Jeder Punktgewinn - wie hier in Wiederitzsch - wird von den TuSsis frenetisch gefeiert.
Foto: Sebastian Lehmann
Ganz nah am Leutzscher Holz pflegten seit jeher die TuS-Männer die Fußballszenerie zu prägen. Doch seit Mai 2009 ist da ein junges Team, was am Fußball vor allem Freude haben will und zudem noch einen griffigen Namen hat: Die TuSsis Leutzsch.
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Es war der Morgen nach der Zeitumstellung von Winter- auf Sommerzeit in diesem Jahr. In Leutzsch drehen sich viele noch mal in ihren Betten um, als sich die ersten TuSsis aus der Koje machen, um endlich ihr Nachholspiel gegen Eintracht Leipzig Süd II hinter sich zu bringen. Mehrmals wurde das schon verschoben und weil bei Eintracht der Platz unter Wasser steht, muss kurzfristig in Leutzsch gespielt werden. Zu kurzfristig für den Verein, denn als die Mädels zum Vereinsgelände kommen, stellen sie fest: Alles zu, wo sonst alles offen ist. Zweite Überraschung: Das einzige Schlüsselkind der Truppe liegt noch im Bett („Was? Schon so spät?“).
TuSsi-Kreis: Eine für alle - alle für Eine!
Foto: Sebastian Lehmann
Noch rechtzeitig springt die freundliche Wirtin der Vereinskneipe zu Hilfe und kommt eher zum Platz, lässt die Sportler aufs Gelände. Zumindest die, die schon da sind, denn zwei TuSsis sind beim Duell Auto vs. Straßenbahn die Leidtragenden. Heike fällt und reißt Sandra zu Boden, zum Glück steht dahinter noch jemand, der die beiden bremsen kann. Die endlich Reingelassenen haben derweil schon lange bemerkt, dass jemand Wichtiges fehlt: Es ist kein Schiedsrichter da. Auch der Verband hat das Spiel vergessen. Als Notlösung sieht die Spielordnung des Verbands vor, dass eine Person, mit der beide Vereine einverstanden sind, das Spiel pfeifen darf. Und wofür das alles? Für ein langweiliges 0:0.
Das Trainerduo Micha (li.) und Chris.
Foto: Sebastian Lehmann
Geschichten über kuriose Erlebnisse gibt es einige bei den TuSsis aus Leutzsch, deren Gründung ursprünglich auf TuSsi Sandras Überzeugungskünste zurückgeht. Denn diese nervte ihre Freundin Miriam so lange, dass sie endlich Fußball spielen will, bis sie tatsächlich zum Frauenfußballkurs der Uni marschierten. Wie jeder Fußballkurs an der Uni war auch dieser reichlich besetzt. Eine Fundgrube an fußballinteressierten Mädels. Und weil Miriams Vater bei den Alten Herren des TuS Leutzsch kickte und einen guten Draht zum Vorstand hat, hatte sich der Unikurs auch schnell wieder erledigt. Die Mädels wurden sesshaft und organisierten über einen gemeinsamen Bekannten auch Trainer Michael, der ebenfalls acht Mädels an der Hand, aber keinen Fußballplatz hatte. Eine Verkettung glücklicher Umstände also.
Ansprache von Coach Micha.
Foto: Sebastian Lehmann
Seit dem ersten Training im Mai 2010 wird zweimal wöchentlich 90 Minuten trainiert. Die meisten Frauen haben zwar irgendwo mal Fußball gespielt, aber langjährige Fußballerfahrung hat keine vorzuweisen. Trotzdem sind die Ziele klar. „Wir haben einen strengen Fünfjahresplan“, schmunzelt Michael, „wir wollten dieses Jahr nicht Letzter werden. Das haben wir geschafft. In der kommenden Saison soll unsere Punktzahl zweistellig werden“. Bisher haben die TuSsis pro Saison gerade mal je acht Punkte geholt, allerdings ohne sich in den anderen Spielen abschießen zu lassen. Das 0:12 gegen die SG Räpitz im ersten Punktspiel der Geschichte dürfte gemeinhin als Startschwierigkeit gedeutet werden. Siege sind trotzdem eher selten. In der letzten Saison gelang genau einer: gegen den Letzten, die SG Lausen mit 4:1.
