Zwei Mönche, viele Thesen und Kaffee mit ohne: Leo Leu verspeist ein Reformationsbrötchen
Leo Leu
31.10.2011
Ein Reformationsbrötchen mit Puderzucker.
Foto: Ralf Julke
Es hat vier Zipfel, einen Klecks Marmelade in der Mitte und sieht aus wie eine Lutherrose. So heißt es. Kluge Leute sind sich ja sicher, dass es gar nicht wie eine Lutherrose aussieht und auch keine ist. Aber lecker ist's und meine Bäckerin schmollt. Denn sonntags muss sie Brötchen verkaufen. Lutherische und andere. Ihr ist es egal, ob Luther eine Naschmaus war oder ein Miesepeter.
Anzeige
Natürlich war er ein Naschmaul. Und wer die richtige originale Lutherrose sehen will, fährt nach Erfurt in das Kloster der Augustinereremiten. Es steht in der Augustinerstraße - wo sonst? Und hat hübsche Farbglasfenster, auf denen Rosen abgebildet sind. Man sagt so, diese Rosen hätte Luther dann für sein Siegel verwendet. Was logisch ist, denn Luther war ja Augustinermönch und lebte in Erfurt in der Augustinerstraße - ab 1505, als er diese komische Sache mit dem Blitz erlebte und eben nicht Jurist wurde, wie sein Vater das wollte, sondern Mönch. Er wär auch ein berühmter Jurist geworden. Das wissen wir ja nun. 1511 entsandten ihn die Augustiner zum ersten Mal an die neue Universität in Wittenberg. Sie wussten ja nicht, was sie damit anrichteten.
1511 - da hatte ein anderer Mönch gewaltigen Ärger: Johann Tetzel hieß der, Dominikanermönch im Kloster St. Pauli in Leipzig. Er hatte schon vorher Ärger. Nicht wegen seines Ablasshandels - das war ja nur ein Job. Damit beauftragten die hohen Herren die Mönche, um Geld zu sammeln für ihre manchmal etwas selbstherrlichen Projekte. Der Deal war einfach: Wer so ein Ablassbriefchen kaufte, dem wurden ein paar seiner Sündlein gut geschrieben, der bekam also quasi einen Erlass aufs Fegefeuer und kam früher in den Himmel. Steht zwar so nicht in der Bibel. Aber die Sache funktionierte. So wurden ein paar hübsche Dome gebaut - auch der herrliche Petersdom in Rom.
Das war derart gängige Praxis, dass Johann Tetzel jahrelang durch die Lande ziehen konnte und verkaufen. 1504 zum ersten Mal. 1505 bis 1510 war er reineweg in Sachsen unterwegs. Und dann musste er schnell seine Zettel einpacken und verduften.
"Noch ein Tässchen, Herr Leu?"
"Aber gernstens."
"Wer ist der Bursche, den sie da haben? Ein Steckbrief? Jagen Sie jetzt Ganoven?"
"Nein, Nur Mönchlein. Mit ohne Milch, bitte."
"Ich weiß doch, Herr Leu."
Schelmischer Wimpernaufschlag. Drei Tage Fegefeuer. Ich sammle auch. Wo krieg ich Ablass? Wo ist mein Tetzel? - Rein geographisch weiß ich, wo er ist. Damals jedenfalls musste er ausbüchsen. Wegen unsoliden Lebenswandels. Das hört man gern. Er war also gar kein saurer Weltverächter. Und ein Zölibatus wohl auch nicht. Die Brüder schickten ihn vorsichtshalber aus der Schusslinie nach Süddeutschland. Wo er auch fleißig Zettelchen verkaufte und - naja - auch von den feschen Österreicherinnen die Finger nicht lassen konnte. In Innsbruck steckten sie das lebenslustige Mönchlein in den Kasten und verurteilten es - wegen Ehebruchs - zum Tode.
Da hätte die Geschichte ein Ende haben können. Hatte sie aber nicht. So viele gute Vertriebsmitarbeiter hatten die hohen Herren nicht. Und so galt auch für Tetzel: Gute Leute kriegen Hilfe von oben. In diesem Fall von Kurfürst Friedrich von Sachsen, der bat ihn von Kaiser Maximilian I. los. Der Kaiser steht übrigens auch in Leipzig herum: als Bronze-Figur am Städtischen Rathaus, gar nicht weit weg vom ehemaligen Dominikanerkloster. Manchmal liegt das alles dicht beisammen.
