Digital-Maoismus und Petz-Kultur: Detektor FM feiert Geburtstag und Johann Michael Möller redet von Qualitätsjournalismus
Bernd Reiher
06.12.2010
MDR-Hörfunkdirektor Johann Michael Möller.
Foto: Bernd Reiher
Es wurde gefeiert, am 3. Dezember im „Café Pilot“ des Centraltheaters in der Bosestraße. Geladen hatten die Macher von „Detektor FM“. Anlass war der erste Geburtstag ihres Netz-Radios. Auf dem Programmzettel stand auch eine Diskussion zum Thema „Wie verändert das Internet den Rundfunk?“
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Gäste waren unter anderem Mona Rübsamen von „Motor FM“ und Jörg Wagner, der das Medienmagazin von „Radio eins“ verantwortet.
Ebenfalls auf der Liste der Diskussionsteilnehmer: MDR-Hörfunkdirektor Johann Michael Möller. Sein Auftritt war im doppelten Sinne bemerkenswert. Zum einen, weil er nicht allzu oft auf öffentlichen Podien zu erleben ist. Zum anderen, weil er mit seinen Sätzen einen tiefen Einblick in die Logik der gebührenfinanzierten mitteldeutschen Radioprogrammierung ermöglichte.
Möller gab den weltgewandten Medienmann. Die Radiosituation in Berlin scheint ihm wohl bekannt - das Verschwinden von „Radio Multikulti“ stufte er als Verlust ein. Zur Frage nach den massiven Kürzungen im eigenen Hause „Sputnik“ sagte er: „Ich glaube nicht, dass wir den Mut verloren haben. Uns war klar, dass ein Haupthindernis die Musik war. Ein bisschen Empirie muss halt sein. Wenn große Geldmengen dahinter stehen, die Verantwortung für Mitarbeiter und Etats, muss man irgendwann fragen: Wen erreichen wir damit? Wir haben gemerkt, dass ein Großteil unserer Zielgruppe in Sachsen-Anhalt sagt: Das ist nicht unsere Musik. Wir haben dann angefangen, ein bisschen an der Musik zu verändern. Siehe da: Unser Abrauschen wurde langsamer. Da haben wir angefangen zu testen und versuchen jetzt die Musik so aufzubauen, dass nicht die Specials verschwinden, aber dass wir auch Gerüsttitel einsetzen, die man einfach braucht.“
Radio habe ein paar erbarmungslose Gesetze, so der Hörfunkchef weiter. Eines davon laut Möller: „Wenn man die Leute ärgert, dann sind sie weg. Wir haben mit unserer Musik die Leute geärgert und dann waren sie weg.“ Gelächter und Gemurmel im Publikum.
Deshalb, so der Radio-Lenker zur von ihm gesehenen Radiogesetzmäßigkeit weiter, sei es wichtig, dass man zur Kenntnis nimmt, was die Leute sagen, die das Programm hören wollen. Möller: „Unsere Trackings zeigen, wie man durch wenige Maßnahmen allein schon im Bereich der Musik deutlich an Sympathie der Hörer gewinnen kann. Das hat nix mit Quote zu tun, sondern mit der Verantwortung für Aufwand und Reichweite. Ich kann nicht viel Geld in die Hand nehmen und am Ende nur wenige Menschen damit erreichen. Das ist unwirtschaftlich und nicht zukunftsfähig.“
Jörg Wagner (Mikro), Mona Rübsamen, Johann Michael Möller, Christian Bollert.
Foto: Bernd Reiher
Der Radiomacher zur eigentlichen Frage des Abends – Internet und Radiozukunft: „Unsere Vorstellung von Broadcast – one to many – gerät in diesen Jahren unter Druck, dadurch dass wir mit dem Netz den Rückkanal und die Dialogstruktur haben. Das ist eine vollkommen veränderte Situation. Wir merken, dass Glaubwürdigkeit sich nicht mehr herstellen lässt, dadurch dass jemand sagt: 'Das ist jetzt die Wahrheit, das verkünde ich jetzt.' Die alte Gatekeeper-Rolle gerät ins Wanken - nicht nur im Journalismus, auch in der Politik.“ Stuttgart sei das aktuellste Beispiel. Für den Rundfunk bedeute das, plötzlich nachdenken zu müssen, wie man die Hörer integriert.
