Was wollt ihr und nackter Wahnsinn: Centraltheaterpremiere á la Hartmann "Ich will nicht, dass mir jemand sagt, welche Rolle ich zu spielen habe!"
Daniel Thalheim
20.11.2011
Komisch, furios, kontrovers: Nackter Wahnsinn - Was ihr wollt (Sarah Franke).
Bild: David Baltzer/bildbuehne.de
Jürgen Kruse sollte dieses Stück zu Ende bringen. Doch Intendant Sebastian Hartmann sprang ein. Kruse ist schwer erkrankt und musste das Regiezepter für "Was ihr wollt" abgeben. Der umstrittene Theaterstar Hartmann hat der letzten Shakespearekomödie noch "Nackten Wahnsinn" hinzu gefügt. Den bekamen die Zuschauer am Samstag auch geboten. Inklusive Neonblendlicht, kackendem Esel und viel Improvisation. Das Publikum war gespalten.
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Man kann nicht behaupten, dass Leipzigs Centraltheaterintendant keinen Humor hat. Erst kürzlich trug er seinem Chef im Rathaus an, dass er seinen Vertrag nicht verlängern möchte. Der Grund ist längst Flurgeflüster: Es gibt nicht mehr Geld fürs Leipziger Schauspiel. Also schuf Hartmann in "Nackter Wahnsinn - Was ihr wollt" ein Vierstundenstück voller Anspielungen auf das Theater um Hartmann in Medien und Rathaus. Und wie zum Trotz stellt der Intendant frei nach Shakespeare den Spruch voran: "Ich will nicht, dass mir jemand sagt, welche Rolle ich zu spielen habe!"
Müssen wir uns verbiegen? Diese Frage steht im Theaterraum als das Stück in einem gut gefüllten Centraltheater startet. Die Erwartungen sind da. Was erwartet einen bei Hartmann, der auf Shakespeare trifft? Bestimmt kein konventionelles, elizabethanisches Stück aus dem Jahr 1600. Hartmann verknüpft die Frage nach einer ganz essentiellen: sich selbst als Intendant. Zunächst blicken die Gäste auf einen Redner im bauschigen Halskragen und Pluderhosen, ganz so als ob er aus einem manieristischen Gemälde entstiegen ist. Aber erst nachdem das Licht komplett abgedunkelt gewesen ist, so dass man die eigene Hand vor Augen nicht sehen konnte. Außer die kleine Leselampe am Regiepult im Parkett.
Bunter Auftakt mit der Schlussszene - die kommt kein zweites Mal.
Bild: David Baltzer/bildbuehne.de
"Die große Odaliske" von dem französischen Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780 - 1867) lugt verschmitzt aufs Publikum. Mindestens ums hundertfache größer als das Original im Louvre, zeigt sie den Zuschauern ihren schön gemalten Rücken. Eine Party entwickelt sich auf der Bühne. Die Schauspieler hopsen auf die Bühne, lassen Riesenluftballons fliegen, Konfetti sprüht aufs Parkett. Die Ballons hüpfen auf den Händen der Theaterbesucher umher. Jubel im Zuschauerraum. Der von Manuel Harder gemimte Regisseur unterbricht das bunte Treiben. Die Gäste applaudieren. Ihm passt es nicht. Wieder Applaus. Die Schauspieler haben es mit ihm und seinem künstlerischen Anspruch nicht leicht. Man merkt schnell: andersrum verhält es sich genauso.
Schnell stellt sich die Frage: Was ist Wahrheit und was ist Dichtung? Denn Ort des Geschehens ist schnell die Centraltheater-Bühne ausgemacht. Die Schauspieler spielen sich selbst, schlüpfen immer wieder in ihre Rollen. Slapstick, Burleskes durchzieht den ersten Akt wie die hyperventilierende Sarah Franke, die es nicht leicht hat in drei Rollen zu schlüpfen - völlig durcheinander. Die Theaterprobe wird zum Maskenball. Manuel Harder spielt den neurotischen Regisseur, der an sich selbst (ver-)zweifelt und sich im zweiten Akt in Gott verwandelt.
