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Rechts, Links - Oben, Unten: Die "Militante Gruppe" Leipzig meldet sich offiziell zu Wort

Michael Freitag
Auch im Kampf gegen das System: Zwei "rechte" Demonstranten am 17. Oktober 2009 in Leipzig
Auch im Kampf gegen das System: Zwei "rechte" Demonstranten am 17. Oktober 2009 in Leipzig
Foto Patrick Limbach
Schwer, eine Aussage darüber zu treffen, wer hier gerade wirklich für Aufsehen sorgt. Links, Rechts? "Militante Gruppe Leipzig" klingt links, schreibt in links-rechts-Idiomen und verübte nach eigenem Bekenntnis am 21. Januar im Leipziger Südosten Anschläge, bei welchen mehrere Fahrzeuge, unter anderem von der Polizei, brannten. Nun sind E-Mails an die Linksjugend und Uwe Voigt (Sprecher der Polizei Leipzig) aufgetaucht, in welchen durchaus verbaler Sprengstoff steckt.

Gestalter im Handwerk
Gestalter im Handwerk Zweijähriger berufsbe-
gleitender Studiengang

Das der L-IZ.de vorliegende Schreiben zu den Brandanschlägen, dem Tatendurst der Bekenner und Erklärungsansätzen der "Militanten Gruppe Leipzig" ist lang und steckt durchaus voller Wissen. Wissen über Verschlüsselungstechniken im Netz, anonymem Surfen, Handyortungsverfahren, gecrackten W-LAN-Punkten und Hohn gegenüber der Polizei seitens der Schreiber. Die bekennenden Feuerteufel vom Donnerstag vergangener Woche fühlen sich sicher und gewappnet für eine Konfrontation mit der Leipziger Polizei und dem LKA. Sie geben sich den Anschein, aus der Links-Militanten Szenerie zu stammen. Im Schreiben an die Leipziger Linksjugend, welches heute bei dieser eingegangen ist, gehen sie denn auch gezielt auf die Äußerungen Juiane Nagels (Stadträtin/Die Linke) ein, welche bereits öffentlich bezweifelte, es ginge hier um "linke" Täter:

"Ihr Irrglaube, die Linke Szene wähle vermutlich andere Mittel als Brandanschläge, macht deutlich, dass das notwendige Umdenken noch nicht bei jedem angekommen ist. Es ist an der Zeit die Revolution einzuleiten. Die Ausbeutung und Ausnutzung der Arbeiter, das Unverständnis gegenüber denen, die keine Arbeit erhalten, die schlecht ausgebildete Lehrerschaft und vieles mehr machen deutlich: Ein radikales Handeln ist endlich notwendig!"

Argumente und Begründungen, welche auch im Erstarken der rechtsradikalen Szene in Leipzig immer wieder zu hören sind. Woraufhin Juliane Nagel an die L-IZ.de übermitteln ließ: "Es ist eine gezielte Provokation gegen linke außerparlamentarische Politik in Leipzig. Inhalt, Art und Weise dieser E-Mail verweisen meines Erachtens auf die organisierte Naziszene."

Nun ist es längst bekannt, dass auch in Reudnitz, Volkmarsdorf und Grünau nicht nur dumpfe, rechte Schläger, sondern auch intellektuelle Köpfe dieser Szene unterwegs sind, welche den Gruppen meist junger Männer bei den Jungen Nationalen, Autonomen Nationalen und Nazionalen Sozialisten das propagandistische Rüstzeug liefern. Und so lässt sich eine politische Ausrichtung der mutmaßlichen Täter nicht wirklich feststellen, eine gewisse Detailtiefe und Planungsüberlegungen in den heutigen Schreiben an Leipziger Polizei und Linksjugend dagegen schon.

Bezug nehmen sie (gezielt oder mit propagandistischer Absicht), ausschließlich auf linke Aktionsformen, welche sie aufgrund der angeblich fehlenden Wirkung auf die Gesellschaft ablehnen. Eine Debatte, welche durchaus auch gerade in der rechtsradikalen Szene tobt: "Ihre lauen Aktionen wie z.B. Demonstrationen, Flugblattaktionen usw. versickern doch jedes Mal im Sand. Aus unserer Sicht wird, wenn überhaupt, nur wenig dadurch erreicht. Betrachten wir einmal die jüngste Spontandemonstration vom Sonntag, 24.01.2009 wegen des Vorbereitungstreffens zu Dresden in der Odermannstraße 8. Es ist nicht erkennbar, welchen Erfolg diese und andere Unternehmungen eingebracht haben. Ein paar wenige Medien berichteten zwar darüber, vielleicht wurde auch der ein oder andere Bürger aufmerksam auf die Notwendigkeit der Blockierung des kommenden Dresdner 'Naziaufmarsches'. Aber der erforderliche Schwung hat uns dabei wie so oft gefehlt. Der Großteil dieser "friedlichen Demonstrationen" bringt doch in Wirklichkeit nichts."

