Wenn Journalisten ohne Gedächtnis Nachrichten produzieren, kommt in der Regel Müll dabei heraus - und eine Menge falscher Empörung. Wie nun mal wieder nach einer Veröffentlichung der Freien Universität Berlin am 20. Juni. Oder doch besser - was so mancher schlicht überlas - des "Forschungsverbundes SED-Staat". Titel: "Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen".
So titelte zum Beispiel der "Stern" online: "Geschichtskenntnisse mangelhaft. Der NS-Staat war vielleicht eine Diktatur". Die meisten, die auf die Veröffentlichung von Klaus Schröder, Monika Deutz-Schroeder, Rita Quasten und Dagmar Schulze Heuling ansprangen, referierten die Zahlen, die die FU per Link zur Verfügung gestellt hatten, wetterten über die miserablen Geschichtskenntnisse der Jugendlichen und den womöglich schlechten Geschichtsunterricht in einigen Bundesländern.
Es gab auch ein ganzes Tableau von farbigen Grafiken, die die Befragungsergebnisse bei rund 4.600 Jugendlichen dann auch noch ihrer Herkunft (Ost, West, Migranten) und den Partei-Wahlpräferenzen, die die Kinder vielleicht hätten, zugeordnet haben.
Kaum ein Journalist, der sich des Zahlenwerks annahm, stolperte über die Herkunft der Studie. Denn unumstritten ist der "Forschungsverbund SED-Staat" schon lange nicht mehr. Objektiv und wirklich wissenschaftlich ist das, was er mit seinen Studien produziert, auch nicht wirklich. Es steht sogar in der kurzen Auswertung zu lesen, die die Autoren online gestellt haben. Wer sich bis zu den "Empfehlungen der Studie" durcharbeitet, stolpert geradezu darüber.
Was sowieso schon ein Unding ist. Studien sprechen keine Empfehlungen aus. Studien liefern bestenfalls darstellbare Zusammenhänge. Nicht mehr. Die Empfehlungen sprechen die Autoren aus. Normalerweise müssen sie - wenn das ganze Werk wirklich wissenschaftlich Sinn machen soll - begründen, warum sie diese Empfehlungen aussprechen. Nur wenn man durch die Studie erfährt, warum welche Ergebnisse als kritisch einzuschätzen sind und woran das in der Ursache liegen könnte, machen Empfehlungen Sinn.
Nächstes Problem: Der Adressat der "Empfehlungen" ist völlig unklar. Sind es die Kultusminister? Die Elternhäuser? Eine verquaste Öffentlichkeit? Teilweise könnten es Lehrer und Medien sein.
Was am "Forschungsverbund SED-Staat" immer wieder kritisiert wird, ist seine Fixierung auf ein undifferenziertes Totalitarismus-Modell, das - so ein Teil der Kritik - in der direkten Gleichsetzung der SED-Diktatur in der DDR mit dem NS-Regime das Letztere relativiert.
Und so lauten gleich die ersten beiden "Empfehlungen":
"Wertorientierte Vermittlung von Kenntnissen in der Schule". und "Stärkerer öffentlicher Diskurs nicht nur über den Diktaturcharakter des Nationalsozialismus, sondern auch über den der DDR (Medien, Wissenschaft etc.)".
Da ist die Nachtigall, die hier durch den Wald trapst. Als wenn das Beides nicht längst und dauerhaft geschähe.
Und wer es nicht glaubt, der braucht nur das Begriffspaar "DDR Diktatur" bei Google ins Suchfeld eintragen. Er bekommt "ungefähr 1.950.000 Ergebnisse" binnen 0,18 Sekunden. Und wer dasselbe mit "Diktatur NS" macht, bekommt "ungefähr 948.000 Ergebnisse".
Der Appell an Medien und Wissenschaft ist ein schlichtweg ignoranter Appell. Einer mit Absicht sowieso. Denn nicht umsonst wird von "wertorientierter Vermittlung" gesprochen. Man tut so, als sei die "freiheitlich-demokratische Grundordnung" der heutigen Bundesrepublik ein geeichter Maßstab.
Das ist sie aber nicht. Und das ist das Problem aller Totalitarismus-Theoretiker: Sie glauben, sie könnten einen historischen Standard definieren. Und sie tun so, als seien Dikaturen immer nur der Sündenfall anderer Leute, den es tagtäglich zu verdammen gelte.
Mit wissenschaftlicher Geschichtsaufarbeitung hat das nichts zu tun. Aber viel mit Bevormundung. Man will gar nicht wissen, wie menschliche Gesellschaften funktionieren und wie zäh und langwierig der Kampf von Menschen ist um demokratische Gesellschaftsstrukturen. Die tagtägliche Verdammung der DDR macht niemanden klüger, schon gar nicht die Ostdeutschen, denn sie haben sich die Gesellschaftsform nicht ausgesucht.
Sie sind gegen die ihnen übergestülpte Gesellschaftsform immer wieder auf die Straße gegangen - nicht nur 1953 und 1989. Und sie hatten beim ersten Mal keine Chance, weil die DDR nicht in erster Linie ein "SED-Staat" war, sondern weil sie ganz offiziell Besatzungszone der Sowjetunion war. Ohne die Panzer der Besatzungstruppen wäre der Aufstand 1953 nicht so schnell niedergeschlagen wurden.
