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Proteste eingeplant: Jugendkulturradio, Programmreform, Sputnik-Community

Bernd Reiher
Sputnik-Website.
Sputnik-Website.
Screenshot: L-IZ
Erst vor vier Jahren ist es umgebaut worden, das Jugendkulturradio MDR Sputnik, das seitdem mit dem Beinamen Next Level durch den Äther reist. Der Neustart war gelungen. Jetzt aber sind dunkle Wolken über der kleinen Station in Halle aufgetaucht. Gesteuert von Hörfunkdirektor Johann Michael Möller.

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Er hat im August eine neuerliche Reform verordnet. Sendungen wie „Intro-Magazin“, „360°“ und scheinbar auch die „English-News“ fehlen jetzt im Programm. Auch die Musikschiene hat ihren Teil abbekommen: hier wird weniger Schräges, aber umso mehr Allgemeingefälligeres serviert. Mainstream, wie solch musikalisches Fastfood auch manchmal genannt wird.

Die Hörerschaft ist erzürnt. Der Unmut dokumentiert sich auch in der Radio-Community mysputnik.de. Wir haben einen Blick hineingewagt und einige der Meinungen zusammengefasst. Zwei Tendenzen zeichnen sich ab: vor allem werden die gestrichenen Sendungen und die neu geordnete Playlist kritisiert. Vielen geht aber auch die Heimlichtuerei der gebührenfinanzierten Radiomacher gegen den Strich. Wir kennen das aus anderen Tagen des DT64-Nachfolgers.

Beim Blick in die Community sprang zunächst eine Meldung aus Magdeburg ins Gesicht. User „Lordkanti“ erbost: „Ich habe schon längst wieder meinen iPod ans Autoradio gehängt. Hatte Sputnik immer als letzten Radiosender empfunden, der noch nicht in den Mainstream abgedriftet ist, aber zunehmende Wiederholungen und Lieder, die überall laufen, haben mich umdenken lassen. Ihr solltet froh sein, wenn überhaupt jemand seine Meinung kund tut und nicht einfach still und heimlich wegschaltet. Ihr solltet weniger auf die Idioten aus der Musikforschung hören.“

Verwunderung auch aus Chemnitz, wo man den Sender nur per Kabel, Stream und Satellit empfangen kann. „Fuechsl“ schrieb: „Ich muss zugeben: ich hab abgeschaltet. Ich hab Sputnik vor vier Jahren lieben gelernt. Jetzt schalte ich nicht mehr ein, weil es derselbe Einheitsbrei ist, wie überall. Leider. Ich erinnere mich an tolle Zeiten, da lief Sputnik in jeder Minute, die ich Zeit hatte. Aber jetzt? Nein danke! Vielleicht hat der Sender damit sein Ziel erreicht, treue Hörer zu verlieren.“

Community-Mitglied „RDS_Test“ stellte am 24. August die Frage nach der Glaubwürdigkeit der dieser Reform zugrunde liegenden Marktanalysen: „Was für ein Gefasel hier von irgendwelchen Zuhörerzahlen, Einschaltquote und Medienanalysen. Wo sind denn die Umfrage-Ergebnisse? Nennt Zahlen! Hat es überhaupt eine repräsentative Befragung gegeben?“

Er war auch einer der ersten, der sich über die neue Nähe zu Jump wunderte. „RDS-Test dazu: „Wer auf sowas steht, soll Jump hören. Dafür gibt es den Sender. Aber für zwei Sender, die genau dasselbe Trallala bringen, sehe ich keine Berechtigung. Noch ein Hüpfradio brauchen wir nicht. Kenne niemand, der Jump mag. Kein Schwein hört Jump. Die Musik da ist prollig und ekelhaft.“

Verprellt jetzt gerade seine eigene Community: Sputnik.
Verprellt jetzt gerade seine eigene Community: Sputnik.
Screenshot: L-IZ

Ähnliche Sorgenfalten bei Community-Teilnehmer „g_b“. Ihm ging es aber auch um die Nischenfunktion: „Was ich an der 'Neuausrichtung' nicht verstehe ist, dass es doch genug Einheitsbrei-Sender gibt, die ihre Chart-Rotations haben (siehe JUMP). Warum soll Sputnik, als Sender, der sich bisher von solchen Formaten distanziert hat, nun auch in diese furchtbare Sparte wechseln? Ich dachte, als von Gebühren finanziertes Programm hat man die Chance, auch gegen den Trend zu schwimmen. Mein Eindruck war, dass Sputnik genau damit Hörer gewonnen hat.“

Ebenfalls um Jump-Parallelen und fragwürdige Marktanalysen ging es im Beitrag von „Flowerly“. Sie zürnte am 24. August in Richtung Sputnik-Redaktion: „Es kann doch nicht Anspruch sein, ein zweites 'massenorientiertes Pop-Programm' im Sendegebiet auf die Beine zu stellen! Bis vor kurzem hat Herr Markuse die Media-Analyse noch als Kaffeesatzleserei bezeichnet. Außerdem werden dort nur Festnetz-Besitzer befragt. Wer bitteschön von der Zielgruppe hat noch Festnetz?“