Gehört zum 31. Oktober: das Reformationsbrötchen.
Foto: Ralf Julke
Den Kaiser haben die Leipziger da verewigt, weil er ihnen das Messeprivileg bestätigte. Darauf waren sie so stolz. Passt ja wieder zu Tetzel: In Leipzig verstand man sich aufs Geschäftemachen. - Ist das heut noch so? - Keiner kann's mir sagen. Was weg geht wie warme Semmeln, sind heuer Reformationsbrötchen.
"Mit ohne Milch, Herr Leu. Noch ein Ref..."
"Oh nein, lieber nicht! Ich werde ganz unpassend."
"Für die hübschen Frauen?"
"Nein. Für meine Sonntagshose."
"Ich hätt es gar nicht bemerkt", sagt sie. Und springt davon, weil eine lange Schlange eifriger netter Familiengründer um den Tresen steht und Rosinenbrötchen, Hörnchen und drei mit Sesam haben will. Und eins mit Käse. Oder lieber mit Mohn? - Die Kasse klimpert. Die Kaffeemaschine summt. Und Tetzel ist wieder in Diensten. Er ist der beste Verkäufer im Land. 1516 muss er den Leuten ein neues Projekt verkaufen - fast so gewaltig wie der Citytunnel in Leipzig: Der Petersdom in Rom muss bezahlt werden. 1516 läuft er durch Sachsen und verkauft den Leutchen Ablasszettel. Und 1517 holt ihn der Erzbischof von Mainz, Albrecht von Brandenburg, in die Bistümer Halberstadt und Magdeburg. Da sprangen die Seelchen. Und auch die Wittenberger stellten sich in Magdeburg beim Tetzel an. Und das verdruss den 1512 zum Doktor ernannten Herrn Luther, der seitdem in Wittenberg lehrte.
Und nachdachte. Ihm kam das komisch vor, was der Tetzel da machte. Er fand das sehr absonderlich. "Der Schatz des Ablasses ist das Netz, mit dem man jetzt den Reichtum von Besitzenden fängt", dachte er sich. Und: "Man soll den Christen lehren: Dem Armen zu geben oder dem Bedürftigen zu leihen ist besser, als Ablaß zu kaufen." Und weil er Doktor der Theologie war, wollte er über das Problem auch mal öffentlich disputieren. Er schrieb also seine 95 Gedanken zu dem Problem auf und nagelte sie an die Kirchentüren in Wittenberg - wie das so üblich war. - Ganz ohne Klamauk. Er hat das Ganze auch hübsch drucken lasen. Ein Exemplar schickte er nach Leipzig ins Dominikanerkloster - an Herrn Johann Tetzel, Mönch. Denn mit dem wollte er Aug in Aug disputieren.
Herr Tetzel, der ja selbst das Ganze studiert hatte, hat wohl auch mit Gegenthesen geantwortet. Macht man ja heute noch. Da beauftragt man dann kluge Professoren aus Berlin dafür, dass sie beweisen, dass der Beweis keines Beweises bedürfe. Oder so ähnlich. Wer hat eigentlich Tetzels Antworten gedruckt? Wo sind sie?
Immerhin hat ihn der Papst 1518 extra zum Doktor ernannt. Das mit dem Doktortitel war auch damals schon eine Prestige-Sache. Und wenn nichts dazwischen gekommen wär, hätte Dr. Luther mit Dr. Tetzel disputiert - nicht mit dem Herrn Eck da aus Ingolstadt oder so.
Ein gepudertes Reformationsbrötchen mit leckerem Kaffee mit ohne.
Foto: Ralf Julke
Ob Tetzel gewonnen hätte? Vielleicht hat er sich auch gefürchtet vor dem öffentlichen Worteschwingen - ein guter Verkäufer ist noch lange kein guter Thesenverteidiger. Luther soll ihm noch einen Trostbrief ins Kloster geschickt haben. Wenig später raffte die Pest den fleißigen Tetzel von hinnen. Er wurde begraben, wo sich das gehörte - im Chor der Paulinerkirche. Deswegen weiß ich auch, wo er möglicherweise heute noch liegt. Denn der Chor wurde 1546 im Schmalkaldischen Krieg abgerissen und nie wieder hingebaut. Er könnte also heute noch da liegen, ein stückweit von den Mauern des neuen Paulinums entfernt unterm Pflaster des Augustusplatzes.
