Auf dem Balkon steht ein Wald. Ein kleiner zumindest. Eingewickelt in ein Netz. Mit Preisschild. Schröder will nichts anbrennen lassen. Er freut sich seit Tagen auf das Fest aller Feste, steht Abend für Abend mit dampfendem Glühweinbecher an der Balkontür und summt: "Schöner Baum. Was für ein schöner Baum."
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Wenn ich mal höflich frage, ob ich mal raus darf, um den Baum zu inspizieren, sagt er einfach "Nein." Garstiger Mann. Als wenn ich seinem schönen Baum was zuleide täte. Tät ich ja nicht.
Nuuuur einnn bissschääään!
Nein!
Bisschäään schnupperrrrrn!
Nein!
Dann eben nicht. Bin ich beleidigt. Hol mir was Warmes zum Anziehen. Ist ja kalt hier. Kein Wunder, dass die Römer nicht dageblieben sind. Hier friert's einen an jedem Barthaar. Kein Wunder, dass die ollen Germanen die Mammuts ausgerottet haben. Und die Höhlenbären. Und die Wollnashörner. Alles schöne warme Felle.
Fänd ich hier einen Höhlenbären, würde ich ihm auch das Fell über die Ohren ziehen. Ist aber keiner da. Nicht mal unterm Sofa. Liegt nur eine leere Chips-Tüte. Und eine Salamipelle. Und ein ehemaliger Hausschuh. Er traut sich nicht mehr raus, weil ihm irgendwer das Fell zerzaust hat. Er hätte sich ja wehren können, als er mich im Dunkeln erschreckt hat. Hat er aber nicht.
Ganz anders als das Schaf im Flur. Das wehrt sich zwar auch nie. Aber irgendwie scheint es heimlich zu blöken, wenn ich nur in seine Nähe komme. Immer ist dann sofort Schröder da, seinen Glühweinbecher in der Hand: "Nein, hab ich gesagt."
Eine rote Nase hat er schon. Und behandelt mich, als wär ich ein Hund. Dabei hab ich sein blödes Schaffell nicht mal aus dem Augenwinkel angesehen. Hab mir nur die schöne altmodische Garderobe angeschaut, dunkles, verschnörkeltes Holz, Extra-Ablage für schöne weiche Schals und Schröders Wollmütze mit Ohrenschutz.
"Neihein, Herr Kater", sagt er noch. Der Becher ist leer. Jetzt muss er Nachschub holen. Weil Amalia seit Wochen Plätzchen bäckt, schimpft sie nicht, murmelt nur: "Das ist schon dein dritter Becher!"
"Mmmuss doch auf dddas Mmmmistvieh aufpasssn."
"Welches Mistvieh? Doch nicht unser Kater?"
"Ebn derschelbe. Proscht."
Die Wohnung duftet nach heißem Wein. Das steigt in die Nase. - Haptschie!
"Habisch doch gewuscht, du Mischtvieh, komm du da runter!"
Ein bunter Schal baumelt verräterisch an der Garderobe. Ein schöner Fellhandschuh hängt über den Rand. Nicht mehr lange. Denn mit Glühwein ist Schröder ein fixer Kämpfer. Dann hat er den Handfeger gleich bei der Hand, und dann auf ihn mit Gebrüll. Und Schnaufen. Und Ächzen. Ist ja nicht so einfach für einen kleinen Dicken, in das hohe Garderobenfach hineinzulangen und dann zu fegen, dass der Wald ächzt. Oder die Mützen fliegen, die Schals und Fäustlinge. Und die leeren Pralinenpackungen.
"Habisch doch schewuscht, du Mischtvieh. Komm rausch, du."
Und weil keiner kommt, holt er sich einen Stuhl aus Amalias Küche, auf den er hinaufsteigt mit Bravour. Und dann schaut er emsig in die leer gefegte Garderobe. Hinten liegt noch was. Klein und grün. War wohl mal ein Käsewürfel, als es noch jung war. Aber kein Schwanz von keinem Kater. Nicht mal ein Schnurrhaar. Hat er sich wohl getäuscht. Und setzt sich schnaufend auf den Stuhl.
"Mensch Schröder", sagt Amalia, als sie ihn da sitzen sieht. Und räumt alles wieder ein. "Vielleicht solltet ihr euch lieber vertragen."
Schröder nickt. Was soll er tun? Für heut ist er aus der Puste. Vielleicht ist's auch Amalias selbstgebastelter Glühwein. Vielleicht ist's auch der grüne Schnurzel, der aus der Tasche seines liebsten Wintermantels hängt. Schöner grüner Schnurzel. Der sich immer mal wieder aufrollt. Und schnurrt. Das beruhigt in solchen Situationen. Und am Ende des fröhlichen Backtages findet Amalia ihren Dicken im Flur auf dem Stuhl sitzend. Und da schläft er. Friedlich wie's Christkind. Den halbvollen Becher brav umklammert. Und sein Mantel summt genauso zufrieden vor sich hin. Manchmal macht der Mantel "Hicks!"
Vielleicht ist der Becher nun auch halbleer. Wer will das sagen? Darüber streiten sich ja sogar die Apotheker.
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