Artemis Chalkidou begeistert als unbeholfen polternder "Herr Kirchhoff", der in einer babylonisch brabbelnde Metamorphose in die klagende Dramenfigur "Antigone" hinübergleitet. Begeisterung macht sich unter den Zuschauern breit. Vorher blinzeln sie jedoch in Richtung Neonröhrenraum, der grell die Gäste blendet. Zuvor sahen sie auf Thomas Lawinky, der den Zuschauern das Stück als "Autor" zu erklären versucht. Ihm gelingt es nicht so richtig mit seiner leisen Stimme. Einige klatschen Beifall.
Chor und Alterungsprozess live: Nackter Wahnsinn - Was ihr wollt.
Bild: David Baltzer/bildbuehne.de
Edgar Eckert dreht als break-dancender Narr seine Kreise auf den Bühnenbrettern. Birgit Unterweger sorgt als "Heike Stumpf" für Erheiterung als sie als vorsprechende Schauspielerin rund 12 Stunden zu spät kommt und heulend vor Verzweiflung zusammenbricht. Und sich dennoch in die Vorsprecherrunde fuchsen will, die überhaupt nicht stattfindet. Ergebnis ihres Einsatzes: ein Kurzschluss, ein genervter Regisseur und ein johlendes Publikum. Doch erst mit der wundersamen Verwandlung des Herrn Kirchhoff in die halb nackte "Antigone" scheinen die Besucher aus dem Häuschen zu sein. Das Stück nimmt nach zwei Stunden langsam Fahrt auf. Es ist statt einer puristischen Shakespeare-Adaption zum "Nackten Wahnsinn" mutiert, einer selbst reflexiven Sicht auf den kurzfristig eingesprungenen Theaterindendanten selbst - Sebastian Hartmann.
Shakespeare bleibt dennoch gegenwärtig. Sein Stück über Schauspieler, die in Rollen schlüpfen um "Mensch zu sein" dringt mit jedem Spiel durch. Und der Regisseur versucht den Darstellern das "Ich" auszutreiben. Denn egal was die Schauspieler unternehmen, um "Was ihr wollt" einzuüben, irgendwas scheitert immer. Die Schauspieler machen irgendwann was sie wollen, "Der nackte Wahnsinn" regiert endgültig.
Dabei wohnen die Theatergänger einer Generalprobe am Abend vor der eigentlichen Premiere bei. Das Stück selbst erscheint als Entwurf. Im zweiten Teil sollen die Zuschauer sehen, wohin der Weg führen kann. Denn Theater ist kein "bunter Kindertellerabend", "Theater ist Kunst und verbiegt sich nicht vor den Erwartungen". Man könnte meinen, Manuel Harder zitiert als "Regisseur" seinen echten Intendanten Wort für Wort.
E-Gitarre und Narr: Musik ist ganz dicke da.
Bild: David Baltzer/bildbuehne.de
Die Reihen haben sich inzwischen gelichtet. Es sollten mehr werden, die das Parkett während des 2. Aktes verlassen. Denn hier geht es richtig wild zu. Das absurd-komische Stück verwandelt sich zu einem bedrohlichen Szenario. Spätestens dann als Maximilian Breuer als Jesus Christus samt Esel Manfred auftaucht und mit Manuel Harder - nunmehr in der Rolle als "Gott" einen furiosen Dialog befeuert. Furios deshalb, weil das Zwiegespräch immer mehr zu einer Improvisationsshow ausartet. Breuer reißt sich die Sachen vom Leib, zweifelt, trotzt Gott. Das religiöse Gespräch um Erkenntnis und Martyrium wird vom Esel mit einem großen Kothaufen kommentiert. Das Publikum johlt. Zufall oder Plan?
Breuer schmiert sich die Kacke auf den Leib, brüllt. Seinen Slip reißt er sich ab. Die kotverschmierten Hände berühren sein Geschlecht, ziehen daran, malträtieren es. Geschrei. Jesus wird von Gott ferngesteuert. Sein Martyrium ist das Spiel des Lebens. Die Theaterbesucher kichern entweder oder wenden sich angeekelt ab. Andere schauen interessiert dem Treiben zu. Einige verlassen sogar leise den Raum. Breuer isst die Kotballen, riecht daran, wirft damit um sich. Das ist für manche zu viel.
