Rundfunk ist Ländersache: MDR „Jump“ und die falschen Federn aus Südafrika
Bernd Reiher
05.07.2010
Johann Michael Möller.
Foto: MDR / Axel Berger
Der Hörfunksender MDR „Jump“, es gibt wieder einmal Dinge, die er näher betrachtet sehen will. Schleichwerbung, Hörertäuschung und kommerzielle Nebentätigkeit könnten dazu gehören, so zumindest der Verdacht. Wir wollen in den nächsten Wochen versuchen, uns ein bisschen näher damit zu beschäftigen.
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Heute die Sache mit dem getäuschten Hörer-Ohr. Richtig: es geht um die kleinen Tricksereien bei der „Jump“-WM-Berichterstattung. Worum genau? Natürlich ist die Fußball-WM auch bei der Popwelle ein großes Thema. Besonders intensiv wird es in der Morgensendung durchgekaut. Für diese Berichterstattung greift „Jump“ auf das ARD-Reporternetz zurück. Statt die dabei interviewten Reporter aber korrekt vorzustellen, oder wie beim Deutschlandradio wenigstens als Kollegen von der ARD, werden sie von der Popwelle als eigene verkauft. „Jump-WM-Reporter“, „Unser Jump-Reporter in Südafrika“ oder ähnlich heißt es dann zum Beispiel, wenn Alexander Bleick vom NDR oder Jens Jörg Rieck vom SWR beim MDR-Sender mit dem „Neuen Sound im Radio“ zu hören sind.
WDR-Moderator Alexander Bleick.
Foto: WDR / Herby Sachs
Eine Methode, die durchaus in der Rubrik „unsauber“ eingestuft werden darf. Obwohl diese Art von „Branding“ bei den öffentlich-rechtlichen Hörfunkwellen als gängige Praxis gilt, ist sie aber ARD-intern auch umstritten. Nicht weil sie falsch ist. Sondern weil das Ganze an eine Art von Hörertäuschung grenzt.
Die MDR-Chefetage scheint dabei zu jener Fraktion in den Anstalten zu gehören, die keine Probleme damit hat. MDR-Hörfunkchef Johann Michael Möller zumindest verteidigte das Vorgehen gegenüber der L-IZ. Er spricht von einer gängigen Praxis.
Möller schrieb der L-IZ auf die Frage, warum es der MDR nötig hat, seine Hörer auf solche Art zu täuschen: „JUMP ist ein Radioprogramm des MDR und damit der ARD, und die ARD wiederum ist offizieller Radiopartner der Fifa Fußball WM. Darauf sind wir, sind die Kolleginnen und Kollegen von JUMP, sehr stolz. Für die Fußball-WM steht der ARD ein Team zur Verfügung, welches sich aus Reportern aus unterschiedlichen Landesrundfunkanstalten zusammensetzt.“
Die Aufgaben innerhalb des Teams, schreibt der Radio-Mann weiter, seien „nach inhaltlichen und formalen Kriterien verteilt.“ Dabei sei die Herkunft, sprich die Heimatredaktion, des Kollegen/der Kollegin für die Berichterstattung völlig unbedeutend.
Der MDR beispielsweise habe vier Kollegen in dieses Team entsandt. Diese Kollegen hätten ihre Aufgaben für die ARD-weite Ausstrahlung unabhängig von ihrer entsandten Heimatredaktion zu erfüllen. Es gelte dabei das Motto: „Jeder arbeitet - je nach zugewiesener Aufgabe – für alle.“
Der Hörfunkdirektor schließlich: „Es steht jedem Programm aus o.g. Gründen frei, den Reporter als 'seinen' anzukündigen. Andere Landesrundfunkanstalten handhaben dies genauso. Wenn JUMP also Alexander Bleick 'JUMP-WM-Reporter' nennt, hat das etwas mit Identifikation mit dem eigenen Programm zu tun. Das ist legitim und effizient. Dass die von Ihnen erwähnte Ankündigungs-Form ARD-intern umstritten sein soll, ist mir nicht bekannt.“
MDR-Hörfunkchef Johann Michael Möller.
Foto: MDR / Axel Berger
Ob legitim, nur weil es Usus ist, steht auf einem anderen Blatt. Dass die Hörer es merken und sich verschaukelt fühlen könnten, zählt für Möller scheinbar nicht. Gerade weil es aber um eine Art von Vortäuschung falscher Tatsachen geht, hat sich vor einigen Jahren die Initiative „Fair Radio“ aufgemacht, auch diese Methode zu thematisieren. Sie ist die Gruppe, die dafür gesorgt hat, wovon Möller noch nichts weiß: dass das Thema auch ARD-intern umstritten ist.
Udo Seiwert-Fauti ist einer der Sprecher von „Fair Radio“. Auch er ein Mann des öffentlich-rechtlichen Radios. Er allerdings sieht das Problem nicht aus Verwaltungssicht, sondern aus der eines Reporters. Seiwert-Fauti berichtet für den SWR und auch für die BBC. Zur Frage, ob das Etikettenschwindel oder gängige Praxis ist, schrieb er der L-IZ: “Beides. Es ist gängige oder zumindest weit verbreitete Praxis. Leider. Und FAIR RADIO hält das eindeutig für Etikettenschwindel. Denn Tatsache ist, dass diese Etikettierung eine Exklusivität vorgaukelt, die objektiv nicht gegeben ist.“
„Zugegeben“, so schreibt Fauti weiter, „der Schaden für die Hörer ist gering. Ob sie ein Reporter gut oder schlecht informiert, hängt schließlich nicht davon ab, ob der ARD- oder JUMP-Reporter ist. Der mögliche Schaden für die Sender aber bleibt meist außer Acht. Denn die fraglichen Sender machen sich unnötig angreifbar und möglicherweise unglaubwürdig, weil allzu oft auch die Hörer bemerken, was Sie, Herr Reiher, bemerkt haben: Dass die Reporter nicht senderexklusiv berichten.“
Udo Seiwert-Fauti.
Foto: Udo Seiwert-Fauti
Seiwert-Fauti schließlich: „Die eindeutige und konsequent glaubwürdige Variante wäre indes einfach: Statt Alexander Bleick als 'JUMP-WM-Reporter' anzukündigen, könnte Alexander Bleick einfach 'für JUMP' berichten. Das nämlich tut er. Und niemand müsste sich beschwindelt fühlen.“
Ob das bei den „Jump“-Radioprofis ankommt, ist fraglich. Immerhin wäre es nicht das erste Mal, dass sie bei angreifbaren Dingen mit Durchhaltewillen glänzen. Unsaubere Sachen sorgen für unnötigen Wirbel – das könnte aber auch für sie eine öffentlich-rechtliche Lehre aus dieser WM-Periode sein. Wenn sich vielleicht auch im MDR herumgesprochen hat, dass solche Dinge durchaus juristische Folgen haben können – zum Beispiel wenn so „on air“ vorgestellte Reporter auf die Idee kommen, diesen Status auch einzuklagen. Die Chancen sollen gar nicht so schlecht stehen. Die Fakten liegen schließlich auf der Hand: der Sender hat es selbst öffentlich behauptet.
Bei „Jump“ könnte das für mächtigen Wirbel sorgen. Dort wäre wäre ein solchermaßen angestellter Kollege ein Exot. Immerhin sind nach eigenen Angaben die meisten Mitarbeiter nur als „feste freie“ eingestellt. Auch das wieder ein Unding, aber schon wieder Stoff für eine der nächsten „Jump“-Geschichten.
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