Das Reformationsbrötchen ist nun alle. Wie immer, wenn es was Leckeres gibt. Wurde mir andächtig dabei? - Mein Magen sagt: Ja. Aber eine Lutherrose war's nicht. Die hat fünf Blütenblätter, nicht bloß vier. Kluge Bücher meinen, hinter dem Reformationsbrötchen könnte auch ein Nachfahre des katholischen Martinshörnchens stecken. Es ist also vom Martinstag am 11. November einfach herübergewandert zum großen Tag des Professors Martin L. am 31. Oktober. Ein urchristliches Gebäck also. Mir summt ein ganzer Chor im Bauch.
"Hat's geschmeckt, Herr Leu?"
Jetzt schaut sie aber skeptisch. Schau ich zu selig drein? Kann sein.
"Ich brauche einen Beichtiger, meine Liebe. Ich habe gesündigt."
"Das war doch keine Sünde, Herr Leu!"
"In Gedanken schon", sag ich. Und küss ihr das Händchen. Und geh schweren Herzens in den Sonnenschein hinaus.
"Bis morgen, Herr Leu?"
"Aber ja, mit ohne ..." Aber vorher lauf ich noch eine große Runde um die Kirche. Sonst passt die Sonntagshose morgen nicht mehr.
"Grimms Märchen" ist seine vierte Show am Leipziger Centraltheater. Showmaster, Regisseur, Liedermacher und Schauspieler Rainald Grebe ließ in Leipzig Indianer vom Marterpfahl los, blickte in die "WildeWeiteWelt" und klettert seit Christi Himmelfahrt für Grimms Kinder- und Hausmärchen aus dem Sarg. Wir sind Grimm! Da bleibt kein Auge trocken, oder Herr Grebe? mehr…
Der Nachfolger für den umstrittenen Intendanten des Centraltheaters, Sebastian Hartmann soll ein „alter Bekannter“ werden. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung hat im Einvernehmen mit den städtischen Vertretern der Auswahlkommission sowie dem Betriebsausschuss Kultur und dem Fachausschuss Kultur dem Stadtrat den Schauspieldirektor des Chemnitzer Theaters, Enrico Lübbe, als neuen Intendanten des Schauspiels Leipzig vorgeschlagen. mehr…
Anzeige. Es gibt viele gute Gründe bei der AOK PLUS versichert zu sein. Einer davon: Keine Zusatzbeiträge bei der Gesundheitskasse für Sachsen und Thüringen. Ein weiterer Grund: Mit dem Wahltarif AOK PLUS aktiv können Sie sich zusätzlich bis zu 600 Euro Prämie sichern. Also machen Sie sich die doppelte Freude! mehr…
Biodiversivität ist ein sperriges Wort, dem aber aufgrund weiter um sich greifender Umweltzerstörungen auf unserem Planeten immer mehr Bedeutung zukommt. Die Artenvielfalt auf der Erde ist zunehmend bedroht. 60.000 Tier- und Pflanzenarten stehen auf der Roten Liste. Auch der Leipziger Zoo hat sich die Arterhaltung auf die Fahne geschrieben, gibt 165.000 Euro jährlich für Schutzprojekte aus und hat sich mit dem künftigen Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversivitätsforschung (iDiv) einen wichtigen Partner an Bord geholt. mehr…
„Wenn jeder hier im Raum begreift, dass Energiesparen nötig ist und beim eigenen Griff zum Lichtschalter beginnt, dann ist es egal, ob es ab heute einen neuen Umweltminister gibt“, machte Schulleiter Thomas Graupner am Dienstag, 22. Mai, im Berufsschulzentrum 7 deutlich, worum es bei der neuen Bildungsinitiative Energie geht. mehr…
Der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Leipziger Stadtrat Reik Hesselbarth hat den Beschlussvorschlag von Kulturbürgermeister Faber zur Umsetzung des Finanzierungsanteils für die Freie Szene scharf kritisiert. Denn statt einen Vorschlag zu machen, wie der Stadtratsbeschluss von 2008 bis 2013 erfüllt werden kann, hat Kulturbürgermeister Michael Faber am 16. Mai eine Verschiebung des Termins vorgeschlagen. mehr…
