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Lauter 1813er und ein sächselnder König: Buchpremiere für "Des Königs Butterkrebse"

Ralf Julke
Buchpremiere für "Des Königs Butterkrebse".
Buchpremiere für "Des Königs Butterkrebse".
Foto: Ralf Julke
Erstaunliches ging am Donnerstagabend, 17. November, in der Dufourstraße vor sich: Hier parkte ein Auto mit einer 1813 am Nummernschild ein, daneben wieder eins mit einer 1813, dort eins mit einer 1812. Zumindest die 1813 spielt ja für Leipzig eine nicht unwichtige Rolle. Aber so viele 1813er auf einem Fleck? Was ging da vor? Was geschah da nahe bei in einer Weinhandlung, wo Uniformierte sich zwischen den Bouteillen tummelten?

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Na gut. Ganz so viele Uniformierte wie bei einem Fußballspiel waren es nicht. Drei waren es - einer in Blau, einer in Pastellblau, einer in knalligem Rot, Gelb und Weiß. Rot und Gelb wie ein Butterkrebs. Kennt zwar kein heutiger Sachse mehr, die Butterkrebse, die sich 1813 noch tummelten in Leipziger Gewässern. Und auf den Tellern derer, die es sich leisten konnten. Lang ist das her. Krebse tummeln sich nicht mehr. Die Gewässerqualität ist vier Stufen schlechter. Und so hübsche Uniformen wie die einstigen "Butterkrebse" tragen sächsische Soldaten heute nicht mehr. Ministerpräsidenten erst recht nicht.

Dabei war Friedrich August I., von seinen Untertanen der Gerechte genannt, sogar stolz darauf, die Farben seiner Leibgrenadiere zu tragen. Das Vorbild dafür, so meint Jürgen Standke, sei ihm dafür Napoleon gewesen. Sein großer Bruder, der den Kurfürsten von Sachsen 1806 zum König machte. Oder besser: ernannte. Man kann es auch eine Bestechung nennen. Denn im Gegenzug wurde Sachsen ja zum Verbündeten der Franzosen. Und sächsische Soldaten bluteten fortan in den wichtigsten Schlachten des Franzosenkaisers - marschierten auch im katastrophal gescheiterten Russlandfeldzug von 1812 mit. Und kamen nicht wieder.

Buchpremiere mit Fahnenträger, König, Autor und Kartograph.
Buchpremiere mit Fahnenträger, König, Autor und Kartograph.
Foto: Ralf Julke

Auch in Sachsen brodelte die Stimmung im Jahr 1813. Ein wenig davon bekommt man mit beim Lesen von Dr. Reinhard Münchs neuem Buch "Des Königs Butterkrebse", das an diesem Donnerstag in der Wein Galerie Leipzig in der Dufourstraße 28 Premiere feierte. Deswegen auch die auffällig fielen Autos mit einer 1813 im Nummernschild. Deswegen auch die Uniformierten. Der Auffälligste unter ihnen in diesen leuchtenden Butterkrebs-Farben: Friedrich August der Gerechte persönlich alias Jürgen Standke, dem Kenner der Leipziger Darstellerszene schon als Napoleon kennen. Doch der Job des Kaisers wurde auch ihm mit der Zeit ein wenig zu anstrengend, witzelt er an diesem Abend. Als Freunde ihm vorschlugen, in die Rolle eines anderen berühmten Protagonisten der Völkerschlacht zu schlüpfen, war er hocherfreut: "Das gefällt mir, hab ich gesagt. Das kann ich machen bis zum letzten Tag", so Standke.

Denn anders als Napoleon war Friedrich August dem Gerechten ein recht langes Leben beschieden: 1827 starb er - nach 64-jähriger Regierungszeit - im Alter von 76 Jahren. Dass er 1813 auf der Verliererseite stand, trugen ihm die Sachsen nicht nach. Wahrscheinlich hatten sie recht genau verfolgt, wie der sächsische Kurfürst und König ab 1806 in Zwänge geriet, die nicht mehr er selbst bestimmen konnte, sondern nur noch die großen Militärmächte der Zeit - Napoleon, der sich seine Verbündeten nicht nur kaufte, sondern auch mit Tricks und ein bisschen Erpressung an sich band, und die Preußen und Österreicher sowieso. Die auch längst vor den sogenannten "Befreiungskriegen" ihr eigenes Spielchen um die Vormacht in Deutschland spielten. Dass die Preußen nach der napoleonischen Niederlage nicht das ganze Sachsen einkassierten, scheiterte lediglich am Einspruch der Österreicher.