Diktaturen sehen nicht alle gleich aus. Genauso wenig übrigens wie Demokratien. Und weder NS-Regime noch DDR sind so einzigartig in der Weltgeschichte, wie es einige Scheuklappen-Historiker der Öffentlichkeit immer wieder weiß machen wollen. Noch heute ist die Welt voller Diktaturen. Und mit den meisten Diktatoren des 20. Jahrhunderts hat auch die ehrwürdigen BRD über Jahrzehnte innigst paktiert - mit einem Typen wie Gaddafi genauso wie mit dem finsteren Franco in Spanien oder dem genauso finsteren Pinochet in Chile.
Wenn es nämlich um lukrative Geschäfte geht, ist die Herrschaftsform auf einmal schnurzpiepegal.
Die Werte fangen da an, wo Kinder lernen, das Selberdenken, das freie Wort, die freien Wahlen, Reisefreiheit und Selbstbestimmung als Werte zu begreifen. Das ewige Geschwätz von der Schönheit der "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" hilft den jungen Menschen nicht die Bohne, die Welt besser zu begreifen und auch zu lernen, wo eine Demokratie gefährdet wird, wann sie selbst anfängt, ihre Grundwerte in Frage zu stellen oder gar auszuhöhlen.
Die unter George W. Bush beschlossenen "Anti-Terrorgesetze" gelten noch heute.
Demokratien sind keine Selbstverständlichkeiten. Sie sind immer gefährdet. Von außen und von innen. Und Schulen in Deutschland wären richtig gut, wenn sie den jungen Leuten die Sorge um die demokratischen Grundlagen beibringen würden. Doch auch in Sachsens Schulen werden die Schüler nicht mit diesen Sorgen konfrontiert. Stattdessen müssen sie wochenlang Hitlers verlogene Ermächtigungsgesetze analysieren. Übrigens auch so ein Unterrichtsbaustein, der den Schülern suggeriert, das NS-Regime sei ja eben doch irgendwie demokratisch legitimiert gewesen.
"Die Ergebnisse sollen Diskussionen darüber fördern, wie junge Menschen gegen diktatorische Verführungen jedweder Couleur immunisiert werden können und diesbezügliche Defizite und Perspektiven aufzeigen", heißt es in der Pressemitteilung zu diesem nun wirklich überflüssigen Buch.
Die Art der Fragestellungen gibt den Stoff für so eine Diskussion gar nicht her. Und immer wieder zeigt schon die Wortwahl, wie wenig man beim "Forschungsverbund SED-Staat" überhaupt zu begreifen gewillt ist, wie Diktaturen entstehen, funktionieren und sich am Leben erhalten. "Diktatorische Verführungen jedweder Couleur", gegen die junge Menschen immunisiert werden müssen? - Das klingt, als seien Diktaturen eine Grippe, gegen die eine Impfung hilft. Man müsse nur oft genug vor sich hinbeten "Die DDR war eine Diktatur", dann wird das endlich.
Kann es aber nicht werden. In der Zusammenfassung, die der "Forschungsverbund SED-Staat" liefert, wird ein fiktives System-Modell beschworen und auch so eifrig von System und Systemen schwadroniert, dass man sich natürlich fragen muss: Wovon reden diese Leute eigentlich? - Von politischen Systemen? - Dann müssen sie definieren, welche spezifischen Systeme sie meinen, dann müssen sie differenzieren. Und spätestens da müssten sie auch zulassen, dass auch diktatorische Regierungsformen differenziert betrachtet werden müssen - sie reichen vom Einparteiensystem bis zur Militärdiktatur.
Es wird zwar in der Zusammenfassung fröhlich von den "Trennlinien zwischen Diktatur und Demokratie" geschwätzt - nur werden sie nirgendwo wirklich benannt. Können sie wohl auch nicht, denn die Übergänge - und das ist das wirklich Brisante an der menschlichen Geschichte - sind immer fließend. Heute wird den Bürgern das eine Bürgerrecht ein bisschen eingeschränkt, morgen ein anderes. Wann wird der Rubikon überschritten? Wer derzeit nach Ungarn schaut, kann sehen, wie schnell eine ganze Gesellschaft, die eben noch demokratisch schien, ins Rutschen kommt.
Das Buch der seltsamen System-Vertreter aus Berlin hat sich die L-IZ natürlich nicht bestellt. Nichts deutet darauf hin, dass der Inhalt differenzierter und wissenschaftlicher wäre als die auf der Website der FU Berlin gegebenen Vorinformationen. Mehr haben auch die anderen Journalisten nicht gehabt, die jetzt wieder ihr Lamento über die armen Schüler angestimmt haben.
Das Lamento sollte man über einige der deutschen Theoretiker anstimmen.
Die Verlautbarung auf der Website der FU Berlin:
www.cms.fu-berlin.de/v/fsed/aktuelles/120615Buchvorstellung_Diktaturen.html