An der Motivation zehrt das allerdings nicht. „Die Mädels merken wöchentlich, dass sie sich verbessern, darauf kann ich meine Motivationsreden stützen“, so Trainer Michael, der zusammen mit Co-Trainer Chris die Mädels auf das Leben auf dem Platz vorbereitet. Groß motivieren müssen sie die Mädels nicht. Das kriegen sie allein hin. „Ich finde es allein motivierend, wenn ich sehe, dass wir gegen bestimmte Mannschaften dieses Jahr viel besser ausgesehen haben“, erzählt Sandra. „Mich motiviert vor allem, wenn ich bei einem Trainingsspiel gegen die Männer mal einen oder zwei stehen lasse und dann merke: ‚He! Die hast du gerade selbst ausgespielt’“, so Chrissy.
Der TuS-Präsident mit seiner Frau unter dem Spruchbanner der "TuSsi-Ultras".
Foto: Sebastian Lehmann
Ein Trainingsspiel gegen Männer gibt es häufig, die TusSsis pflegen einen guten Kontakt mit der zweiten und dritten Männermannschaft beim TuS, wie Nancy erklärt. „Wir bringen uns viel ins Vereinsleben ein und so lernt man sich eben kennen“. Auch wenn man sich bei manchen nicht ganz so sicher ist, was sie vom Frauenteam halten, denn einerseits hören die Mädels bei Fehlern auch mal den Kommentar „Ist ja auch ne Frau“, wie Nancy meint, aber andererseits „sehen uns manche sicher auch als Singlebörse“, so Chrissy. Neben den Männern werden die TuSsis auch regelmäßig vom eigenen Fanclub „TuSsi Ultra“ unterstützt, dem vor allem Freunde und Bekannte angehören, für die die Auftritte der Mädels mittlerweile ein Muss sind.
Wahrscheinlich, weil man immer etwas erleben kann. Am letzten Spieltag der ersten Saison trug es sich beispielsweise zu, dass der Schiedsrichter der vorhergehenden Begegnung die Kabine gen Heimat verließ und den Schlüssel von innen stecken ließ. Trainer Michael, übrigens „Midi“ genannt: „Leider haben wir aber Gitter vor den Fenstern, sodass wir auch nicht mal eben durchs Fenster reinklettern konnten“. Nach 30 Minuten Hin- und Herüberlegens war die Lösung gefunden. Erst wurde das angekippte Fenster mithilfe eines Fadens ausgehebelt und dann ein „ultradünnes Kind“ durch die Gitterstäbe geschickt. Die Kabine konnte geöffnet werden. „Der Schiedsrichterin für unser Spiel war das sichtlich peinlich“. Dafür kannte sie aber die Regel. Nicht selten kommt es vor, dass Schiedsrichter vor Spielbeginn lieber noch mal nachfragen. Kapitänin Miriam hilft dann auf die Sprünge: „Sie fragen dann, wie lange wir spielen und was man beim Kleinfeld beachten muss, weil sie noch nie oder lange nicht Kleinfeld gepfiffen haben“.
14 Monate gibt es die TuSsis mittlerweile. Wird einem der eigene Fortschritt mitten im Training bewusst? „Ich merke auf jeden Fall, dass mein Schuss jetzt kein Kullerball mehr ist“, berichtet Sandra. Chrissy hat dagegen bemerkt, dass „wir nicht mehr soviel foulen und uns nicht mehr so schnell weh tun“. Nancy sieht die Fortschritte auch im psychologischen Bereich. „Der Ball ist jetzt nicht mehr so fremd und der Bewegungsablauf nicht mehr ganz so bewusst. Es gibt jetzt Automatismen“.
Was gilt es dann also zu verbessern? „Jede Form der Taktik“, findet Laura. „Das Spielverständnis“, wirft dagegen Chrissy ein, „dass Mitspielerinnen wissen, wann ein Ball in den Lauf kommt und wann auf den Fuß“. Und wer weiß, in welche Tabellenregionen die TuSsis dann vorstoßen werden.
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