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Michael Kölmel und der Leipziger Fußball (2): Wir wären ja schon froh, wenn einer in der dritten Liga mitspielt!

Robert Weigel/Jan Kaefer
Gedanken machen über höherklassigen Fußball im Zentralstadion: Michael Kölmel.
Gedanken machen über höherklassigen Fußball im Zentralstadion: Michael Kölmel.
Foto: Jan Kaefer
Als Herr über das Zentralstadion ist Dr. Michael Kölmel ein Schwergewicht im Leipziger Fußball. Mit den L-IZ-Redakteuren Robert Weigel und Jan Kaefer sprach der 55-jährige Unternehmer unter anderem über seinen Ärger über die erneute Pleite des FC Sachsen.

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Außerdem Thema: Warum Leipzig bei der Jagd nach dem runden Leder nicht auf professionelle Beine kommt und weshalb der deutsche Fußball im internationalen Vergleich immer noch hinterher hinkt.

Herr Dr. Kölmel, ihr Ziehkind, der FC Sachsen, steht erneut vor der Pleite. Wie haben Sie denn die letzten Nächte geschlafen?

Es hat mich sehr geärgert, dass der Verein wieder in die Insolvenz geht, denn für mich ist das ein großer finanzieller Verlust. Grund dafür sind diesmal die geringen Einnahmen. Die Regionalliga hatte nicht den erwarteten Zuschauerzuspruch. Sponsorengelder, die man eingeplant hatte, sind ausgefallen. Das ist ärgerlich. Man schiebt das immer auf die Vergangenheit, aber daran liegt es aus meiner Sicht gar nicht. Das sind Altschulden, die im Wesentlichen durch mich abgedeckt sind, da sind Zins und Tilgung überhaupt nicht mehr angefallen. Enttäuscht bin ich darüber, dass man es in dieser Saison es nicht geschafft hat, mit dem Aufstieg neue Sponsoren zu finden, die alten zu halten, und auch neue Zuschauergruppen zu erreichen.

Sie dürften auf der Gläubigerliste einen Spitzenplatz einnehmen. Wie viel Geld müssen Sie denn jetzt abschreiben?

Das alte Geld, das ich in den letzten Jahren immer wieder in den Verein gesteckt habe, habe ich im Kopf schon abgeschrieben gehabt. In dieser Saison bin ich mit einer Bürgschaft eingesprungen, die wichtig für die Lizenzerteilung in der Regionalliga war. In anderen Städten war das eine Aufgabe, die die ganze Stadt beschäftigt hat, bei der auch die Stadtverwaltung sich eingesetzt hat. Hier habe ich das gemacht und jetzt hat man meine Bürgschaft von 200.000 Euro gezogen. Das Geld ist weg und drei Tage später meldet der Verein Insolvenz an. Das ist schon mehr als ärgerlich.

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Glauben Sie, dass es einen Insolvenzplan geben wird, und werden Sie dem zustimmen, damit der Verein überleben kann?

Ich werde trotz aller Verärgerung auf jeden Fall zustimmen. Ich habe kein Interesse daran, dass der Verein jetzt zerstört wird. Ich sehe die Gefahr eher bei Finanzämtern, Krankenkassen usw. Die, und das war beim VfB Leipzig so, vielleicht einfach sagen: Wir haben keine Interesse mehr, dass Vereine, die jetzt schon zwei Mal pleite gegangen sind, noch ein drittes Mal hier auftauchen. Wenn es zu keinem Insolvenzplan kommt, wird der Verein liquidiert, dann muss man wieder ganz unten anfangen. Wobei Lok ja die Zeit genutzt hat, die Marke und den Kult wieder zu reaktivieren. Thema Rathaus.

Sie haben in der Vergangenheit immer wieder mehr Engagement von Seiten der Stadt gefordert. Was genau haben die Sportexperten im Rathaus denn falsch gemacht?

