Ein paar Pixel und ein Weihnachtsmarkt: Mit Google Street View durch Leipzig
Ralf Julke
21.11.2010
Google-Kamerawagen am Goerdelerring: die Blechbüchse steht noch.
Screenshot: L-IZ
Was für eine Aufregung um das neue Spielzeug von Google. Seit Donnerstag, 18. November, ist der neue Service unter Google Maps für 20 deutsche Städte online: Google Street View. Auch Leipzig gehört dazu. Und während vorher die Angst groß schien, es könnte zu viel zu sehen sein, scheint jetzt wahre Freude zu herrschen.
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Jedenfalls wenn man so hübsche Überschriften liest wie im Stern Online: "Deutsche stehen auf Street View". Da war wahrscheinlich der Phrasenkönig wieder Redakteur vom Dienst. Der einzige Hintergrund zu diesem Quiekser aus dem Straßen-Slang: Google Street View erlebte am ersten Tag nach der Freischaltung in den 20 deutschen Städten doppelt so viele Klicks wie üblicherweise.
Logisch. Wenn Dinge erstmals für alle zugänglich sind, dann wollen auch ziemlich viele Leute sehen: Was ist jetzt dran an diesen neuen Bildern aus den Straßen der Städte? Ist tatsächlich Verräterisches zu sehen? Ist das eigene Haus verpixelt oder sieht man Frau Krause beim Fensterputzen?
Im Sommer 2008 am Augustusplatz: das Paulinum hat noch keinen Dachgiebel.
Screenshot aus Google-Street View: L-IZ
Auch die L-IZ ist schnell mal um den Leipziger Ring gefahren. Wäre auch gern mal durch die City gedüst - nachschauen, ob es schon Glühwein gibt. Aber siehe da: Die Google-Kamerawagen haben keine Einfahrtgenehmigung für die City bekommen und haben an den Pollern brav Halt gemacht. Also kein Google-Blick in die Mädler-Passage. Und auch keiner auf den Markt. Nur von fern durch die Thomasgasse. Und siehe da. Man ist verblüfft: Der Weihnachtsmarkt wird gerade aufgebaut.
Da waren die also gerade vor ein paar Stunden hier und keiner hat's gemerkt?
Erst wenn man sich genauer umschaut, merkt man: Es ist nicht das Weihnachten 2010, das sich hier andeutet. In der Reichsstraße hängt auch die Weihnachts-Deko an den Laternen. Dafür steht die Info-Box zum City-Tunnel noch und das Bildermuseum wirbt für die Fotoausstellung "EAST". Und jenseits der großen Brache am Brühl steht unverkennbar noch der Verwaltungsbau des alten Warenhauses am Brühl.
Wer vom Goerdelerring her kommt, sieht bei Google noch die Blechbüchse stehen.
Ein paar Meter weiter: Es ist November 2009 und das Paulinum hat Dach und Turm.
Screenshot aus Google-Street-View: L-IZ
Die Kamerawagen müssen also spätestens 2009 durch Leipzig gefahren sein. Und sie haben auch nicht alles in einem Rutsch geschafft. Vielleicht gibt es sogar Winterbilder irgendwo in Leipzig. Die L-IZ hat bis jetzt nur lauter Sommer- und Herbstbilder gefunden. Ein hübsches Beispiel am Augustusplatz. Wenn man vom Platz herunterfährt, ist noch Sommer. Der Neubau an Stelle des alten Café Felsche steht noch nicht und die Universitätskirche hat noch kein Steildach. Das muss irgendwann im Sommer 2008 gewesen sein.
Wenn man dann nur ein paar Meter auf dem Ring Richtung Roßplatz fährt, verlieren nicht nur die Bäume urplötzlich ihr Laub und ein paar einsatzbereite Polizisten frösteln in nasskalter Luft.
November 2009 am Nikolaikirchhof - weiter durfte das Fahrzeug nicht.
Screenshot aus Google-Street View: L-IZ
Auf einmal steht auch der Felsche-Neubau und die Kirche hat ein Dach, der Turm ist noch eingerüstet. Was darauf hindeutet, dass der Kamerawagen hier im November 2009 wieder angeknüpft hat. Und was hatten die Polizisten da zu tun? Ein Blick ins Archiv könnte eine Antwort geben: Am 24. November gab es eine große Studentendemonstration in Leipzig.
Noch jemand hat lautstark protestiert: die Leipziger Grünen. Eigentlich hätte man erwartet, dass sie dann auch das Haus mit ihrem Stadtbüro in der Hohen Straße verpixeln lassen. Haben sie aber nicht getan. Nur die Rollläden sind runtergelassen. Der Kamerawagen kam also außerhalb der Öffnungszeiten durch. Dafür ist gegenüber das Haus Hohe Straße 51 verpixelt. Nicht das einzige in Leipzig. Dabei ist es gar nicht so hässlich saniert. Aber schon ein Blick um die Ecke in die Lampe- und die Simsonstraße zeigt: Das Problem mit der Anonymität haben augenscheinlich zuallererst Leipziger Rechtsanwälte, die hier besonders oft anzutreffen sind. Hier sieht man gleich mehrere verpixelte Häuser. Oder besser: Man sieht sie nicht.
November 2009 am Gewandhaus: Polizeieinsatz zur Studentendemo.
Screenshot aus Google-Street View: L-IZ
Es gibt noch einige solcher Häuser im Musikerviertel. Manchmal sind auch nur die oberen Etagen verpixelt, weil die Händler im Erdgeschoss ja doch gesehen werden wollen.
Ist natürlich die Frage: Sieht man die Leute sonst bei heimlichen Tätigkeiten? - Wohl eher nicht. Am Roßmarkt sieht man die Arbeiter der LSB bei Gleisbauarbeiten. In der Grimmaischen Straße wird ebenfalls heftig gebaut.
An der Minol-Tankstelle in der Lützner Straße liegt der Dieselpreis bei 1,36 Euro. Das war wohl auch im Sommer 2008. Und dann wollten wir doch gern mal Mark Lehmstedt in seinen Verlagsräumen in der Marktstraße besuchen - da ist doch tatsächlich auch dieses Haus verpixelt. - Bis auf das Schaufenster des Lehmstedt Verlages mit den Neuerscheinungen.
Aber schon der Blick zurück in die Lützner Straße zeigt: Da gibt es noch andere Hausbesitzer, die ihr Haus bei Street View nicht zeigen wollen. Dass sich die Hausbesitzer in der Odermannstraße 15 des Anblicks schämen - man versteht es. Und man kommt tatsächlich ins Nachdenken darüber, welchen Effekt es tatsächlich hat, Gebäude bei Street View unkenntlich zu machen. So ist auch das Eckhaus Demmeringstraße 21 hinter einem grauen Schleier verschwunden. Immerhin Sitz der Galerie 21, die man nun auch nicht mehr sieht. Das Theater der Jungen Welt ist zum Glück noch da und die Nathanaelkirche auch.
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