Einige Änderungen, so „Flowerly“, seien nachvollziehbar. Aus ihrer Sicht aber kein Grund, alle 2006 gesteckten Ziele über den Haufen werfen. „Flowerly“ schließlich in Richtung MDR-Quotenfraktion: „Ich war vor vier Jahren so stolz, dass es sogar in Sachsen-Anhalt möglich wurde, vernünftiges Radio zu hören. Euer Programm war so sympathisch und ambitioniert und vor allem mit Ecken und Kanten. Auch mir hat nicht jede Programmrubrik gefallen, aber dafür war ich mir bewusst, dass darauf wieder einer folgt, auf den es zutrifft.“

Für Community-Mitglied „Radiowaves“ hat der Sender jetzt an Glaubwürdigkeit verloren. „Radiowaves“ am 24. August: „Durchaus ein spannender Spagat. Ich wage die Aussage, dass Ihr Euch damit voll zwischen die Stühle setzt. Ein Programm, das sich tagsüber nach 'weit unten' orientiert, bekommt einen unangenehmen 'Geruch' für all jene, deren Erwartungshaltung weiter oben angesiedelt ist. Und selbst wenn abends was Gutes käme - ich zumindest kann kein Sputnik mehr hören, weil's als Ganzes schlagartig unglaubwürdig geworden ist.“

Sputnik-Programmchef Eric Markuse.
Sputnik-Programmchef Eric Markuse.
Foto: MDR Sputnik

Die neue Nähe zu Jump sorgt scheinbar auch in Thüringen für Kopfschütteln, wo der Sender ebenfalls nicht auf UKW zu empfangen ist. Holm aus Ilmenau: „Erst haben wir unser heiß geliebtes Radio TOP40 auf diese jämmerliche Art und Weise verloren, und nun ist auch Sputnik dran! Ich mach das jedenfalls nicht mehr mit! Es ist ja seitens Eurer Hörer so ziemlich alles gesagt: Sputnik machts gut! Viel Spaß bei der Fusion mit MDR Hüpf!“

Community-Teilnehmer „BEP_Freak“ trauerte am 26. August in Potsdam um die jetzt scheinbar gestrichenen Englisch-Nachrichten: „Die English-News waren ja mal der Hammer! Immer wenn ich Freunden von Sputnik erzählt habe, von der tollen Musik, der Werbefreiheit und so weiter - mit den English-News hab ich sie alle gekriegt.“

Schließlich noch ein sehr denkwürdiger Absatz von „Radiowaves“. Er schrieb an die Community: „Leute, Ihr habt Recht, die Guten sind auf eurer Seite. Nur: ihr diskutiert mit den Falschen. Die Sputnik-Mitarbeiter werden gerade der Reihe nach vors Loch geschoben, um zu beschwichtigen und Prügel einzustecken - eine beiderseits sehr eklige und widerliche Veranstaltung.“

Die eigentlichen Drahtzieher säßen seiner Meinung nach einige Etagen höher: „Ganz wichtig: Proteste sind bei solchen Änderungen einkalkuliert. Wenn einmal die Entscheidung zu einer solchen Programmumstellung gefallen ist, wird das durchgezogen, auch unter Inkaufnahme der Verluste.“

Für ihn sei jetzt der Rundfunkrat die richtige Adresse, dieses Gremium brauche jetzt dringend Anregungen. „Radiowaves“ dazu: „Er braucht Proteste, aber in Form von Hinweisen und nicht in Form von 'Kriegserklärungen'. Der Rundfunkrat macht kein Programm, er überwacht. Und: er braucht die Proteste gut begründet. Gute Argumente ziehen immer und gibt es genug. Nicht nur, dass die Musik jetzt Überschneidungen zu Jump erkennen lässt - es geht auch um Inhalte. Die Ausdünnung der Wortschienen, das Fehlen von Moderationen mit Inhalt, die Einstellung von Nachrichtensendungen. Wie die zu einem werbefreien Programm passen soll, zu einem Programm, das von höherer Quote nicht einmal finanziell profitieren könnte, ist zu hinterfragen.“

Wie es weiter geht, mit MDR Sputnik – der September wird es zeigen, dann stehen einige Sitzungen auf dem Plan. Ein Audio-Interview mit dem Hörfunk-Direktor ist uns bisher nicht gewährt worden. Radio-Profi Möller zieht derzeit die schriftliche Variante vor. Zunächst wäre aber auch interessant, mehr über den ominösen Radio-Berater zu erfahren, auf den sich die MDR-Hörfunk-Granden bei dieser Reform berufen. Der hat schon an anderen ARD-Wellen gewerkelt. Ein Blick auf die dortigen Ergebnisse könnte die Sicht frei machen, wie vielleicht das nächste Level des Dauerpatienten MDR Sputnik aussieht. Wie das auch ausgeht, eines aber ist gewiss: das seit 2006 mühsam von Markuse aufgebaute Vertrauen Jüngerer in den MDR ist jetzt empfindlich gestört.

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