Uni-Jubiläum in Leipzig: StuRa-Sprecher Simon Schultz von Dratzig im Interview
Daniel Thalheim
09.12.2009
StuRa–Sprecher Simon Schultz von Dratzig.
Foto: Daniel Thalheim
Am 2. Dezember hatte der StuRa-Sprecher Simon Schultz von Dratzig als einziger Redner die aktuelle Problematik des stockenden Bologna-Prozesses nicht angesprochen. Warum er es nicht tat und wie die Situation tatsächlich ausschaut, hat der in Nürnberg geborene Student der Romanistik und Kunstgeschichte im Interview mit der L-IZ erzählt.
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Sie haben bei der Jubiläumsrede die Öffentlichkeitsarbeit an der Uni Leipzig kritisiert. Warum war das ihr Anliegen und nicht die Forderung auf Bereitschaft des Rektorats auf eine studentische Beteiligung bei den Gremien der Universität und eine konstruktive Zusammenarbeit in Bezug auf Bologna und Studierenden- und Doktorandensituationen an der Uni, gerade im Zusammenhang mit geisteswissenschaftlichen Fächern? Die Wahl des Themas zur Rede war der Veranstaltung geschuldet. Ein Jubiläum ist vorrangig dazu da, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um eine Perspektive für die Zukunft zu erarbeiten. Daher hat eine Rede bzgl. des Prozesses der Vergangenheitsbewältigung eine größere Priorität als eine Kritik am hochschulpolitischen "Ist-Zustand". Die politischen Forderungen zu äußern ist auf jeden Fall nötig, jedoch eine hochschulpolitische Rede bei einem Uni-Jubiläum zu schwingen ist wie eine Martinsgans mit Ostereiern zu füllen – die richtige Sache am falschen Ort; es geht meines Erachtens am Anlass vorbei.
Ist das Retuschieren der eigenen Geschichte nicht symptomatisch bei Jubiläen? Das Aufpolieren der Geschichte liegt nicht am Jubiläum sondern ist gesellschaftlich bedingt. Das Jubiläum spiegelt also nur den momentan herrschenden Zeitgeist wieder, der anscheinend nicht viel von kritischer Reflexion hält. Geschichte wird heutzutage zu vielen Gelegenheiten revidiert und zurechtgebogen, nur damit die vielbeschworene Aufbruchstimmung nicht darunter leidet. Viel sinnvoller und produktiver als ein Kaschieren der Vergangenheit wäre allerdings eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Geschichte, was zugegebenermaßen nicht einfach ist. Anscheinend sind hier noch einige Komplexe in unserer Gesellschaft begraben, was zeigt, dass eine solche Debatte nicht intensiv genug geführt wurde.
Simon Schultz von Dratzig: Jubiläen sind ein wichtiger Anlass ...
Foto: Daniel Thalheim
Welches Signal hat die Rede Horst Köhlers für Sie gehabt?
Die Rede des Bundespräsidenten zeigt, dass das Problem der Bologna-Reform inzwischen auch in den oberen Etagen der Regierung angekommen ist. Sie gleicht einem Aufruf, die Bildungssituation in unserem Land ernst zu nehmen und die Probleme gemeinsam in Angriff zu nehmen.
Wie bewerten Sie die Rede von Franz Häuser?
Die Rede Herrn Häusers halte ich für nicht ganz geglückt. Die Schlussfolgerung, eine Universität, die dem Motto "Aus Tradition Grenzen überschreiten" folgt, müsse sich dem Vorbild amerikanischer Pioniere gleich in die Untiefen des Unbekannten hineinstürzen, um dort Licht ins Dunkel zu bringen, ist mehr als zweifelhaft. Auch die Auflistung der exzellenten Programme an dieser Universität zähle ich eher unter Loblied auf das Hier und Jetzt als unter Festrede zum Jubiläum.
Sehen Sie Konsensbereitschaft seitens der Hochschulführung, Rektorat etc. die Studienbedingungen zu verbessern?
Akute Probleme, die sich auftun, werden relativ schnell gelöst, wenn die Lösung nahe liegt. Dass diese Probleme jedoch nur Symptome der eigentlichen "Bachelor-Grippe" sind, wird allerdings verkannt. Hier fehlen die Konzepte. Diese wiederum können momentan nicht entwickelt werden, da sich viel zu viele Probleme gleichzeitig auftun und es an allen Ecken und Enden brennt. Es gleicht einem Teufelskreis, was fehlt ist eine Idee, wie ein Studium zukünftig sinnvoll gestaltet werden kann.
... über die Geschichte des Hauses nachzudenken.
Foto: Daniel Thalheim
Wie gestaltet sich das Studentenleben tatsächlich seit Bologna, Bachelor und Master?
Das Studium ist verschult und "berufsorientiert". Verschult deshalb, weil alles gelernt und geprüft wird, ein „Bulimielernen“ also, das nur aus dem reinen Pauken von Faktenwissen besteht, das danach nicht mehr wichtig ist und von neuem Faktenwissen verdrängt wird.
Zusätzlich besteht eine Wahlfreiheit im Studium nur scheinbar. Was wie eine Wahl aussieht ist eher, aus Personalmangel, ein Nehmen was kommt; so ist bei manchen Fächerkombinationen schon von Beginn des Studiums festgelegt, welche Veranstaltungen im Laufe des Studiums belegt werden – eine individuelle Schwerpunktbildung wird unmöglich. Dank Modularisierung und festen Modulfolgen werden die Semesterpläne unflexibilisiert, wer zu einer Veranstaltung nicht kann, kann den Rest des Moduls (und damit 1/3 des Semesters) vergessen.
Viele Studierende haben durch die immens erhöhte Prüfungslast Probleme, zusätzlich zum Studium noch arbeiten zu gehen und damit ihr Studium zu finanzieren. Da sehr viel Pflicht und kaum noch Wahl ist und eigentlich die gesamte Studienorganisation aus der direkten Verantwortung der Studierenden genommen wurde, halte ich es momentan für unmöglich, dass Studierende auf die Idee kommen, aus reinem Interesse in andere Vorlesungen, die nicht in das eigene Fach passen, zu gehen.
Welche Perspektiven haben Absolventen gerade in geisteswissenschaftlichen Fächern?
Die Perspektiven sind schlecht abschätzbar, jedoch ist das Problem hierbei das gleiche wie auch bei den Magisterstudiengängen. Auf jeden Fall ist sicher, dass der Beruf, der nach dem Studium ergriffen wird, nicht oder kaum dem studierten Studiengang entspricht. Wo sich mir heute die Frage stellt, was ein "berufsqualifizierender Abschluss" bei geisteswissenschaftlichen Studiengängen heißen soll, wenn jedes konkrete Berufsziel absolut individuell und nicht im Studium 'erlernbar' ist. Individualität ist bei einem Studiengang ohne Wahl kaum möglich.
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