Demonstration gegen Nazis am 24. Januar 2010 an der Leipziger Odermannstraße
Demonstration gegen Nazis am 24. Januar 2010 an der Leipziger Odermannstraße
Foto: Patrick Limbach

Im Anschluss verlieren sich die Absender in wilden Drohungen gegenüber der Polizei, welcher man "mit Knüppeln und scharfen Waffen" begegnen solle und kündigen an, man müsse aus ihrer Richtung mit "... heftigen Brandanschlägen auf Polizei, deren Fahrzeuge, technische Infrastruktur (z.B. durch Störsender im Bereich der Telekommunikation und Stromversorgung) ..." rechnen.

Das die Schreiber das Wort "Naziaufmarsch" bei ihrem Bezug auf die noch kommende Dresdner Demonstration am 13. Februar 2010 in Gänsefüßchen gesetzt haben, lässt den Leser wieder etwas zur Richtung "Rechts" tendieren - aber geht es bei Brandanschlägen und Gewalttaten wirklich um die politische Ausrichtung von Tätern oder vielmehr eigentlich nur noch um "Täter" und die Frage von "Oben und Unten" sowie dem Qualitätsmerkmal "vollkommen durchgeknallt"?

Die Bedrohung scheint jedoch aufgrund der Ausführlichkeit der heute eingegangenen Schreiben durchaus nicht irreal. Die Absender bleiben jedoch Unbekannte, die sehr offensiv und gut getarnt nun die Öffentlichkeit suchen.

Fortsetzung 18:30 Uhr

Im zweiten Teil der vorliegenden Äußerungen, welcher sich namentlich an die Leipziger Polizei und deren Pressesprecher Uwe Voigt wendet, gehen die Schreiber dann gezielt auf die Arbeit der Polizei und ihre angeblich ergriffenen Gegenmaßnahmen ein.

"Sicher wurden die meisten Bekennerschreiben in der Vergangenheit als sog.'Papierstück' versendet. Unser technisches Know-How reicht nun aber soweit, dass moderne Kommunikationsmittel genutzt werden können. Wir möchten uns schließlich auch nicht der Gefahr aussetzen, dass die Handschrift erkannt, DNA auf dem Papierstück gefunden oder der Drucker anhand der Druckercodes (gelbe Punkte) ausgemacht werden kann. Warum Sie uns trotz Vorratsdatenspeicherung, IP-Adressen, Anschlussinhaberfeststellung und Handyortung durch Aufschlüsselung der zur Tatzeit anwesenden Teilnehmer in der Funkzelle dennoch nicht ausfindig machen können, werden wir an weiterer Stelle zum Zwecke der Erzeugung von Nachahmungstätern noch erläutern."

Um genau diesem Wunsch nicht zu entsprechen, hier nur ein kurzer Abriss. Mails versende man seitens der "Militanten Gruppe" generell nur via vollständig anonymisierter Maildienste, welche über Verschlüsselungen verfügten und wo der Anbieter selbst keine IP-Adressen abspeichern würde. Im Weiteren sei auch eine Ortung ihrer Handys rund um den Tatort vom Donnerstag vergangener Woche nicht möglich, da keines ihrer Mobiltelefone bei dem entsprechenden Funkmast gemeldet gewesen wäre. Im Netz sei man eh nur noch mit Anonymisierdiensten, wie es TOR einer ist, unterwegs und bei den W-LAN-Zugängen nutze man die Dritter. Bei diesen hätte man den Netzzugang gehackt oder wäre mangels Passwortschutz leicht hineingekommen.

Im Übrigen würde man diese Zugänge beständig wechseln.

Alles im Gesamten gesehen, eine durchaus zeitgemäße Kenntnis und Planungswissen in technisierten Zeiten, welche die E-Mail-Schreiber da nach eigenen Ausführungen mitbringen. Was die ganze Sache für die polizeilichen Ermittlungen in den kommenden Tagen nicht gerade erleichtern wird.

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Im letzten Teil des Schreibens schimmern dann Drohungen und Ankündigungen gegenüber der Polizei auf, in welchen von Gewaltbereitschaftsbekundungen, Bewaffnung mit Schussfeuerwaffen und gezielten Brandanschlägen auf Polizeifahrzeuge und Polizisten die Rede ist. Den Schluss bildet eine Verehrungsbekundung gegenüber der Militanten Gruppe Berlin und einer Organisation namens "Bewegung Morgenlicht", denen man "antifaschistische Grüße" übermittelt.

Sollten sich alle Äußerungen in den beiden E-Mail-Schreiben als echt herausstellen, könnte es ein heißer Leipziger Winter werden. Egal ob von "Links" oder "Rechts". Die Ideen und Ausführungen stammen in jedem Fall von einem oder mehreren Menschen, welche jede Menge krimineller Energie und ein hohes Mitteilungsbedürfnis zu haben scheinen.

Übermittelt wurden die beiden Schreiben der L-IZ.de durch die Linksjugend Leipzig, welche nun auch mit der Polizei diesbezüglich in Verbindung steht. Eine Bewertung durch die Leipziger Polizei steht noch aus.

Fortsetzung 30. Januar 2010

Auf die Anfrage bei der Leipziger Polizei zur Bewertung der eingegangenen E-Mails und der Vorgänge an sich, ließ Pressesprecher Uwe Voigt heute einen lakonischen Kommentar übermitteln: "Wir nehmen die Sache ernst, verfallen aber keineswegs in Panik". Zitat Ende.


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