Geschichten aus dem Wiener Wald am Schiffbauerdamm: Enrico Lübbe inszenierte am Berliner Ensemble
Theaterbrief aus Berlin/Karsten Pietsch
02.07.2012
Foto: Monika Rittershaus
Bevor Enrico Lübbe ab Spielzeit 2013/14 Intendant des Leipziger Schauspiels wird, hatte er kürzlich sein Regie-Debüt am Berliner Ensemble. Beim Intendanten Claus Peymann inszenierte er „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Nüchtern prangen Stücktitel und der Autorenname Ödön von Horváth an der Theater-Fassade unter dem sich drehenden Logo „Berliner Ensemble“ am Schiffbauerdamm. Stücktext und Autor finden sich auch im Geschehen auf der Bühne wieder.
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Wien in Berlin
Zu jener Zeit als Ernst Josef Aufricht 1928 mit der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill für Furore sorgte, war Ödön von Horváth hier auch schon zu Hause!
Wenn die Welt untergeht, wollte der Komponist Gustav Mahler einst nach Wien reisen! Denn dort käme alles 15 Jahre später. Und laut Horváth spielt das Stück in einer kleinen Straße im VIII. Wiener Bezirk und in der Wachau. Doch diese Orte können überall sein.
Schon zur Voraufführung war das Berliner Ensemble ausverkauft und im Saal war es fast immer mucksmäuschenstill ob der bitteren Geschichte, nur von Zeit zu Zeit entlud sich die Spannung in Lachern, weil die Figuren auf der Bühne so grausam zueinander sein konnten. Es sind die Menschen von nebenan, auch wenn sie sich hinter scheinbaren k.-u.-k.-Titeln verbergen, mehr Fabel-Namen als Amt: Rittmeister, Zauberkönig ...
Sabin Tambrea, Johanna Griebel.
Foto: Monika Rittershaus
Theater auf der Welle
So breit wie die Bühne ist, läuft nach hinten eine Welle über zwei Berge, wo es in der Wachau hinaufgeht, zu dem Turm, den die Familie hütet. Akustisch ist das ein Hall- und Schallraum ohnegleichen. Szenen mit glasklarer, pointierte Sprache werden noch übersteigert, wenn die Darsteller vor den Szenen im Halbdunkel auf ihre Positionen gehen und nachher wieder so verschwinden. Bei Brecht und auch George Tabori ging da manchmal eine halbhohe Gardine auf und zu.
Mit gleißendem Licht wird das Bühnen-Boden-Holz der Welle angestrahlt, bis sie Weiß glänzt und das Licht in den Zuschauerraum des Schiffbauerdammtheaters reflektiert, der vor vergoldetem Stuck nur so glänzt. Das waren Gründerzeit, Historismus und Jugendstil und Monarchie, das war Preußens Glanz. Wenigstens gülden glänzen musste es, wenn es schon kein Gold war.
Wiener Seligkeit
Eine Schüssel und ein darin schleifendes Küchengerät sind anfangs der Impuls für die Musik zum Stück. Den Walzer „Geschichten aus dem Wienerwald“ wird es nicht geben, aber österreichische Lieder von der Donau und vom Mädel in der Wachau mit seinem Auge so blau sind der Rest von Weinseligkeit. Klar wird die Musik mal lautstark hochgezogen, ein aufgesetzter Regieeinfall, aber insgesamt tönt und dröhnt es so, dass es den Akteuren nicht die Luft nimmt.
Im Spiel steckt der strengere Rhythmus, gleich Herzschlägen oder Atemzügen. So pulsiert Leben. Darsteller sind keine Schachfiguren, bei allem Gegeneinander der Handlung, spielen die Schauspieler miteinander, Wort für Wort, Satz für Satz. Ist das schon so selten geworden, dass es dem Zuschauer so auffällt? Enrico Lübbe und Regie-Mitarbeiter Torsten Buß gelingt ein Stück episches Theater.
Ulrich Brandhoff, Angela Winkler, Anna Graenzer, Roman Kaminski, Boris Jacoby, Johanna Griebel, Krista Birkner.
Foto: Monika Rittershaus
In Horváths Stück gibt es fast nur Hauptrollen, unter den Akteuren sind Überraschungen für Leute, die auf dem Besetzungszettel zuerst Namen der Darsteller suchen und dann ihre Rollen lesen: Angela Winkler als großartig gezeichnete Lebefrau Valerie, und Roman Kaminski ist über das Burgtheater Wien wieder zurück nach Berlin gekommen, Gudrun Ritter ist als Großmutter im großen Ensemble dabei.
Eine Heurigen-Seligkeit samt Deutschlandlied und große Bögen zur Tragik, wie in der langlebigen Inszenierung von Horst Ruprecht vor gut 20 Jahren im Leipziger Schauspielhaus, gibt es nicht.
Freilich spuckt der Metzgermeister mal vor Sattheit Wurstzipfel auf die Bühne und kurz vor Schluss muss eine Darstellerin noch schreiend ihr Stimmwerkzeug malträtieren. So was können sich Schauspieler auch anders erspielen. Unverzichtbar müssen Kofferradio und Kühlboxen dabei sein, damit auch jedem eindringlich klar wird: es ist ein heutiges Stück.
Ulrich Brandhoff, Axel Werner, Angela Winkler.
Foto: Monika Rittershaus
Nach der Voraufführung gab es viel Applaus und Bravos. Wünschen wir dem Stück viele Aufführungen. „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“ soll es auf 674 gebracht haben, beim aktuellen „Arturo Ui“ sprach man schon von der 400.!
Enrico Lübbe – Leipziger auf Durchreisen
Enrico Lübbe ist Leipziger auf Durchreisen. Denn hier hat er mal studiert, ist zum Journalismus und zum Theater gekommen, Regie-Assistent bei Wolfgang Engel gewesen und Regisseur geworden. In Chemnitz ist er Schauspieldirektor, geboren wurde er in Schwerin.
Ob und wie viel er als Intendant in Leipzig auch selbst inszenieren wird, hat er noch nicht gesagt.
Aus den Werken des Desillusionisten Horváth, schrieb Alfred Polgar, weht den Zuschauer kalter Wind an, eine „entzauberte, in ihrem schnöden Mechanismus bloßgelegte Welt“.
Nichts ist witziger als die Wahrheit. Und kein sukurrilerer Anblick als jener, den sie bietet, wenn sie sich nackt unter die Leute mischt.
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