Querulante Schauspieler, die ihr Privatleben bei der Generalprobe auf die Bühne tragen. Ein Narr, der den Spiegel den Schauspielern vorhält, ein Regisseur, der immer mehr Verständnis aufweist, Energien lenkt und bündelt. Der zweite Akt besitzt alles, was aktives Theater braucht, um Reaktionen von seinen Gästen abzuringen: Sei es Lachen oder Abscheu. Shakespeare lugt wieder englisch herein, der Gurke fressende und spuckende Narr erscheint wie eine Karikatur des Schauspielers selbst, der den Ausdruck sucht aber nicht findet. Worum geht's eigentlich? Nicht erklären - zeigen, so die Antwort des Regisseurs. Verstehen es auch alle? Egal! Lacher tauchen sporadisch auf, aber an Stellen, wo es nichts zum Lachen gibt. Sind das unkoordinierte Übersprungshandlungen? Hat Hartmann erreicht, was er wollte?
Wie um die Verwirrung komplett zumachen, erschallt gegen Ende kakophonischer Lärm. Schauspieler vollführen akrobatische Tänze. "Heike Stumpf" hat doch keine Rolle bekommen. Tanzt aber trotzdem blut- und kotverschmiert. Szenenwechsel: Ruhe. Dann eine letzte Besprechung mit Abstimmungsverhalten. Sind alle für das Stück wie es jetzt ist, oder enthalten sich welche oder sind einige gar dagegen? Die Szene erscheint wie eine Stadtratssitzung. Immer wieder dieselben, die sich melden. Eine Entscheidung ist nicht getroffen. Als Manuel Harder fragt, wer gegen "Nackter Wahnsinn - Was ihr wollt" ist, melden sich auch einige Zuschauer. Geholfen hat es nicht. Das Stück geht im tosenden Applaus, Jubel- und Bravo-Rufen sowie Pfiffen unter. Während die Schauspielertruppe unter Anweisungen seines schauspielernden Regisseurs Verbeugungen absolviert, erscheint auch Sebastian Hartmann selbst. Stehende Ovationen und Johlen. Der Rest hat inzwischen den Saal flugs verlassen. Die, die stehen blieben, feiern Intendant, Schauspieler und Stück noch lange.
Zu Recht? Aber ja doch. Wenn auch so mancher im Nachgang meinte, wann endlich "normales" Theater kommen würde. Aber was ist schon "normal" in der Theaterwelt? Hartmann ist bekannt dafür, Konventionen und Traditionen zu brechen. Hat er doch radebrechende Shakespeareverse gegen einen deutlichen Blick auf das Leipziger Stadttheater getauscht und damit auch auf sich selbst und seine Rolle in dieser Stadt. Das kann man gut heißen, oder ablehnen.
Fakt ist aber, dass alle Beteiligten Lust an diesem Jux hatten und damit sind sie ziemlich nahe an dem gewesen, was Shakespeare eigentlich wollte: Eine Anspielung auf die "Twelfth Night", dem Abschluss der zwölf Rauhnächte an der Epiphaniasnacht. Es verdeutlicht den Beginn der Karnevalszeit mit seinen Maskenspielen, in denen man sein "Ich" durch Masken verdeckt, gar die Geschlechter wechseln kann.
Mit der Erscheinung des Herrn, den seltsamen Geschlechtsumwandlungen und den ulkigen Running-Gags sind drei Motive zu sehen, die sich wie der mehrmals auftretende Chor, Gott-Jesus-Dialog, Natascha-Kampusch-Persiflage und der schauspielerischen Leistung eindrucksvoll in das Gedächtnis der Zuschauer einbrennen. Der Blick auf Leipzig blinzelt stets humorvoll und unverhohlen durch. So viele Symbole, Motive und Metaphern, dass es auf einmal kaum fassbar scheint.
Hartmann ist mit "Nackter Wahnsinn - Was ihr wollt" das gelungen, was heutiges Theater auch zu leisten verstehen sollte: Ein aktuelles Stück, das die Geschmäcker geradezu gnadenlos spaltet und nie den Konsens sucht. Echte Kunst eben.
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