Mit dieser Meinung stehe ich ja nicht alleine da. Klaus Reichenbach (Präsident des Sächsischen Fußballverbandes/d. Red.) hat in der Leipziger Volkszeitung auch angemerkt, dass die Hauptverantwortung an der Misere eher bei der Stadt liegt. Es ist halbherzig, wenn man 50 Millionen Euro Bundeszuschuss annimmt und das Stadion auch plant, einen Investor sucht und dann mit dem Fußball nichts mehr zu tun haben will.

Ich sehe außer dem Spitzensport, den man in Leipzig dann nicht hat, auch, dass Fußball eine soziale Funktion hat. Die ganzen Jugendmannschaften, der Sportbetrieb, die Sportschulen, von der Hochschule über Gymnasien mit sportlichem Profil – alle hängen da mit dran. Ohne Spitzenfußball schafft man keine Integration. Und im Sachen Profifußball hat man es in Leipzig nie geschafft in großen Zusammenhängen zu denken. Das ist kein Thema, das nur den Sportbürgermeister oder das Sportdezernat angeht, das muss auch das Wirtschaftsdezernat interessieren.

Profifußball ist Standortpolitik, da werden Arbeitsplätze geschaffen, die auch nicht von Leipzig in ein anderes Land verlegbar wären. Das täte Leipzig in jeglicher Hinsicht gut. Im Rathaus hat man sich aber nicht darum gekümmert. Wenn man die letzten Jahre betrachtet, sind die Sponsoring-Ausgaben von städtischen Betrieben eher stärker zurückgegangen.

Viertklassiger Fußball in Leipzig genügt nicht ...
Viertklassiger Fußball in Leipzig genügt nicht ...
Foto: Jan Kaefer
In den vergangenen Jahren ist viel darüber diskutiert worden, dass man einen gemeinsamen Leipziger Fußballverein aus der Taufe hebt – fernab der Fanrivalitäten, die zwischen 1.FC Lok und FC Sachsen herrschen. Ist jetzt nicht genau der richtige Zeitpunkt, den Plan wieder aufzugreifen?

Wenn Sie die Fans oder die Verantwortlichen fragen, dann sagen die: 'Das geht auf keinen Fall!' Wenn man sich mit der Tradition der Vereine, mit der DDR-Fußball-Geschichte beschäftigt, gibt es für diese Sichtweise gute Gründe. Chemie war immer der Underdog, dem die Spieler wegdelegiert worden sind und dann sind sie doch DDR-Meister geworden. Lok war der Verein, der auch international erfolgreich war. Das waren zwei Welten. Dass man diese Rivalität noch heute kultiviert, da fassen sich natürlich viele an den Kopf. Vor allen Dingen Jüngere und Leute, die erst später nach Leipzig gekommen sind. Aber das scheint wohl nicht zu vermeiden zu sein.

Aber auch im deutschen Fußball gibt es inzwischen neue Entwicklungen. Wenn man sich das Beispiel Hoffenheim ansieht, stellt man fest, dass man auch ohne Tradition Stadien füllen kann. Wenn das stimmt, weshalb die Leute kommen: Es wird guter Fußball gespielt. Und Hoffenheim wird den deutschen Fußball sicher auch in den nächsten Jahren noch prägen. Tradition ist nicht alles – sie kann wie hier in Leipzig auch ein Ballast sein.

In Hoffenheim hat man dafür sehr viel Geld an die Hand genommen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass in Leipzig ein ähnlich wohlhabender und fußballverrückter Unternehmer auftaucht. Ist es trotzdem möglich, dass man hier einen Fußballverein mit den richtigen Machern an den richtigen Positionen eine ähnliche Entwicklung durchmachen lässt?

Denkbar ist alles, aber ich will da jetzt nicht spekulieren. Der Mitteleinsatz in Hoffenheim ist natürlich enorm. Das Stadion bräuchte man in Leipzig immerhin nicht mehr zu bauen, das hätte man schon. Einen Durchmarsch im Stile von Hoffenheim, die jetzt sogar in der Bundesliga-Tabellenspitze mitmischen, ist aber auch gar nicht die Erwartungshaltung in Leipzig. Wir wären ja schon froh, wenn einer in der dritten Liga gut mitspielt. Entsprechend niedriger wäre auch der Geldeinsatz.

