Artikel aus der Rubrik Zeitreise

Seiten 396 bis 401

Das Untertan-Projekt: Die obszöne Brief-Affäre von Netzig

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserViel Rücksicht auf seinen Helden nimmt Heinrich Mann am Ende nicht mehr. Er lässt ihn nicht melodramatisch scheitern, wie das miese Kino-Spektakel mit ihren „negativen“ Helden gern machen. Nichts ist so verlogen wie die übliche Hollywood-Dramaturgie. Denn die Realität macht Typen wie Diederich Heßling nicht zu überraschten Gunfightern, wenn sie von der Kugel des Sheriffs weggepustet werden. Dazu sind die Diederiche viel zu schlau und viel zu feige. Weiterlesen

Seiten 392 bis 396

Das Untertan-Projekt: Diederich erfindet „Weltmacht“

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEr rast – und der Leser merkt es kaum. Mit Augenzwinkern erhöht Heinrich Mann immer mehr das Tempo, rafft die Ereignisse. Aber weil das so beiläufig und mit leicht ironischem Unterton geschieht, muss der Leser aufpassen, dass er auf den letzen Metern des Romans nicht aus der Bahn gekegelt wird. Wobei Diederich Heßlings Karriere natürlich geradezu atemberaubend ist. Weiterlesen

Seiten 385 bis 392

Das Untertan-Projekt: Die erstaunlichen Parallelen zum Hochstapler Felix Krull

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserMenschen leben, wie es aussieht, immer in einer Blase. Und dadurch sind sie manipulierbar. Denn was wir mit diesem „gereiften“ Diederich erleben, ist im Grunde die Karriere eines Hochstaplers. Das Thema muss in der Familie gelegen haben. Oder die beiden konkurrierenden Brüder Heinrich und Thomas Mann beschäftigten sich eben doch fast gleichzeitig mit einem ähnlichen Typus. Denn während Heinrich ab 1906 am „Untertan“-Stoff arbeitete, begann Thomas 1905 mit der Konzeption für den Hochstaplerroman, der erst ein halbes Jahrhundert später fertig werden sollte: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Weiterlesen

Seiten 379 bis 385

Das Untertan-Projekt: Ein Ort, den man lieber mit gepackten Koffern verlässt

Foto: Patrick Kulow

Für alle LeserHeinrich Mann ist als Romanautor ein Meister seines Faches. Er beherrscht alle Tricks, auch jene, die die Dicken-Wälzer-Schreiber von heute oft nicht mehr beherrschen. Fast spielerisch geht er mit der Zeit um. Hat er eben noch in immer dichter gepackten Szenen alles auf die Reichstagswahl von 1893 zugetrieben, genügt ihm ein hingeworfener Satz, um einfach mal den stillen Sommer hinter sich zu lassen: „Tatsächlich besaß zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen Papiere.“ Weiterlesen

Seiten 377 bis 379

Das Untertan-Projekt: Ein Haftbefehl für Eugen Richter

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserNicht alle Namen und Personen im „Untertan“ sind erfunden. Und man kann ruhig darüber stolpern, dass Diederich in seiner letzten Rede vor den „Kaisertreuen“ am Abend vor der Stichwahl einen Namen erwähnt, der heute kaum noch jemandem etwas sagt. Zumindest außerhalb der Wissenschaft. Irgendjemand scheint alle seine Bücher immer noch zu lesen. Und dabei ist es nur so ein Einfall von Diederich. Er erfindet ja so gern Kaiser-Wilhelm-Zitate. Weiterlesen

Seiten 368 bis 377

Das Untertan-Projekt: Diederich entdeckt den Donald in sich

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserUnd dann ist die große Wahlveranstaltung der Freisinnigen im größten Saal von Netzig, im Saal der „Walhalla“. Und die Nationalen machen es wie zuvor die Freisinnigen – sie drängeln sich mit hinein. Heute würden Hundertschaften von schwer gerüsteter Polizei dafür sorgen, dass sich die Anhänger der beiden Parteien gar nicht erst nahekommen. Man möchte fast anrufen beim alten Heinrich Mann: War das damals tatsächlich noch normal und möglich? Weiterlesen

