stunde abgearbeitet.
Für die Bitterfelder ist inzwischen der süße Beigeschmack versauert. Nach etlichen Großveranstaltungen hat auch die Halbinsel Pouch ihre Attraktivität eingebüßt. Die Land-Art ist zerronnen, die Kunstinstallationen dümpeln zusammenhangslos vor sich hin und der Kiefernwald ist mehr als wahrnehmbar von den Konzertbesuchern gedüngt. Dichtung und Wahrheit schneiden hier eine grässliche Grimasse. Und die Karawane der Konzertveranstalter ist weitergezogen.
Yachthafen am Cospudener See.
Foto: Bernd Reiher
Das tragische Ereignis von Nachterstedt sollte alle Beteiligten, ALLE, wieder zu einer entzauberten nüchternen aber dennoch konstruktiven Betrachtung der Bergbaufolgelandschaften und deren sinnvolle Folgenutzung leiten. Die zukünftigen Seen sind und bleiben für lange Zeit geflutete Tagebaurestlöcher. Nicht mehr und nicht weniger. Sie sind nicht entstanden, weil man für Leipzig bewusst eine romantische Seenlandschaft erschaffen wollte. Sie sind Zeugnis eines zerstörerischen, irreparablen Eingriffs des Menschen in die Natur, um deren Bodenschätze zu Tage zu fördern.
Aus ehemals 10.000 Jahre alter Auenlandschaft mit Fluren, Wald, Siedlungen und wirtschaftlich nutzbaren Kulturflächen entstehen 20km² künstlicher Wasserfläche. Die Flutung der Restlöcher, zu der es mangels Auffüllmasse keine Alternative gab, ist ersten Ranges eine Frage der Standsicherheit der sanierten Tagebaue und nicht des Segelvergnügens. Bis sich aus den gefluteten Restlöchern ein See, nach der Definition eines “Großbiotops“ entwickelt hat, benötigt die Natur bis zu 80 Jahre. Wenn wir sie etwas gewähren lassen und unterstützen.
Die Flächen, die mit wenigen Ausnahmen, die gefluteten Tagebaue umgeben, nennt man hier im Fachjargon „verritzte“ Flächen. Umgangssprachlich sind das die Brachflächen, deren unterste Erdschichten nach oben gewendet wurden. Wohlwollend eifrig überlässt man sie der Natur. Damit sie sich quälen kann, das wieder ins Gleichgewicht zu bringen, was der Mensch nicht vermag. Gut gebrüllt Löwe. Damit auch nur 1 Zentimeter Mutterboden entstehen kann, benötigt die Natur 200 Jahre. Wenn wir nicht jeden Tag drüber latschen.
Hinterfragen müssen wir auch, ob die Geschichte des Braunkohlebergbaus wirklich touristisch attraktiv ist oder, ob wir damit nicht eher der Zerstörung der Natur frönen. Die Förderung von Braunkohle ist nach wie vor erforderlich, aber nicht anbetungswürdig. Kommt es nicht eher darauf an, mittels eines Umwelttourismus den Menschen zu zeigen und zu kommunizieren, was wir aus den Folgen der Zerstörung gelernt haben, und wie die Zukunft aussehen muss und nicht wie wir die Zerstörung erreicht haben.
Gebt ihn auf, diesen bizarren Denkmalsschutz. Denn wer redet heute noch über die unwiederbringlichen Kultur- und Flächendenkmäler, die mit den 60 Ortschaften im Südraum dahingerafft wurden. Schauen wir genau hin, was es ist. Eben vorerst keine romantische Seenlandschaft wie jene in Mecklenburg-Vorpommern oder den Masuren, die in Folge der letzten Eiszeit entstanden, sondern eine Landschaft des Braunkohlebergbaus mit Folgen. Tun wir jetzt etwas, dessen Folgen wir überschauen und verantworten können. Seit 1989 heißt das schlichtweg Nachhaltigkeit. Wer meint, wir sollten uns freuen, dass Kohle gefördert wurde, weil wir sonst das Neuseenland nicht hätten, versteht sich wahrscheinlich selbst nicht mehr.