Eigentlich könnten sich die Freunde des Leutzscher Fußballs gedanklich schon in die Sommerpause verabschieden. BSG Chemie Leipzig und SG Leipzig Leutzsch haben beide die Klasse gehalten. Sportlich betrachtet geht es für beide Teams in den letzten Saisonspielen nur noch um die goldene Ananas. Wäre da nicht das grün-weiße Derby am 9. Juni. Die Chemie-Fans nutzen die Gunst der Stunde für eine klare Ansage. mehr…
Die Frage nach den personellen Konsequenzen in der Affäre um die Herrenlosen Häuser entzweit Leipzigs Parteien. Die linke OBM-Kandidatin Dr. Barbara Höll fordert eine Beurlaubung von Verwaltungsbürgermeister Andreas Müller (SPD). Für Leipzigs FDP ist Oberbürgermeister Burkhard Jung der Verantwortliche, Hölls Forderung nur „eine erste wahltaktische Brücke“. mehr…
Am 27. Mai, um 19 Uhr, lädt der Freundeskreis „Gohliser Schlösschen“ e.V. herzlich zu einer „Pfingstlesung“ in den Festsaal des Hauses ein: „Erleben Sie mit uns die abenteuerlichen Geschicke des Reineke Fuchs, und wie es ihm, mehrfach angeklagt und verurteilt, immer wieder gelingt, mit verblüffender Intelligenz, mit Witz und Verschlagenheit, mit Lug und Trug, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, um schließlich sogar 'Kanzler des Reichs' zu werden.“ mehr…
Die Drogenpolitik und der Umgang mit Suchtkranken in Leipzig ist und bleibt offenbar ein heißes Eisen, das von dem einen oder anderen Protagonisten mit mehr oder weniger Eifer am Glühen gehalten wird. So schlug ein Interview von Michael Burgkhardt in der LVZ hohe Wellen. Der Chef der Bürgerfraktion im Stadtrat, gleichzeitig Suchtmediziner, ging mit der Stadt und dem Umgang mit der Drogenszene Leipzigs hart ins Gericht. mehr…
Am Dienstag, 22. Mai, wurden im Festsaal des Neuen Rathauses die Leipziger Agenda-Preise 2012 verliehen. In fünf Kategorien wurden Preisgelder in einem Gesamtumfang von 14.000 Euro sowie Sachpreise im Wert von rund 10.000 Euro vergeben. mehr…
Die Lebenshilfe Leipzig organisiert vom 8. bis 10. Juni zum zweiten Mal ein Geschwisterseminar mit der renommierten Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide (Bremen/Geschwisterkinder.de) und ihrem Team. Dieses wendet sich an die Eltern und Geschwisterkinder in Familien mit behinderten Kindern und findet in der Jugendherberge in Dahlen bei Leipzig statt. mehr…
Den 29. Mai kann, wer Lust hat, sich über diese seltsame Stadt am sächsischen Westrand ein paar Gedanken zu machen, vormerken im Kalender. Es ist ein Dienstag. Und die Stadt lädt ein in die Kongresshalle, konkret in den Händelsaal. Ab 19 Uhr darf man rein und schon mal die Fühler ausstrecken, 19.30 Uhr beginnt die Auftaktveranstaltung für ein Leipziger Zukunftsprojekt. Motto: Leipzig weiter denken. mehr…
Am 24. Mai um 15 Uhr lädt der Garten Annalinde mit Kaffee und Kuchen herzlich zur Eröffnung seiner Gartensaison ein. Seit Juni 2011 gibt es den mobilen Nutzgarten auf der Freifläche hinter der Bibliothek Plagwitz. Neben Kohl und Kartoffeln in Säcken werden dort Radieschen, Salat und Tomaten zusammen mit einer Vielzahl weiterer, teils alter Kultursorten in mobilen Hochbeeten angebaut. mehr…
Das nächste Monatlich Gespräch über Wissenschaft findet am Mittwoch, 23. Mai, um 19:30 Uhr im Haus des Buches (Gerichtsweg 23) statt. Moderiert wird es von Bettina Kremberg und Ulrich Johannes Schneider. Im Mittelpunkt steht Martin Seel, der über "111 Tugenden. 111 Laster" spricht. mehr…