Seiten 365 bis 368

Das Untertan-Projekt: Wahlkampf auf die nationale Art

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserAufatmen ist nicht für diesen Diederich. Denn der Wahltag kommt heran. Und augenscheinlich war es auch schon 1893 so, dass dieses Gerammel um Wählerstimmen und Sitze die Parteisoldaten hysterisch machte. Jedenfalls die, die ihre Wahlabsprachen mit lauter faulen Deals hintersetzt haben. Bis keiner mehr wusste, wer eigentlich mit wem alles faule Deals geschlossen hat. Und das prasselt nun alles auf Diederich herein. Sein Maschinenmeister Napoleon Fischer marschiert ihm schnurstracks eines Morgens einfach ins Schlafzimmer. Weiterlesen

Seiten 360 bis 365

Das Untertan-Projekt: Diederich sieht die schäbige Rückseite der Macht

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEben glaubt man noch: Jetzt ist der Groschen bei Horst – sorry: Diederich – gefallen, schon fällt man als Leser in ein tiefes Loch. Aber da bin ich jetzt schon zu weit vorgeprescht – mitten in den Wahlkampf in Netzig. Auch das ist nicht neu, dass sich politische Karrieristen benehmen wie ... da fällt mir jetzt kein Wort zu ein. Eher staune ich, wie Heinrich Mann seinen Untertanen seziert. Denn Untertanen sind zerrissene Menschen. Sie dürfen nicht ganz sein. Weiterlesen

Seiten 352 bis 360

Das Untertan-Projekt: Diederich lernt, was wirklich auf der Seele lastet

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserUnd Diederich hat richtig gefühlt. Das überrascht ihn selbst, dass er auf einmal so viele Gefühle für seine widerborstige Schwester Emmi an den Tag legt. Und dass er auch in Aktion gerät und ihm das gar nicht mehr egal ist, denn Emmi scheint tatsächlich zu leiden darunter, dass der schneidige Leutnant von Brietzen sie jetzt ignoriert. Dabei hat Diederich ja ganz andere Probleme: Er ist erpressbar geworden. Weiterlesen

Seiten 350 bis 352

Das Untertan-Projekt: Diederichs Rüstung bekommt einen Riss

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEben noch war man geneigt, diesen Diederich für einen komplett faschistischen Charakter zu halten. Denn der zeichnet sich durch seine völlige Unfähigkeit zum Mitgefühl aus. Das hat sich nicht geändert, bis heute nicht. Die Typen merken es nicht mal, wenn man es ihnen mit dem Klammerbeutel beibringt. Und Diederich? Von dem wissen wir ja, wie er so wurde. Weiterlesen

Seiten 342 bis 350

Das Untertan-Projekt: Die 40 Jahre Vorgeschichte für den Vogelschiss

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserErst hinterher, als die Nationalsozialisten Deutschland schon mit ihrem Furor überzogen, wurde Heinrich Mann so richtig bewusst, dass er mit seinem Diederich Heßling genau den Typ des Wutbürgers beschrieben hatte, der 1933 dann zur Macht kommen sollte. Und Diederichs erste Wahlveranstaltung für seinen nationalen Kandidaten, den Major Kunze, artet in erstaunlich deutliche Töne aus. Weiterlesen

Seiten 336 bis 342

Das Untertan-Projekt: Gottlieb Hornung will keine Bürsten verkaufen und Diederich schickt den Major ins Gefecht

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserAm liebsten möchte man durchstürmen, aufs Finale hin in diesem Buch. Das ein zutiefst satirisches ist, was man nur merkt, wenn man immer wieder zu diesen Sätzen zurückkehrt, in denen Heinrich Mann seine ganze Ironie verpackt hat. Sätze, die man in heutigen Bestsellern selten bis nie liest, weil die Autoren aus lauter Ernsthaftigkeit gar nicht mehr wagen, aufmüpfig zu sein mit Sprache. Oder umstürzlerisch, wie Diederich Heßling sagen würde. Denn Seinesgleichen nimmt sich so ernst, dass es schon clownesk wirkt. Weiterlesen

Seiten 327 bis 336

Das Untertan-Projekt: Der Untertan begegnet seinem Kaiser

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserIn der Erinnerung ist das einer der Höhepunkte im Roman „Der Untertan“, wenn Diederich in Rom wieder die Absperrung durchbricht und versucht, dem Kaiser unter die Augen zu kommen und dabei unentwegt brüllt und den Hut schwenkt. So ähnlich wie bei der ersten „Begegnung“ in Berlin, nur dass es ihm diesmal gelingt und die beiden sich in die Augen sehen: „Diederich und sein Kaiser“. Weiterlesen

Seiten 316 bis 327

Das Untertan-Projekt: Diederich denkt sich seins im Lohengrin und verscherbelt am Hochzeitstag Heim und Herd für Peanuts

