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euro-scene Leipzig bittet zu Tisch: 10. Wettbewerb ums beste deutsche Tanzsolo

Karsten Pietsch
Gewinner 1. Preis 2009 / Winner 1st prize 2009 Sahra Huby, München  „Elephantengedächtnis“ („Infallible memory")
Gewinner 1. Preis 2009 / Winner 1st prize 2009 Sahra Huby, München „Elephantengedächtnis“ („Infallible memory")
Bild: R. Arnold
80 Bewerbungen, 20 kamen in die öffentliche Endrunde. Davon jeweils fünf bis sechs ins Finale, eine Jury entscheidet und eine Stimme hat das Publikum. Die Regeln sind einfach: Ein Tänzer hat fünf Minuten Zeit, auf einem runden Tisch mit sieben Meter Durchmesser, dort ist er allein. Aber ein aufgeschlossenes, begeisterungsfähiges Publikum ist gewiss.

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Jeder Besucher kriegt auch nur einen Tippschein. Journalisten, die ihren Stimmzettel beschrieben haben, müssen ein zweites Los rechtfertigen. Wahlrecht hat seine Ordnung.

Im Ring-Café wird auf dem Tisch getanzt


Erstmals steht der Tisch im „Ring-Café“, und das hat eine ähnliche Atmosphäre sowie 1950er-Jahre-Bauzeit wie das Theater in der Bosestraße, wo der Wettbewerb vor zehn Jahren begann. Alain Platels Idee aus Gent, jedermann eine Chance zum Tanz auf der Bühne zu geben, fand auch in Leipzig viel Gefallen. Und dauerndes Nachfragen, wenn in euro-scene-Programmen der Wettbewerb mal ein Jahr aussetzte.

220 Besucher sahen am Freitagabend die erste Runde, nach 22.00 Uhr und bis kurz nach Mitternacht. Bühne und Akteure spiegeln sich in den Fenstern, und zwischendurch kann man hinausschauen auf die beleuchtete Silhouette von Rathausturm und Uniriesen-Cityturm.

80 Bewerber von 12 bis 70 Jahren

René Reinhardt gehört die erste Tanzrunde, Moderator und künstlerischer Wettbewerbsleiter. Denn rund um den Tisch sitzen an vier Seiten des Raumes Zuschauer. Wer hier mit Angesicht gesehen werden will, muss laufen. Nach den Darbietungen versucht der den Akteuren noch ein paar Gedanken abzuluchsen, für diesen Zweck ist jede Fragestellung gut genug. Antwort gibt es immer, manchmal auch nur in sparsamen Worten oder gefühlvollen Gesten.

Von 12 bis 70 Jahren reicht das Alter der Teilnehmer, Mehrgenerationenprojekt nennt man es heute, was normal ist. Orientalischer Tanz von jungem Mädchen aus Leipzig macht denn auch den Anfang. „Möchtest du mal Tänzerin zu werden?“, fragt René Reinhardt kühn. Antwort: „Ja.“ Orientalisch geht es auch weiter mit Katarina Berezovskaja, die in Leipzig wohnt, aus Ufa im Ural stammt und die Vize-Weltmeisterin im orientalischen Tanz ist.

Gewinner Publikumspreis / Winner prize of the audience  Wesley D’Alessandro, Hannover  „… should have a chair“ („… sollte einen Stuhl haben“) .
Gewinner Publikumspreis / Winner prize of the audience Wesley D’Alessandro, Hannover „… should have a chair“ („… sollte einen Stuhl haben“) .
Bild: R. Arnold
Jeder hat seine persönliche Kiste

„Tanzen als Lebensentwurf! - Großartig!“ findet Moderator Reinhardt heraus. Als er an eine Studentin und Tanzlehrerin gerät, bemerkt er: „Student mit Nebenjob Tanzlehrer – Hier kann man was lernen!“

Ein Akteur tanzt mit einer Kiste, an der steht „Vorsicht, Glas!“ Klar, man will wissen, was drin ist. „Jeder hat so seine Kiste mit allem möglichen“, sagt der Tänzer und zählt ein wenig was auf. Folgerichtig philosophiert der Festivalleiter: „Man muss eine Kiste eben nicht aufmachen, und trotzdem eröffnet sich jedem etwas!“ Am Moderatorenjob auf dem runden Tisch sind ja schon Fernsehansager und Performancekünstler gescheitert. Und auf dem Tippschein steht der Job nicht.

In der Jury sitzen diesmal Leute, die in ihren Berufen direkt oder peripher mit Musik und Tanz, aber vornehmlich mit Menschen zu tun haben. Eszter Fontana, Direktorin des Musikinstrumentenmuseums Leipzig, Matthias Brenner, Schauspieler, Regisseur und Intendant des neuen Theaters Halle/S., Thomas Hahn, Journalist und Theaterwissenschaftler, der euro-scenen-gastspielerfahrene Josef Nadj vom Centre choreographique national d’Orleans, Christian Syrotek, Direktor des Best Western Hotel City Center Leipzig.


Von Mensch und Tier

Wenn es nach Applaus geht, kriegen die beiden letzten Startnummern in der ersten Runde den meisten Jubel. Christine Borch aus Berlin trägt ein Schafwollfell um Hals, Kopf und nackte Brust, dessen sie sich mit allerlei Ur-, Tier-, Schmerz- und Lustlauten entledigt. Vom Tier zum Mensch und zurück. Idee und Darbietung gehen auf, die fünf Minuten sind weg wie im Fluge..

Dodzi Dougban, in Recklinghausen geboren, sonst könnte man sagen Schwarzafrikaner, greift quer aus Breakdance und Hiphop durch bis in schwanensterbenwallende Arme. Dazu Bässe! Dass der Tänzer gehörlos ist, nur die Bässe ihm die Musik weisen, er aber gerade diese gehörte Musik mit seinem Bruder gemeinsam gesampelt hat, erfahren wir von seiner Choreografin Kama Frankl.

Da waren die fünf Minuten verdammt kurz. Das war anders bei dem Mann, der zur Hymne der Band Unheilig Bilder in die Luft und auf die Hände malte, auch bei der vom Film „Paris-Texas“ inspirierten Szene des Umherwanderns nach Verlusten.

Von der Straße auf den Bühnen-Tisch

Wie man zum „Tanzsolo“ kommt, erklärt eine Teilnehmerin: „Die Festivaldirektorin sprach uns auf der Straße an, wo die Truppe gerade tätig war.“ Nun saß die Truppe im Publikum, nur eine Frau daraus stand auf dem Bühnen-Tisch.

Die zweite Runde steigt am heutigen Samstagabend, 22.00 Uhr im „Ring-Café“, Endrunde beim „Besten deutschen Tanzsolo“ am Sonntag, gleiche Zeit, derselbe Ort.


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