Henkersmahlzeit für Bürgerfunker: Andreas March und die Situation von Radio blau
Bernd Reiher
20.10.2009
Vorstandsvorsitzender des Radiovereins Leipzig: Andreas March.
Foto: Bernd Reiher
15 Jahre ist es her, dass Radio blau seinen Sendebetrieb aufnahm. Erst wurde seitdem mit vier Stunden wöchentlich jeweils am Sonntag-Abend gefunkt. Dann seit 2004 waren die Radiomacher mit einer erweiterten Sendezeit von 49 Stunden pro Woche unterwegs. Nächstes Jahr soll Jubiläum gefeiert werden.
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Doch so wie die Zeichen stehen, könnte das auch ein sehr tränenreiches werden. Schließlich droht Leipzigs freiem Radio in diesen Tagen nichts geringeres, als der Frequenzverlust. Wir sprachen mit Andreas March. Der 38-jährige Politikwissenschaftler ist seit 2006 Vorstandsvorsitzender des Radio-Vereines Leipzig. Von ihm wollten wir wissen, wie er die aktuelle Situation sieht und vor allem, welche Handlungsmöglichkeiten es gibt.
Im Interview: Andreas March.
Foto: Bernd Reiher
Andreas, Radio blau ist rund 15 Jahre alt - was würde fehlen, wenn es den Sender nicht mehr geben sollte?
March: Es würden 49 Stunden engagiertes abwechselungsreiches Programm pro Woche fehlen - eigenverantwortlich, selbstorganisiert und unentgeltlich produziert von z.B. politisch Aktiven, LiteratInnen, MusikerInnen und KünstlerInnen aller Altersgruppen und Kindern und Jugendlichen. Das Programm ist musikalisch wie inhaltlich sehr facettenreich, nicht immer perfekt, dafür umso authentischer.
Dass Radio Blau fehlen würde zeigen uns im Moment die vielen Unterstützungsangebote unserer HörerInnen auf die Nachricht der drohenden Abschaltung. Aus anderen Städten wissen wir, wo sich Freie Radios etabliert haben, sind sie nicht mehr wegzudenken. Radio Blau feiert im nächsten Jahr seinen 15 Geburtstag.
Die Freien Radios in Sachsen werden oft als "Wendeprodukte" bezeichnet. In der DDR war den Gründungsmitgliedern des Radio-Vereins Leipzig der freie und unmittelbarer Zugang zu einem Massenmedium versperrt. Aus dieser Erfahrung heraus haben sie sich jahrelang für ein Freies Radio in Leipzig stark gemacht. Deshalb wäre es eine Ironie der Geschichte, wenn Radio Blau im Jahr der "Wendefeierlichkeiten" der Saft abgedreht werden würde.
Einst war das freie Radio die einzige Möglichkeit für Bürger, sich medial zu äußern. Mit Blogs, Podcasts und HTML ist das anders geworden. Warum brauchen wir trotzdem noch freies Radio auf UKW?
March: Radio ist ein Massenmedium. Mit relativ einfachen Mitteln lassen sich relativ vielen Menschen gleichzeitig erreichen. Ein UKW-Empfänger ist preiswert und wahrscheinlich jeder hat einen Zuhause rumstehen. Dagegen ist ein leistungsstarker Internetanschluss nicht überall verfügbar und leisten kann ihn sich auch nicht jeder. Außerdem ist Radio Blau mehr als ein Programm. Wir sind ein Ort der Diskussion. Bei uns werden Meinungen ausgetauscht, geminsam Fragen gestellt und nach Antworten gesucht. Jeder kommt bei uns zu Wort. Vor allem diejenigen, die anderswo kaum oder gar nicht gehört werden.
Radio Blau steht für Meinungsvielfalt, für offene Diskussion und Kommunikation. Europäisches Parlament und Europarat haben die Freien Radios unlängst zu einem wichtigen Teil des demokratischen Mediensystems erklärt. Besonders gewürdigt wurden ihre Leistungen für den sozialen Zusammenhalt und die Integration von Minderheiten, den interkulturellen Dialog, die Förderung von Kreativität und Medienkultur, die allgemeine Medienkompetenz, die lokale Berichterstattung und die publizistische Vielfalt.
Ihr fordert die SLM auf, ihrer gesetzlichen Aufgabe gerecht zu werden - welche ist das genau?
March: Ich habe den Eindruck, dass die Landesmedienanstalt der derzeitigen Entwicklung, nämlich dem drohenden Aus der drei sächsischen Freien Radios, jegliche medienpolitische Relevanz abspricht. Wir haben versucht, mit der SLM ins Gespräch zu kommen. Leider sind wir mit unseren Bemühungen gescheitert.
Die Frequenzpartnerschaft zwischen einem privat-kommerziellen Programmveranstalter und den Freien Radios mit der Maßgabe, dass der kommerzielle Veranstalter die Sende- und Leitungskosten zahlt, wurde von der SLM mit ins Leben gerufen. Sich jetzt daran zu beteiligen, dass diese Kooperation bestehen bleibt und wir nicht weit hinter den Status quo zurückfallen, ist für mich das Mindeste, was ich von der SLM erwarte. Schließlich zählt die Sicherung der Meinungs- und Medienvielfalt in Sachsen zu ihren Aufgaben. Darüber hinaus sollte die SLM auf eine dauerhafte und gesicherte Lösung hinwirken - keine die von der Wirtschaftlichkeit eines Dritten abhängig ist.
Das Geld ist da. Einen Teil davon in Richtung der freien Radios zu lenken, wäre Aufgabe der Politik. Welche Handlungsmöglichkeiten siehst Du?
Die Leistungen gemeinnütziger, nichtkommerzieller Rundfunkveranstalter - wie der Radio-Verein Leipzig einer ist - müssen in Sachsen von Gesetzgeber und SLM endlich anerkannt werden. Dies ist in anderen Bundesländern, zum Beispiel in Sachsen-Anhalt und in Thüringen, längst der Fall.
Dafür muss das Sächsische Privatrundfunkgesetz geändert werden. Wir fordern für die Freien Radios in Sachsen Zugang zu gut empfangbaren Vollfrequenzen und eine finanzielle Basisförderung, damit sie ihr rundfunk- und gesellschafspolitischen Leistungen voll entfalten können. Dabei war und ist es unsere Aufgabe, beim Gesetzgeber für die Freien Radios zu werben und gegen Vorbehalte anzugehen.
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