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserÜbertreibt Heinrich Mann da nicht ein bisschen? Dass er Gas geben will, um seinen Roman so richtig aufs Finale zuzutreiben, ist ja verständlich. Aber die Ereignisse überstürzen sich regelrecht. Eben noch hat er Guste Daimchen die Verlobung angetragen, schon ist die Hochzeit bestellt. Muss ja schnell gehen, Diederich steckt in lauter selbstverschuldeten finanziellen Nöten. Weiterlesen

Seiten 308 bis 316

Das Untertan-Projekt: Diederich spielt den edlen Retter für Guste Daimchen

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserWolfgang Bucks Problem ist: Im Gerichtsaal ist er mutig und wächst über sich empor. Aber im Privatleben ist er ein Feigling. Er traut sich nicht, Guste Daimchen zu sagen, dass er die Verlobung auflösen möchte und lieber nach Berlin geht. Es ist eine der burschikosesten Szenen in diesem Buch, wie er ausgerechnet unseren Diederich dazu überredet, mit ihm gemeinsam zu Guste in die Schweinichenstraße 77 zu gehen. Weiterlesen

Seiten 296 bis 308

Das Untertan-Projekt: Diederich bekommt den Geruch seines Herrn zu riechen und wird wie ein Hund behandelt

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDas Frappierende an den Leuten, die die Macht anhimmeln, ist ihre Bereitschaft, sich zu allem missbrauchen zu lassen. Freiwillig. In immer vorauseilendem Gehorsam. Deswegen sind diese Typen auch so leicht für Kriege, Mobbing und Schnädderedäng zu begeistern. Das ist ihre Welt. Und man liest und fragt sich die ganze Zeit: Wo ist eigentlich der lebendige Kern dieses Diederich Heßling? Was, verflixt noch mal, begeistert und erwärmt ihn wirklich? Weiterlesen

Seiten 290 bis 296

Das Untertan-Projekt: Diederich schließt einen Pakt mit den Sozis

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserIn Heinrich Manns Netzig passiert alles im Zeitraffer. Eben noch hat Diederich Heßling mit seiner Zeugenaussage wegen Majestätsbeleidigung dafür gesorgt, dass der Fabrikant und Buck-Schwiegersohn Lauer ins Gefängnis kam, schon bewirbt er sich dreist um den frei gewordenen Sitz im Stadtrat. Denn Lauer hat mit dem Urteil auch gleich noch sein Mandat verloren. Weiterlesen

Seiten 280 bis 290

Das Untertan-Projekt: Die seltsame Verführungskraft des braven Bürgers Heßling

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEigentlich ist man schon ziemlich angeschickert an dieser Stelle im Buch und wundert sich die ganze Zeit, wie das die Leute damals aushielten, derart lange zu feiern, ein elend langes Stück anzuschauen, danach noch zu tanzen und sich zu präsentieren und dann auch noch emsig am Buffet und an der Getränkekarte zu hängen. Denn Diederich, der ja nun schon eifrig für seine politische Karriere scharwenzelt hat, besäuft sich jetzt auch noch mit Wolfgang Buck. Weiterlesen

Seiten 268 bis 280

Das Untertan-Projekt: Was Diederich so unter Schäkern mit jungen Frauen versteht

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEs ist ein verflixt langes Stück, das Frau von Wulckow da geschrieben hat. Jedenfalls passiert eine Menge am Rande, da, wo Diederich Heßling herumschlawinert und sich einerseits einkratzt, andererseits schamhaft errötet oder erbleicht. Und das müsste er eigentlich auch bei der Begegnung mit dem alten Stadtrat Buck, der jetzt recht einsam dasitzt, Opfer des Gerüchts, das Diederich ausgestreut hat. Aber der Alte ist nicht mal wütend. Weiterlesen

Seiten 256 bis 268

Das Untertan-Projekt: Diederich katzbuckelt vor der bauchschwingenden Macht

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserWas nach Diederichs beschämendem Gespräch mit dem alten Bürgermeister Scheffelweis folgt, ist ganz mieses Schmierentheater. Auf jeder Bühne würde das peinlich wirken. Und man würde es auch als Klamotte abtun, wenn einem diese Kratzfüße von Leuten, die sich bei mächtigen Tieren anwanzen, nicht so schrecklich vertraut wären. Egal, ob ein Minister einfliegt oder ein Präsident von Sonstwas sich mal zum Banddurchschneiden einfindet. Weiterlesen