Düstere Prophezeiung: Die euro-scene leistet sich eine magere Eigenproduktion
Matthias Caffier
05.11.2010
Philipp J. Neumann, Leipzig: Prophezeiung 20/11.
Foto: Jens T. Wagner, Leipzig / euro-scene Leipzig 2010
Anlässlich ihres 20. Jubiläums schrieb die euro-scene Leipzig eine eigene Produktion aus, und zwar für Künstler aus Mitteldeutschland. Als Koproduzenten wurden das Festspielhaus Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste Dresden und das Thalia Theater Halle gewonnen.
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Damit soll, so Festivaldirektorin Wolff, „das Engagement für Eigenproduktionen, zu denen "Speicherung" (2000) und "Tagwerk – Werkstatt – Tanz" (2002 und 2003) gehörten, wieder aktiviert und ausgebaut“ werden. Der ausgeschriebene Preis ging an den Leipziger Regisseur, Autor und Filmproduzenten Philipp J. Neumann (33). Dessen Werk "Prophezeiung 20/11" kam am zweiten Festivaltag in der Schaubühne Lindenfels zur Uraufführung; Regie führte der Autor selbst.
Das Stück basiert auf einer Prophezeiung des antiken indischen Mönchs Lurek Singh, in der von einer Gottesstrafe die Rede ist. Dort heißt es im Vers 20/11 unter anderem: „Er wird zur rechten Zeit herab fahren und Vergeltung üben. Er wird die Welt von allem Unrat reinigen und die Menschen für ihre Übeltaten strafen. Denn es soll Gerechtigkeit herrschen, Mensch und Tier sollen einander ebenbürtig sein.“
Philipp J. Neumann, Leipzig: Prophezeiung 20/11.
Foto: Jens T. Wagner, Leipzig / euro-scene Leipzig 2010
Diese Gleichstellung von Mensch und Tier führt zum Verlust der menschlichen Vernunftbegabung und liefert zugleich den Ansatzpunkt für Neumanns „Instinkttheater“.
Zusammen mit der Choreografin Steffi Sembdner, dem Objektkünstler Hagen Tilp, vier Tänzern und einem Darsteller, brachte der Autor-Regisseur seine Lesart zu diesem Thema auf die Schau-Bühne und die ist vor allem eins: düster, etwas kopflastig und sehr bewegungsintensiv.
An Prospekten und Maschinen lassen es die Konzeptionisten des „Instinkttheaters“ nicht fehlen: Da rumort und grummelt es in einem düster ausgeleuchteten Raum, dessen wolkenverhangene Decke sich wechselweise hebt und senkt; Schuhe, die in Aquarien schwimmen, eine geheimnisvolle Rolle spielen und Tänzer in aberwitzigen Zuckungen aneinander vorbei agieren, während am Bühnenrand stumm ein Engel agiert, bevor er zum Schluss aus seinem Kostüm steigt und den Raum verlässt (Darsteller: Tim Mettke).
Philipp J. Neumann, Leipzig: Prophezeiung 20/11.
Foto: Jens T. Wagner, Leipzig / euro-scene Leipzig 2010
Große Anerkennung verdienen die vier Tänzer Antoinette Helbing, Lara Russo, Andrea Schiefer und Alessio Castellacci, die mit bewundernswertem Körpereinsatz unheimlich präsent sind: Sie zucken, zappeln, verbiegen und entkleiden sich bis zur Erschöpfung und sind doch jeden Moment sehr wach.
Das Publikum folgt dieser Bilderflut zwar gebannt, grübelt eine Zeit lang möglicherweise nach dem tieferen Sinn, bis es der Un-Vernunft auf die Spur kommt und atmet erleichtert auf, als schließlich vier lebendige, wohl genährte Schafe auf die Bühne trotten und sich von den Zuschauern mit zuvor ausgeteilten Plätzchen füttern lassen. Da wird es richtig lebendig und Mensch und Tier kommen sich auch persönlich ganz nah ...
Ihn interessiere das „Mysthisch-Unerklärliche“ erklärte Philipp J. Neumann in einem Interview. Einem der Schafe war das offensichtlich ziemlich schnuppe; es hinterließ auf der Bühne eine prächtige Pfütze. Dem mageren Schlussapplaus nach zu urteilen, hat das Instinkttheater sein Publikum mit dieser Produktion (noch) nicht wirklich erreicht.
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