Dr. Michael Kölmel: Ohne externe Kräfte geht's nicht ..
Dr. Michael Kölmel: Ohne externe Kräfte geht's nicht ..
Foto: Jan Kaefer
Momentan schleicht überall das Schreckgespenst Wirtschaftskrise über die Flure der Management-Etagen. Ist es aktuell überhaupt möglich, regionale und überregionale Unternehmen dazu zu bringen, in ein neues Projekt zu investieren?

Fußball ist immer noch relativ attraktiv und in Deutschland nicht so ausgereizt wie in anderen Ländern. Ich denke schon, dass so etwas möglich ist, vor allen Dingen, weil auch die 3. Liga in den Medien relativ präsent ist. Es ist für Sponsoren, die das professionell angehen, kalkulierbar. Ob hier in Leipzig die Krise etwas verändert, bezweifle ich. Hier ist die Sponsoren-Situation ohnehin schon schlecht. Viel schlechter kann es eigentlich nicht mehr werden.

Vor einigen Jahren hatte der Getränkeriese Red Bull seine Fühler nach Leipzig ausgestreckt, wollte beim FC Sachsen einsteigen, ist aber am Veto des DFB gegen eine Umbenennung gescheitert. Obwohl solche Deals in anderen europäischen Ligen und durchaus auch in anderen Sportarten in Deutschland an der Tagesordnung sind. Sind die deutschen Fußballfunktionäre da ein bisschen hinter der Zeit zurück?

In Deutschland ist der Fußball noch in der Form des eingetragenen Vereins organisiert. Daran haben viele ein Interesse. Vor allem deshalb, weil in den Verbänden und Vereinen oft die Politik von ehemaligen Spielern bestimmt wird. Nicht unbedingt direkt sondern eher als Strippenzieher im Hintergrund in Form von Spielervermittlern oder sportlichen Leitern. Diese Macht ist in der Form von eingetragenen Vereinen leichter zu konservieren. Jeder Präsident, der um seine Wiederwahl kämpft, wird immer die populären Helden der Vergangenheit reaktivieren. Das sind die deutschen Verhältnisse.

Ich glaube, dass der deutsche Ligafußball im Vergleich zum internationalen Fußball dadurch relativ schwach ist. Das Geschäft wird kontrolliert von den ehemaligen Spielern in unterschiedlichen Funktionen. Das ist sicher ein Hemmschuh. Diese entscheidende Rolle haben Ehemalige in anderen Ländern nicht, vor allen Dingen nicht in dieser finanziellen Form. Was frühere Spieler als Vermittler und Manager heutzutage in den Vereinen verdienen ist unglaublich.

Nach der Sachsen-Pleite ist damit zu rechnen, dass ab der kommenden Saison der 1. FC Lok die erste Kraft im Leipziger Fußball sein wird. Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zum Verein?

Wenn Lok nicht aufsteigt, hätten wir wieder einen Patt. Ich treffe Herrn Kubald (Präsident des 1.FC Lok/d. Red.) regelmäßig, wir hatten erst kürzlich wieder Mietverhandlungen wegen der Spiele im Zentralstadion. Lok hat in den letzten Jahren eine gute Entwicklung hingelegt. Wobei die Schwierigkeiten erst dann beginnen, wenn man unten steht. Und vielleicht dann um Abstiege zu verhindern, mehr Geld ausgibt, als man hat, in der Überlegung: abzusteigen kostet noch mehr. Lok ist bis jetzt immer aufgestiegen, spielt immer oben mit, sorgt für Euphorie. Für Leipzig ist das auf jeden Fall gut.

Was trauen Sie dem Verein in der Zukunft zu?

Ohne externe Kräfte ist in Leipzig finanziell nicht mehr als Regionalliga möglich. Das hat aber auch mit der Regionalliga selbst zu tun. Die ist durch die ganzen zweiten Mannschaften nicht sonderlich attraktiv.


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