Premiere für “Schwarze Jungfrauen“: Gotteskrieger in Leipzig
Redaktion
22.09.2009
Schwarze Jungfrauen.
Mit “Schwarze Jungfrauen“ von Feridun Zaimoglu/Günter Senkel begeht eines der ungewöhnlichsten und wichtigsten Projekte der Spielzeit 2009/2010 Premiere am 25. September, 20 Uhr, im Theaterhaus am Lindenauer Markt.
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Der Text der beiden Autoren vereint streitbare Stimmen junger Muslima in Deutschland, kraftvolle, leidenschaftliche Monologe über Religion, Sex und Politik. Sie entstanden nach authentischen Interviews des in der Türkei geborenen, in Kiel lebenden Feridun Zaimoglu (Mit “Liebesbrand“ u. a. für den Preis der Leipziger Buchmesse und den Deutschen Buchpreis der Frankfurter Messe nominiert) mit deutschen Muslima.
Eine der Besonderheiten der Produktion am Theater der Jungen Welt liegt darin, dass die sechs Monologe Texte von sechs jungen Regisseurinnen führender deutscher und österreichischer Regie(hoch-)schulen und des Theaters der Jungen Welt sowie der Berliner Choreografin Vivienne Newport inszeniert werden. Die Zuschauer werden an wechselnden, auch ungewöhnlichen Orten im Großen Saal mit Text und Spiel der sechs jungen Schauspielerinnen konfrontiert.
Dass islamische, Kopftuch tragende Frauen zu einer unterdrückten Spezies gehören, rückständig sind und in der Regel nicht selbst entscheiden können, ob sie in der Öffentlichkeit einen Schleier tragen wollen oder nicht, das gehört zu den scheinbar feststehenden Vorurteilen unseres westlichen Common Sense.
Schwarze Jungfrauen.
Foto: Tom Schulze
Dass unbedingte Toleranz gegenüber anderen Religionen und eine undifferenzierte Affirmation einer Multi-Kulti-Gesellschaft die einzige Antwort auf Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments gegenüber Menschen anderer Kulturen darstellt, gehört ebenso zu den selten hinterfragten Sichtweisen eines (des-)interessierten Mainstreams. “Schwarze Jungfrauen“ von Feridun Zaimoglu/Günter Senkel verweist beide Haltungen ins Reich romantischer Träume.
Seine “Power“-(Jung-)Frauen dementieren das eine wie das andere – so radikal und leidenschaftlich, dass dem Zuschauer fast zwangsläufig Augen und Ohren aufgehen und er trotzdem kaum glauben mag, was er da vorgesetzt bekommt. Nicht nur, dass sich beinahe jede Spielart des westlichen Liberalismus an den Pranger gestellt sieht. Hier bekommt das kulturell aufgeschlossene Kleinbürgertum auch all seine verdrängten Vorurteile potenziert um die Ohren gehauen. Wie es in den Wald hineinruft ... .
Die Konfrontation dieser Gläubigen mit unseren Erwartungshaltungen setzt – lustvoll – verfestigte Denke in Bewegung und erzeugt so – vielleicht – Erkenntnis.
Aber auch aus anderem Blickwinkel sorgen die “Schwarzen Jungfrauen“, deren Glaube dem einen Gott bzw. Allah gilt, zügig für Diskussionsstoff. Denn unter den Schleiern, Tüchern, Burkas, Hijabs etc. stecken Körper mit sexuellen Sehnsüchten, die sehr irdisch sind. Und Erfahrungen mit einer Männergesellschaft, die nur zu oft unterirdisch sind.
Hotel Babylon.
Foto: Frank Schletter
Auch mit einer anderen Tatsache setzen sich die in Deutschland lebenden “Jungfrauen“ auseinander: dass unsere scheinaufklärte Gesellschaft mit ihrer Umwertung aller materiellen und immateriellen Werte zu Waren und Spielgeld etwas mit Freiheit und Individualismus zu tun habe. Individuell sind diese – zum Teil noch sehr – jungen Frauen tatsächlich, vielleicht sogar, weil Klugheit und Dummheit, Klarsicht und Vorurteil, Liebe und Hass, Kälte und Verletzlichkeit in unterschiedlichen Dosierungen bei ihnen zum Tragen kommen. Der Abteilung Attacke gehören sie gleichwohl an. Alle. Klischee hin, Klischee her.
Vor dem Stück zu erleben: Hotel Babylon 2009
Auch in dem Theater-Ritual “Hotel Babylon 2009“, das an allen “Jungfrauen“-Abenden jeweils um 18:30 Uhr stattfindet, wird Menschen mit Migrationshintergrund (und, frei nach F. Zaimoglu, “Leipziger Vordergrund“) eine Stimme gegeben. In loungeartig entspannter Situation liegt das Publikum in Betten, hört, ganz “babylonisch“, die Geschichte Leipziger Migranten in fremder Sprache. Das ruhige, interaktive “Hotel Babylon 2009“ ist ein Theaterprojekt des Tänzers und Performers Robert Steijn und der Regisseurin Lidy Six in der Realisierung von Bernd Schlenkrich und fand bereits 2005 im Rahmen der “Leipziger Welten – Ein Fest der Kulturen“ am Theater der Jungen Welt seine Leipziger Erstaufführung. Die Installation, die auch für Schüler in einer Zusammenarbeit mit dem Max-Klinger-Gymnasium und der Leipzig International School durchgeführt wurde, erhielt dafür aus der Hand des Bundespräsidenten Horst Köhler den 1. Preis der bundesweiten Aktion “Kinder zum Olymp“ in der Sparte Theater.
Bei Buchung beider Vorstellungen, “Hotel Babylon 2009“ (18:30 Uhr) und “Schwarze Jungfrauen“ (20 Uhr), kosten die Karten 13 Euro, ermäßigt 9 Euro.
Premiere: 25. September, 18:30 Uhr bzw. 20 Uhr. Weitere Vorstellungen am 27., 29. und 30. September jeweils 18:30 Uhr (Hotel Babylon) und 20 Uhr (Schwarze Jungfrauen).
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