Damit schien der Programmdirektor auf Betriebstemperatur gekommen zu sein – er setzte zum Feindflug auf den Netzjournalismus an. Möller: „Nun hat sich da über die Jahre so eine Illusion aufgebaut – da kam der alte Brecht zum Vorschein. Das haben wir eine Zeitlang geglaubt und am Ende gemerkt, was passiert. Wir haben eine riesige Trash-Schleuder bekommen, wir haben eine riesige Petz-Kultur gekriegt. Wir diskutieren über Wikileaks und fangen an zu begreifen, dass es doch wieder so etwas wie Gate-Keeper geben muss.“
Dieser Prozess habe die Wirtschaftsbasis von Zeitungen und Radios massiv beschädigt. Möller: „Wir leben in einer Zeit, wo das Geschäftsmodell Qualitätsjournalismus unter Druck gerät. Nicht zuletzt, weil wir so eine Vorstellung von Gratis-Kultur im Netz haben. Jetzt merken wir, dass diese große Freiheit auch Schattenseiten hat. Es ist eben nicht alles gratis, nicht alles gut. Es ist, wenn Sie mal Netzjournalismus sich genauer anschauen, eben nicht der große Theodor-Wolf-Preis-verdächtige Durchbruch des verkannten Genies. Sondern es ist unendlich viel Scheiße dabei. Und es ist Scheiße, die sich hundertfach verquirlen lässt, die manchmal auf ein, zwei Quellen zurückzuführen ist.“
Ein ordentlich gelernter und gut bezahlter Journalist, der sein Handwerk versteht, produziere am Ende doch noch eine andere Form von Glaubwürdigkeit. Möller: „Dieser digitale Maoismus - wir müssen da höllisch aufpassen.“
Mona Rübsamen, Johann Michael Möller und Christian Bollert.
Foto: Bernd Reiher
Das Gleiche gelte für die mediale Wertschöpfungskette. Möller: „Wir haben durch das Internet - durch falsche Hoffnungen, falsche Geschäftsmodelle - nicht nur nichts erreicht, sondern die klassischen Geschäftsmodelle massiv beschädigt.“ Dort wiederum müsse man jetzt gucken, welche Wege es noch geben kann. Billig-Content zu holen wäre eine Möglichkeit. Das wiederum wirke sich auf die klassischen Berufsbilder aus.
Möller: „Ich will es ein bisschen überzeichnen: Die Euphorie 'Alles wird besser, alles optimiert sich permanent' wird gerade in diesen Tagen von der Erkenntnis getrübt, dass wir diesen Prozess doch wieder mit Spielregeln versehen müssen.“ Das bedeute Organisation, die wiederum koste Geld. Möller: „Manchmal muss ich sagen: Eine gute alte Qualitätszeitung, eine gute alte Radioredaktion, wo Menschen mit ihrem Namen, ihrer Glaubwürdigkeit und ihrer eigenen Recherche gerade stehen müssen, für das was sie tun, war so schlecht nicht.“
Starker Tobak aus dem Mund des mitteldeutschen Radiochefs – immerhin steckt im letzten Statement auch der Ruf nach einer gewissen Art von Internet-Zensur. Pikanter Hintergrund all seiner mahnenden und markanten Worte im Centraltheater: Erst wenige Stunden vorher hat der MDR das Ausscheiden von Eric Markuse vermelden müssen. Der langjährige MDR-Pressesprecher und spätere Entwickler des jüngst reformierten „Sputnik Next Level“ hatte das Handtuch geworfen. Kündigung, nachdem der Qualitätsmedienverfechter Möller in den eigenen Radioredaktionen offenbar angefangen hatte, mit dem eisernen Besen zu kehren.
Markuse bleibt laut Pressemitteilung noch bis Januar 2011. Danach wird „Sputnik“ von Reinhard Bärenz geleitet. Der war vor seiner Zeit beim Jugendkulturradio Musikchef bei „Jump“. Jetzt im Sessel des Sendeleiters gelandet, wird er scheinbar mit einem von 3,2 auf 2,5 Millionen Euro gesenkten Etat wirtschaften müssen. Die Aufgaben, die damit auf ihn warten sind nicht banal: Es gilt, die anteilig höchste Kürzung unter allen MDR-Hörfunkwellen zu kompensieren.
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