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Tagesübersicht Leipziger Internet Zeitung
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Wenn der Bock zum Gärtner wird – Jugendschutz im Netz nun von Privatunternehmen?

Michael Freitag
L-IZ.de - Einstufung ab 14 Jahren
L-IZ.de - Einstufung ab 14 Jahren
Screen (Auszug) eines Abfrageergebnisses auf der Seite www.jugendschutzprogramm.de
Jugendschutz im Netz ist ein ganz großes und wirklich wichtiges Thema. Von Bundesministerien bis hinein in die Privatwirtschaft und auch bei der L-IZ.de ist man sich da einig. Schmutz im Netz ist nichts für Kinderaugen. Wenn jedoch Erotikanbieter, freenet und Springer selbst zu Schützern werden, wird die Situation etwas unübersichtlich.

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Jugendschutzprogramm.de macht derzeit Furore mit seltsamen Sperrkriterien für eine frei downloadbare “Kinderschutzsoftware“.

Die Liste der auf dieser Seite “zertifizierten“ oder besser zensierten Beispiele ist lang und hat mit dem Schutz von Kindern augenscheinlich nicht viel zu tun – die Intention scheint eine andere. Die von Jugendschutzprogramm.de angebotene kostenfreie Software zum Schutz der Kinder hat eine seltsame Einstufungstaktik. Da ist zum Beispiel bild.de mit halbnackten Frauen mit der Hand im Höschen als unbedenklich deklariert, während sich die Leipziger Internet Zeitung unter der Rubrik “ab 14 Jahre“ wiederfindet. Begründung? Unklar bisher, wir haben bereits angefragt, da auf der Seite zu den Kriterien nichts zu finden ist.

Klar ist jedoch schon jetzt: Bild.de ist offizieller Unterstützer des selbst ernannten, gemeinnützigen Jugendschutzvereines “JusProg – Verein zur Förderung des Kinder- und Jugendschutzes in Telemedien e.V.“ mit Sitz in Hamburg und findet sich so in trauter Einigkeit mit dem Sex-Versand Orion, den Internetangeboten von Coupé, Praline und Beate Uhse. Die Schützerfamilie baut sich gemeinsam mit Freenet.de hier wohl ein ganz eigenes Feigenblatt und sperrt mit der angebotenen Software vor allem eine Reihe von freien Blogseiten im deutschen Netz komplett aus.

Während hier Spiegel.de von der Software frei verfügbar gehalten wird, ist sogar www.taz.de (Die Tageszeitung) komplett gesperrt.

Die Schützer im Netz: Praline, Coupé, Beate Uhse, Freenet, Bild und Co.
Die Schützer im Netz: Praline, Coupé, Beate Uhse, Freenet, Bild und Co.
Screen (Auszug) von www.jugendschutzprogramm.de

Hier sind also Seiten bei den Sperrungen enthalten, welche teilweise nicht mal mit Bildern oder pornografischen Inhalten arbeiten, dafür aber dafür durchaus abweichende politische Haltungen zu Bild.de und Co. einnehmen. Die Software wird derweil als leicht installierbar angepriesen und als Nonplusultra, wenn es um den Schutz von Kindern geht. Ein “Ich bin auch dabei“-Siegel kann sich ein Netzbetreiber hier ebenfalls gern herunterladen.

Richtig obskur wird es jedoch, neben der komplett untransparenten Vorgehensweise des steuerlich begünstigten Hamburger Vereins bei der Einstufung von Seiten, wenn man die Firmen-Zusammenhänge im Hintergrund betrachtet.

Will man mit dem Verein selbst in Verbindung treten, ist man ganz schnell mit der Firma FunDorado GmbH (als C/O für den Verein im Impressum angegeben) ebenfalls in Hamburg konfrontiert. Stolze Pressemitteilungen dieser Firma zu ihrem Hauptportal www.fundorado.com lesen sich dann so: “wurde bereits zweimal mit dem Venus Award (2003, 2004) sowie dreimal mit dem eLine Award (2005, 2006, 2007) für “Das beste Erotikportal“ ausgezeichnet.“

Bild.de - für Kinder ab 0 Jahren absolut unbedenklich
Bild.de - für Kinder ab 0 Jahren absolut unbedenklich
Screen (Auszug) von www.Jugendschutzprogramm.de

Na, das freut doch den Erwachsenen und das Kind – oder?

Die Firma FunDorado selbst ist natürlich ein Joint Venture zwischen Freenet.de und der ORION Versand GmbH & Co. KG. Was für ein unglaublicher Zufall, aber auch klar. Bei Freenet will man sich natürlich das attraktive Geschäft mit der Lust gerade im Netz nicht entgehen lassen. Ebenso obskur, dass mit Bild.de ausgerechnet der Springer Verlag mit am Tisch sitzt, wenn es mal wieder um neue Absurditäten im Netz bis hin zu Zensurversuchen geht.

Dass dann jedoch, wie eigentlich fast zu erwarten, die als Bildzeitungskritisierseite bekannte www.bildblog.de ab 16 Jahre eingestuft wird, grenzt schon an Dummdreistigkeit gegenüber dem Internetnutzer samt Familienanhang. So darf also der Spross bis zum 16. Lebensjahr barbusige Frauenmotive betrachten, welche an Masturbationsszenen angelehnt sind – aber die Kritik über Falschmeldungen von Bild.de und anderen Tageszeitungen unter www.bildblog.de nicht.