Buchautor Reinhard Münch mit König Friedrich August I. und Major von Odeleben.
Buchautor Reinhard Münch mit König Friedrich August I. und Major von Odeleben.
Foto: Ralf Julke
Geliebt haben die Sachsen ihren König wohl auch deshalb, weil er sparsam wirtschaftete und auch die ihm angetragene polnische Königskrone ablehnte. "Er war der einzige Souverän in Europa, der keine Schulden hatte", plaudert Jürgen Standke aus dem Nähkästchen. Genauso wie seinerzeit bei der Darstellung der Napoleonfigur hat er sich auch in Sachsen König Friedrich August I. kundig gemacht. Auch der Uniform wegen. Denn was zieht man als König nun an, wenn's dem historischen Vorbild tatsächlich entsprechen soll? Wichtigste Erfahrung: Die Leute, die so tun, als wüssten sie's, wissen's meistens nicht. Die Leute aus Crossen zum Beispiel, die den in Dresden zu sehenden Fürstenzug der Wettiner regelmäßig darstellen. Sie haben einfach die Figuren der Dresdner Kachelwand in Kostüme umgesetzt. Mit allen enthaltenen Fehlern. Dasselbe gilt für diverse Gemälde des Königs.

Es gibt auch eins, auf dem er in der Uniform seiner Leibgrenadiere dargestellt ist. Mit einigen Fehlern, die erst einer wie Jürgen Standke rausbekommt, wenn er sich wirklich um jedes Detail penibel bemüht. Das Ergebnis war am Donnerstag in der Dufourstraße leibhaftig zu erleben: lebensecht. "Und das Schöne", so Standke in Waffenrock und Perücke, "ich brauche meine Sprache nicht zu verstellen." Das Sächseln war ihm in die Wiege gelegt.



Zur Seite standen ihm an dem Tag Ernst Otto Innocenz von Odeleben, seinerzeit Major im sächsischen Generalstab, der Napoleon quasi ausgeliehen war als versierter Kartograph. Er begleitete den Kaiser bei seinen Fahrten durch Sachsen und war auch in Leipzig dabei. Er kommt auch in dem Buch vor, das am Donnerstag Premiere feierte. Beiläufig wie so mancher honorige Name aus der sächsischen Militärführung, den Franz und Friedrich von Dreßler in ihren 1813er Tagebuchaufzeichnungen erwähnten. Prächtig sieht er aus in seiner dunkelblauen Uniform - pleite ist er, als die Franzosen nach der Völkerschlacht eiligst abziehen aus Sachsen. Denn seine Güter bei Riesa wurden im Kriegsverlauf völlig verwüstet. Er muss bis zu seinem Lebensende 1833 in militärischen Diensten bleiben. "Aber", merkt Dr. Thomas Nabert, Geschäftsführer des Pro Leipzig e.V., der das herausgebracht hat, an, "von Odeleben stammt auch die erste topografische Karte Sachsens. Seine Arbeit wurde auch über Sachsens Grenzen hinaus geschätzt."

So ist das mit dem Ruhm. Man kann berühmt sein und trotzdem pleite.

Der dritte Uniformierte war eigentlich wegen der Fahne da. Denn zwischen 1807, als Napoleon den sächsischen Kurfürsten und König auch zum Herzog von Warschau machte, gab's eine Sachsenfahne im traditionellen sächsischen Gelb/Schwarz mit den Wappen Sachsens und Polens drauf. Bis 1815 offiziell. Ein Stück Geschichte, das zur Darstellung der Befreiungskriege extra nachgeschneidert wurde und zur Buchpremiere mit dem zugehörigen Fahnenträger im hellblauem Kostüm auftauchte.

Musik gab's auch - von CD geschmettert: originale französische Märsche aus der Napoleonzeit. So herrlich französisch, dass Thomas Nabert in den Augen der anwesenden Damen ein Leuchten entdeckt zu haben glaubte. Gewippt haben sie aber trotzdem. Denn französische Märsche sind hörbar anders als deutsche. Es wird weniger trompetet und mehr geflötet. Und selbst der Aufmarsch der Alten Garde ähnelte eher einem beschwingten Tanz.

Wer das gerade erschienene Buch "Des Königs Butterkrebse" noch nicht kannte, hörte - von Dr. Reinhard Münch umfassend erklärt - erste Eindrücke aus den beiden Dreßler-Tagebüchern. Und darf sich freuen: Weitere Bücher zum Thema Völkerschlacht sind in Vorbereitung. Bei Pro Leipzig eines zu den dramatischen Folgen der Völkerschlacht in Leipzig - von Augenzeugen erzählt. Und im Tauchaer Verlag ein Band zur Vorgeschichte des 1813er Dramas, dem Russlandfeldzug: "Auf dem Weg zur Völkerschlacht. Die Sachsen im Jahr 1812".


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