Cospudener See - Blick zur Bistumshöhe.
Foto: Bernd Reiher
Auch aus diesem Grund kann das, was ist kaum faszinieren, sondern erst, wenn wir dessen Potenzial intelligent nutzen, indem wir die Zukunft nicht verspielen. Ökologisch, ökonomisch, kulturell und sozial. Mitreden zu wollen und mitentscheiden zu können, ist eine Frage von Kenntnis und des Informiertseins und nicht von Meinungen. In den europäischen Ländern gibt es über 100 Bergbaufolgelandschaften, die ihrer touristischen Folgenutzung harren. Mit dem Geiselthal See in Sachsen-Anhalt entsteht Deutschlands größter See! Die Konkurrenz schläft nicht.
10 Jahre sind vergangen seit der Realisierung des Projekts Cospudener See, der Expo 2000. Der damalige, ehrbare Ansatzpunkt war ein anderer als er heute sein kann. Heute reden wir über den Klimawandel. Der Südraum Leipzig ist bestes Zeugnis wie es dazu geführt hat und welchen Folgen wir uns selbst ausgesetzt haben. Er ist ein Ort, an dem zugleich alte Tagebaue saniert werden, und eine Landschaft mit Seen neu entsteht, wo Kohle aktiv gefördert wird, die wir für die Energie und Chemie noch brauchen und es wird im modernsten europäischen Braunkohlekraftwerk Kohle zu Energie verstromt. Der beste Ansatzpunkt vor Ort aller Welt zu zeigen, wie die Innovationen für die Zukunft sich gestalten müssen.
Auch für den Tourismus, als DIE Zukunftsbranche für den Südraum von Leipzig. Ja- selbstverständlich auch Häfen und Segelsport. Als 10%iger Teil eines 100%igen Konzeptes. Die Stadt Leipzig hat sich vorbildlich auf die Fahne geschrieben, bis 2012 Umweltzone zu werden. Die abzuschleifenden Ecken und Kanten seien an dieser Stelle einmal nebensächlich. Das Ansinnen ist gut. Warum zieht der Südraum Leipzig, als Teil des Leipziger Landkreises nicht mit? Bis 2015 als erste deutsche Umweltregion. Was für ein Ziel, welche Chancen und welche ungeahnten Möglichkeiten. Was für ein Konzept für die regionale Entwicklung. Der Südraum Leipzig als Forum für den Umweltschutz!
Von Borna bis Leipzig eine geschlossene, zukunftsfähige Umweltregion, die beispielgebend ist für die Nutzung von Bergbaufolgelandschaften und im Umgang mit deren Folgen. Um mit einem neuen Gesicht, eine altehrwürdige Landschaft, wieder erstehen zu lassen, flossen bisher fast 2 Milliarden Euro an Steuergeldern in die Sanierung der Bergbaufolgelandschaft des Südraum Leipzigs. Das ist Geld, das quasi allen gehört. Achten wir darauf, dass der Einsatz nicht von wenigen verspielt wird. Sonst leisten wir uns die teuersten Swimmingpools der Nation.
Faszinierend sind sie schon – die Sonnenuntergänge am Markkleeberger See. Hoffen wir, dass sie auch einmal richtig aufgeht – über dem Leipziger Neuseenland.
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Am 25. Mai geht's los, dann überschwemmen wieder Menschen in schwarzen und bunten Kostümen die Stadt, duften nach Patschuli, geben sich betont lässig, obwohl sie völlig aufgewühlt sind. Zu Pfingsten ist Leipzig wieder Schauplatz des Wave Gotik Treffens. Der Plöttner Verlag ist dabei. Unter anderem mit dem dicken Buch zu "Death in June" von Aldo Chimenti. Der Besucher wird an seinem Stand auf dem agra-Gelände aber auch ein Plakat erstehen können, das durchaus ungewöhnlich ist. mehr…
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