Bildblog.de - die Kritiker der Bildzeitung ab 16 Jahre, weil man denken später beginnen soll?
Bildblog.de - die Kritiker der Bildzeitung ab 16 Jahre, weil man denken später beginnen soll?
Screen (Auszug) von www.jugendschutzprogramm.de

Anmerkung am Schluss. Das Springerblatt welt.de ist noch gar nicht enthalten und die Online Ausgabe der Leipziger Volkszeitung ebenfalls nicht. Vielleicht verhandelt man noch oder es hat sich einfach noch kein freiwilliger Denunziant gefunden, der diese Seiten dem geschätzten Kinderschützerverein zur Zensurenvergabe ohne Regularium vorgeschlagen hat.

Bis zur Antwort vom so genannten “JusProg - Verein zur Förderung des Kinder- und Jugendschutzes in Telemedien e. V.“ fühlen wir uns ob der Aufmerksamkeit, welcher man der Leipziger Internet Zeitung widmet, sehr geehrt und bei den vorgefundenen Einstufungen in der angebotenen Software in guter Gesellschaft. Wir könnten sogar mit einer Einstufung “ab 14 Jahren“ sehr gut leben, wenn die Software Bild.de ab 18 Jahren einstufte.

LVZ-Online ist noch nicht enthalten, aber nach den Kriterien sicherlich ab 14 - oder?
LVZ-Online ist noch nicht enthalten, aber nach den Kriterien sicherlich ab 14 - oder?
Screen (Auszug) von www.jugendschutzprogramm.de

Was wohl kaum zu erwarten ist. Will man sich doch die leichter beeinflussbare Zielgruppe der Jugendlichen auf keinen Fall als Zukunftsleser entgehen lassen.

Bis dahin gilt wohl weiterhin der einfache Ratschlag an Eltern von minderjährigen Kindern – ab und an mal kontrollieren, was da so stattfindet, wenn das Kind im Internet unterwegs ist und die eigene Kompetenz schärfen.

Wer gern selbst nachschauen will, ob seine Internetseite bereits erfasst ist, findet die fleissigen Kinderschützer, die Software und das lustige Abfragespielzeug unter:
www.jugendschutzprogramm.de

Das "Schönste" zuletzt. Ein Screen von Bild.de vom heutigen Tage. Zu allen Screens liegen die vollständigen Motive der Redaktion vor. (Das Motiv ist bei der L-IZ.de tagsüber nicht zu sehen!)

Anmerkung vom 25. Mai 2009: Wir lassen das Spiel jetzt. Jeder versteht auch so, worum es geht. Den Rest kann man sich auf Bild.de anschauen - ohne hiermit eine Empfehlung ausgesprochen zu haben.

Anmerkung vom 03. Juni 2009: Bis zum heutigen Tage haben wir auf folgende Fragen an Jusprog keine Antwort erhalten

1. Wie funktioniert das Prüfverfahren von Jugenschutzprogramm.de im Detail (Zeiträume, Gremien, Beschlüsse)?
2. Welche Kriterien / Bestandteile der Zeitung haben zur Einstufung von www.l-iz.de zum Vermerk „Ab 14 Jahren“ geführt?
3. Werden die jeweiligen Verlage oder Seitenbetreiber (siehe die Verlag der L-IZ.de) von den Einstufungen informiert, inklusive Begründung?
4. Wie erklären Sie sich, dass derzeit alle großen Zeitungsportale in Deutschland (vor allem Bild.de, aber auch Welt.de, Spiegel.de, LVZ-Online.de etc.) von Ihnen nicht eingestuft oder für unbedenklich für Kinder unter 14 Jahren und jünger gehalten werden (siehe vor allem Bild.de, Kriegsdarstellungen, Gewaltbilder wie zB. aus Winnenden oder andere Delikte etc.)?
5. In wie weit spielen politische Gründe eine Rolle bei der Einstufung solcher Blog-Seiten wie zB. Elementarteile.de als „Standard gesperrt“? Oder, was hat zu dieser Einstufung geführt?
6. Wie ist es mit den Zielen und der Unabhängigkeit des Jugenschutzvereines vereinbar, dass in der Partnerrubrik überwiegend Anbieter von sexuellen Inhalten/Produkten und die BILD-Zeitung auftauchen?
7. Was bedeuten im Zusammenhang mit den genannten Partnern die Begriffe „is powered by“ und „Unterstützung“ – hier unter anderem durch Beate Uhse, Bild.de, Orion, Praline, Coupé und weitere?

All dies würden wir nach wie vor gern wissen, doch in Hamburg schweigt man sich derzeit (noch?) zu unserer Anfrage vom 23. Mai 2009 aus.

Aber man arbeitet fleissig weiter: Bild.de wurde in der Zwischenzeit gänzlich aus dem Filter entfernt und ist somit in der Software garnicht mehr enthalten. Die Taz ist dafür nun auf "Ab 14 Jahre" eingestuft und Bildblog.de ist der Software nunmehr nicht bekannt - also ab 0 Jahre anwählbar.




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